Gedanken, Natur und Leben
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Zeitlos Überdauert IV – Die Suche nach Dir selbst

„Das wird heute nichts mehr.“ Ich kippe die letzten glimmenden Zweige aus dem qualmenden Hobo-Kocher aus, falte ihn zusammen und packe alles zurück in den kleinen Rucksack. Vor zwei Minuten begann es zu nieseln, sodass ans Zubereiten einer Mahlzeit hier in diesem ohnehin schon feucht-modrigen Waldstück nicht mehr zu denken war. Auch mit trockener Birkenrinde hatte ich das Holz nicht entzünden können – ich gehe heim, der Weg ist nicht weit. Es ist Januar, der Himmel grau, der Boden matschig und es dämmert bereits.

Haare, Kleidung, Haut – alles riecht nach beißendem Rauch von schwelendem Feuer; die Hände sind schmutzig vom Ruß, die Schuhe vom Schlamm der Wege. Kommt man so heim und denkt dann an den bevorstehenden Montag – steigt demütig in die reinigende Duschkabine – kommt da eine Ahnung von Nutz- und Sinnlosigkeit auf. Hat man sich „zum Spaß“ mal wieder ein bisschen schmutzig gemacht, wollte ein wenig der Leere entfliehen und findet das bald selbst lächerlich und arm. Ja, wie ärmlich ist es überhaupt, sich nach einem echten Kochfeuer zu sehnen? Was stimmt denn nicht mit dem sauberen, schnellen Ceranfeld daheim? Ist es, weil der Mensch in den Tiefen seiner Seele noch immer von der Magie des Feuer fasziniert ist? Fehlt es an Authentizität, am ganzen Drum und Dran? Das Drehen eines Schalters reicht nicht zum Ritual, es ist schlichtweg zu einfach, zu effizient.

Das Verlangen, einen handgeschrieben Brief statt einer E-Mail zu verfassen, spüre ich hingegen nicht; was aber weniger mit Effizienz, als mit den Möglichkeiten der Korrektur zu tun hat. Es geht auch nicht darum, alle modernen Entwicklungen abzulehnen, sondern die Frage zu stellen, inwieweit sie noch unsere archaischen Bedürfnisse erfüllen können. Das Gefühl des Glücklichseins wurzelt tief in den primären Instinkten des Menschen. Diese einfachen Urinstinkte sind auch heute noch der Hauptantrieb unseres Denkens und Handelns, was in einer mehr und mehr verkomplizierten Welt zu abstrusen, ja krankhaften Verwirrungen führen kann.

Die drei Grundinstinkte sind:

  • der Überlebenstrieb (und Sicherheitsinstinkt)
  • der Rudelinstinkt (Gemeinschaft und Rangordnung)
  • der Vergnügungsinstinkt (Spiel- und Genusstrieb)

An diesen Bedürfnissen änderte sich seit Anbeginn der Menschheit bis zum heutigen Zeitalter nichts; bloß die Art und Weise ihrer Erfüllung wandelte sich teils radikal. Es ist schwer vorstellbar, dass die nomadischen Jäger und Sammler der Steinzeit aufgrund ihrer Lebensumstände ständig unglücklich gewesen waren, weil sie große Mühe hatten, die eben genannten Insinkte zu befriedigen. Tatsächlich glaube ich eher, dass es wesentlich einfacher war, zufrieden und damit glücklich zu sein – und, nach was sonst strebt der Mensch denn bis heute, wenn man alle Fragen nach dem Grunde eines Handelns zuende führt? Aber nicht nur, dass das Erreichen der temporären Erfüllung simpler vonstattenging – auch die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Handelns waren wesentlich geringer als heute. Also warum dann Fortschritt und Entwicklung mitsamt der destruktiven Folgen, wenn es doch so einfach gewesen ist?

Eben weil das, was wir Entwicklungsgeschichte des Menschen nennen, keine stetige Verbesserung desselben, keine Höherhebung, keine Auferstehung vom Niederen ist, sondern ganz im Gegenteil eine fortschreitende Degeneration, die Schwäche gebiert und durch Selbige weiter beschleunigt und vorangetrieben wird. Wir werden immer ärmer an Leib und Seele (was auch immer man unter Seele verstehen möchte; vielleicht ist Psyche hier der bessere Begriff). Zu sagen, es gäbe kein „Zurück“, ist in zweierlei Hinsicht falsch: Zum einen verrät die Aussage eine gewisse Denkblockade, die sich am Glauben an einen linearen Zeitverlauf festgefahren hat. Wenn es möglich wäre (und das ist es), dass sich die Um- und Zustände der Steinzeit erneut ergeben – befinden wir uns dann wieder in der Vergangenheit oder wäre es eine, vom jetzigen Standpunkt aus gesehene seltsame Zukunft? Lässt es sich nicht auch so sehen, dass sich diese spezifische Realität, nennen wir sie eben „Steinzeit“, nun (wieder?) hervortut; sie also sozusagen „zeitlos überdauerte“?

Wandel und Wiederkehr. Mein unbändiger Drang nach Unabhängigkeit in vielerlei Form, meine Begeisterung dafür, mit dem Nötigsten auf dem Rücken in die Ferne zu wandern, die Sehnsucht draußen zu leben, einfach zu leben – ist dies der Geist meiner Vorfahren aus einer Zeit vor der Sesshaftigkeit, als sie Neanderthaler waren und jagten und sammelten? Es kann nicht die bloße Kompensation des traurigen Alltags sein, die sich da Wege der Flucht sucht, dafür reichen die Konstanten zu weit in die Kindheit.

Der zweite Fehler im „Zurück“ der oben genannten Aussage liegt in dessen Bezug zum Fortschrittsglauben, der tatsächlich erschreckend religiöse Züge angenommen hat. Wie bereits am Anfang des vorhergehenden Absatzes dargestellt, wäre ein Leben als eine nomadische Jäger- und Sammlerkultur keineswegs eine Rückentwicklung, sondern würde den Menschen im Vergleich zum heutigen Stand erheblich aufwerten. Verkümmerte Sinne würden wieder geschärft, vergessene Techniken würden wiederentdeckt werden und vielleicht bekämen wir Fähigkeiten zurück, die der sogenannte moderne Mensch mit komplizierten Maschinen zu ersetzen versucht hat. Schamanen verschiedenster Naturvölker der Erde sind beispielsweise in der Lage, Geistreisen zu unternehmen, mit den Augen von Tieren zu sehen und wahrhaft zu heilen – nicht nur Symptome zu bekämpfen. Ist so manches, was uns heute primitiv erscheint, in einem größeren Kontext gesehen vielleicht einfach die bessere Methode? Unsere Instinkte sind nicht auf die moderne Zivilisation angewiesen; wir glauben es zu sein – und auf individueller Ebene mag es für viele auch zutreffen, denn sie haben sich in einem verhängnisvollem Maße an sie angepasst; sie sind gezähmt. Die wirkende Kraft hinter dem Menschen aber wird neu aufglühen und ihr Abbild wandeln.

Aber was hat das alles mit dem Untertitel dieses Artikels zu tun? „Die Suche nach Dir selbst“? Die Frage, wer man sei, wurde früher mit „Ich bin Sohn/Tochter von…“ beantwortet. Heute ist die Antwort für gewöhnlich irgendeine Berufsbezeichnung, weil diesem wirtschaftlichen Faktor eine höhere Stellung eingeräumt wird als der Familie. Das eigene Selbst nur im Jetzt lebenden Individuum zu suchen, wäre eine sehr oberflächliche Betrachtung und ergäbe keine zufriedenstellende Antwort nach dem Grund diverser Kontinuitäten im eigenen Leben. Neben Umwelteinflüssen, den Umständen der Geburt und natürlich den Eigenschaften der Eltern beeinflussen desweiteren nicht nur die Gene der Ahnen unsere Persönlichkeit (und das Erscheinungsbild) sondern auch deren Erlebnisse, ihre Erfahrung und ihr Wissen – dies äußert sich dann in uns in Form einer Art Intuition, einer angeborenen Weisheit und nur schwer zur verleugnenden Art zu denken/fühlen.

Überhaupt muss eigentlich gar nicht so viel mit dem Verstand gedacht werden, wie immer gern gefordert und gewünscht wird. Kreativität – um die es ja oft geht – entspringt beispielsweise so gut wie nie einem aktiven Denkprozess, sondern kommt als eine Eingebung daher oder ergibt sich aus dem blitzschnellen, unbewussten Verknüpfen von Assoziationen. Diverse Ängste und Zwänge blockieren diesen Vorgang. Eine absolute Stille der Gedanken, eine tiefe, entspannende Leere im Kopf, nämlich das ständig drehende Karussel mal anzuhalten, gelingt wohl nur noch Wenigen bei vollem Bewusstsein. In den traumlosen Tiefschlafphasen erholt sich der Körper damit – aber schon in den Träumen und spätestens ab dem Moment, wenn sich die Augen am Morgen öffnen, surrt und rattert und schnattert es wieder im Schädel, verengen sich die Gedanken, macht es uns blind und rastlos. Wir stehen so unter Strom, wie all die elektronischen Geräte und Maschinen, die wir zur Kompensation verlorener Fähigkeiten benutzen. Wenige kreative, mit dem Ideenkosmos in Verbindung stehende Menschen haben sie erfunden; die meisten nutzen sie nur und machen sich abhängig.

Wenn man sich also fragt wer man ist, dann sollte einem bewusst werden, welche Menschen Anteil an der eigenen jetzigen Gestalt hatten. Der menschliche Organismus – und überhaupt jeder Organismus – ist kein von der Umwelt abgeschlossenes System; etwa wie ein robotisches Ding mit diversen Sensoren ausgestattet, welches sich in einer materiellen Außenwelt bewegt. Nein, jedes Lebewesen und sogar die unbelebten Dinge sind fest mit der Erde und dem Kosmos verwoben und hinter jedem steht eine spezielle Kraft und Idee. Die Ahnen haben eindrückliche Dinge gesehen und erlebt – und so ergab sich ein Eindruck davon in ihrem Wesen; der nun durch die dimensionale (nicht räumliche oder zeitliche!) Trennung hindurchwirkt und uns beeinflusst.

Ein Teil von dir hat nur mit einem Speer bewaffnet prähistorisches Großwild erlegt, ein anderer Aspekt ist halbnackt ohne Rüstung furchtlos in eine Schlacht gezogen oder hat bedeutende, steinerne Monumente errichtet. Du bist in „früheren Leben“ in eisiger See ertrunken und hast unzählige Kinder zur Welt gebracht. Du hast in schaurigen Höhlen Geheimnisse erfahren, ritztest Runen und bist auf deinen Reisen mit den Vögeln geflogen. Du hast Felle gegerbt und Faustkeile geschlagen, Häuser gebaut und Felder beackert. Du hast die finstersten Zeiten der Pest und Verfolgung erfahren und – durch deine Kinder – überlebt. Du feiertest Triumphe und hast innig geliebt. Du warst ein Fürst und eine Königin, bewohntest Gehöfte, Burgen und dein eigenes Land. Und jetzt bist du hier, weil deine Familie immer bestanden hatte! Erinnere dich wer du warst – erfahre wer du bist und führe so deine Art fort, mit der Kraft, die durch dich wirkt. Besinne dich auf das Wahrhaftige was zählt.

 

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  1. Gefällt mir sehr gut, dieser Gedankengang von der Feuerstelle in die Vergangenheit. Er nimmt einen Blickwinkel dazu ein, was Leben überhaupt ist, der heute vollkommen in Vergessenheit geraten ist.

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