Gedanken, Natur und Leben
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Zeitlos Überdauert – Wenn Zeit bedeutungslos wird

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Jeder Lebensabschnitt, jedes Alter hat seine Berechtigung und Aufgaben. Die Entwicklung eines Menschen kann nicht nur linear, einem Ziel folgend, verstanden werden. Alle Stationen im Leben stehen für sich, als sowohl für das Individuum, als auch für die gesamte Gesellschaft notwendige Facetten der Lebens-Erfahrung und ihrer Möglichkeiten und Verantwortungen. Der erwachsene Mensch sollte seine Position im Hier und Jetzt erkennen, akzeptieren und nutzen. Dabei spielt der Austausch mit allen anderen Generationen jeden Alters – ja sogar mit den Verstorbenen – eine bedeutende Rolle. Die Furcht vor der Vergänglichkeit, dem Tod, ist unter Anderem ein Symptom der fragmentierten Individualgesellschaft.

Eine Grundvoraussetzung für ein gesundes, glückliches Leben ist, selbiges als einen ewigen Kreislauf zu betrachten. Die Vermittlung dieses Wissens war der Kernaspekt der vorchristlichen, europäischen Religion, bzw. der europaweiten Traditionen und Kulturen. Diese Lebensauffassung und Weltsicht kann nicht hinter Mauern in theoretischem Bücherstudium erworben werden. Stattdessen ist die Natur und der Kreislaufcharakter des Lebens selbst der Lehrmeister. Um diesen zu verstehen, ist ein naturnahes und generationenübergreifendes Zusammenleben Voraussetzung.

In einer homogenen Gesellschaft mit gleichmäßig verteiltem Generationenanteil verschwindet die Illusion der Zeit von ganz allein, bzw. beschränkt sie sich auf nur wenige Jahre. Dem Bewusstsein öffnet sich ein Fenster in Vergangenheit und Zukunft und es wird erkennen, dass die empfundenen zeitlichen Abstände nur eine Folge der geistigen Abtrennung des Individuums vom Kreislaufcharakter des Lebens sind.

Sicher, lässt man eine Uhr tausend Jahre laufen, während Menschen geboren werden, leben und sterben – so ist ein Jahrtausend mit all seinen unzähligen Ereignissen und Emotionen vergangen. Der Reichtum der Erlebnisse und Erfahrungen lässt sich dabei kaum ermessen. Ist die beobachtete Gesellschaft aber in der Anzahl ihrer gleichzeitig lebenden Mitglieder überschaubar und diese über Generationen hinweg homogen, sodass sich bildhaft ausgedrückt die Großeltern in den Enkeln wiedererkennen – wird dann nicht der Begriff „Zeit“ unbedeutend? Die Alten und Verstorbenen leben in den Jüngeren weiter; erstehen durch sie wieder auf, lernen erneut und werden durch Traditionen, Geschichten und Relikte an ihr vorangegangenes Leben erinnert. So können eben diese tausend gemessenen Jahre vergangen sein – und doch werden nachher zwar nicht die selben, aber die gleichen Menschen wie zu Beginn der Zeitmessung anzutreffen sein.

Auch vorübergehende Naturkatastrophen und Nöte werden das Grundwesen dieser Gemeinschaft nicht verändern, solange die Landschaft, in der die Menschen verwurzelt sind, erhalten bleibt oder durch Neubesiedelung einer gleich gearteten Naturumgebung ersetzt werden kann. Auch bin ich der Meinung, dass eine solche Gemeinschaft durch einen Ortswechsel in seelenfremde Landschaft im Sinne von Anpassung gar nicht verändert werden kann. Vielleicht ist es eine Frage der Definition, aber eine solche sogenannte Anpassung käme nach meinem Verständnis eher einer Verdrängung des Ur-Eigenen und damit einer schleichenden Auslöschung gleich. Es wäre der Beginn einer neuen Gesellschaft, einer neuen Art und Kultur – nicht der anpassende Wandel der Vorangegangenen.

Jeder einzelne Mensch ist Ausdruck des biologischen und kulturellen Gesamtwerkes seiner Artengemeinschaft und braucht sich vor der Vergänglichkeit seiner eigenen derzeitigen körperlichen Erscheinung nicht zu fürchten. Er wird wiederkehren und erneut erblühen, so wie die Blumen im Frühling aus dem Schoß der Erde auferstehen und sich nach der Sonne strecken.

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