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Wie ich fotografiere | Teil II

Bilderfassung, Verarbeitung und Bearbeitung

 

Für das Bild ebenso wichtig – und auf lange Sicht gesehen sogar von größerer Bedeutung – sind die verwendeten Objektive. Die Sensoren in digitalen Kameras sind im Vergleich dazu rasanteren technischen Entwicklungen unterworfen und unterscheiden sich vor allem in der messbaren Bildqualität. Im Sinne eines künstlerischen Mittels, wie es noch die Wahl des Filmes in der Analogfotografie darstellte, ist der verwendete Sensor heute eher irrelevant. Einzig die Größe des Sensors hat, wie in Teil 1 erklärt, einen maßgeblichen Einfluss auf die Bildgestaltung (eine weitere Ausnahme stellen speziell umgebaute Sensoren für die Astro- und Infrarotfotografie dar).

Der Grund hierfür liegt in der grundlegenden Funktionsweise der am meisten verbreiteten Sensoren. Obwohl diese oder jene Kamera in der Werbung beispielsweise mit einer besonders natürlichen Farbanmutung angepriesen wird oder eine andere Kamera sehr gesättigte Bilder liefert, haben diese farblichen Ergebnisse am wenigsten mit dem Sensor selbst zu tun, denn dieser kann tatsächlich nur Helligkeitswerte erfassen – nur Grautöne, keine echte Farbe!

Abgesehen von ein oder zwei Herstellern sind in sämtlichen auf dem Markt erhältlichen Spiegelreflex- oder spiegellosen Systemkameras, sowie Kompakt- oder Smartphone- und auch Videokameras sogenannte Bayer-Sensoren mit einem vorgesetzten schachbrettartigen Farbfilter verbaut. Die Farbe in den aufgenommen Bildern dieser Kameras ist ein Produkt hochkomplexer Algorithmen, berechnet in speziell für diesen Zweck angefertigten Prozessoren, die in Bruchteilen einer Sekunde aus den erfassten Helligkeitswerten der gefilterten Grundfarben Rot, Grün und Blau ein farbiges Bild errechnen. Und genau in diesem Punkt unterscheiden sich die Philosophien der Hersteller, was zu unterschiedlichen Bildanmutungen führt.

Das schachbrettartige Farbfiltermuster eines herkömmlichen digitalen Kamerasensors (Quelle: Wikipedia)

Das schachbrettartige Farbfiltermuster eines herkömmlichen digitalen Kamerasensors (Quelle: Wikipedia)

Aber was genau ist an dem jeweiligen Farbwert nun eigentlich berechnet?
Ein Bild für Betrachtungszwecke am Monitor oder im Druck kann bis zu 16.777.216 Farben beinhalten, da es auf 8 Bit Farbtiefe basiert, was bedeutet, dass jede Grundfarbe Rot, Grün oder Blau jeweils 256 Helligkeitsabstufungen darstellen kann. Nun ist der Filter vor dem Sensor aber so angelegt, dass vor jedem Pixel nur eine der drei Grundfarben aus dem auftreffenden Lichtspektrum herausgefiltert wird: Also entweder Rot oder Grün oder Blau. Dies ist ein wenig mit Schwarz-Weiß Film unter Verwendung von einem Farbfilter vor dem Objektiv vergleichbar: Ist ein Rot-Filter aufgesetzt, wird nur der Rot-Anteil im Licht hindurchgelassen, Blau und Grün werden in Folge dessen je nach Filterstärke dunkler als natürlich – oder gar schwarz wiedergegeben (erste Schwarz-Weiß Filme hatten selbst eine Filterfunktion: sie waren nicht in der Lage, rotes Licht zu erfassen). Ohne den Farbfilter vor dem digitalen Sensor wäre gar keine Differenzierung der Farbzuordnung möglich. Der Nachteil der Filterung einzelner Pixel ist ohne nachgeschaltete Software allerdings ein gravierendes Problem: Das Rohbild ist an Stellen, an denen der jeweilige Filter für das dort auftreffende Licht nicht durchlässig war, lückenhaft; es fehlt an Information, die nachträglich aus den umliegenden Helligkeitswerten unter Zuordnung der Farbfilterstruktur errechnet werden muss. Hinzu kommt die Tatsache, dass im Filtergitter zu 50% Grün und nur zu jeweils 25% Rot und Blau vertreten sind. Der Grund für diese Entscheidung war das natürliche Vorbild des menschlichen Auges, welches ebenfalls im Grünbereich empfindlicher auf Kontrastabstufungen reagiert. Aufgrund der Dominanz der grünen Filter weist das Rohbild neben den zahlreichen „Löchern“ somit auch noch einen Grünstich auf.

ein wirklich unbearbeitetes Rohbild

ein wirklich unbearbeitetes Rohbild mit dem typischen schachbrettartigen Muster und einem deutlichen Grünstich.

Der Prozess der Bildberechnung ist also sehr komplex und kann in der kurzen Zeitspanne zwischen Auslösen und Betrachten auf dem Kameramonitor nur unter Kompromissen und qualitativen Abstrichen bewerkstelligt werden. Darum bieten höherwertige Kameramodelle die Möglichkeit, neben dem üblichen JPEG Format, auch das eigentliche Rohbild zu speichern. Wobei es sich hier ja eigentlich um gar kein Bild handelt, sondern lediglich um erfasste Helligkeitswerte in einer Art Filtertabelle. Diese Sensordaten lassen sich später in einem geeigneten Bildbearbeitungsprogramm am Rechner öffnen und bearbeiten. Das besondere dabei ist, dass die jeweilige Rohdatei eines Fotos immer im Originalzustand erhalten bleibt und nie überschrieben oder verändert werden kann. Die vorgenommenen Einstellungen werden in einer separaten Datei gespeichert. Somit kann ein im Rohdatenformat aufgenommenes Foto immer wieder neu bearbeitet und mit verschiedenen Bildbearbeitungsprogrammen anders „entwickelt“ werden, sodass sich bei Erscheinen moderner Software unter Umständen völlig neue Optionen ergeben, die die Kamera allein aufgrund veralteter Technologie nicht bewerkstelligen kann. Insbesondere der Aspekt der Rauschunterdrückung sei hier erwähnt; so ist es möglich, ältere Rohdaten mit aktueller Software auf ein höheres qualitatives Niveau zu bringen, als es zum Kaufdatum der Kamera möglich gewesen ist. Ein weiterer bedeutender Vorteil der Rohdaten ist ihre im Vergleich zum JPEG enorme Farbtiefe, denn statt 8 Bit werden je nach Kameramodell 12-16 Bit Helligkeitsabstufungen tatsächlich aufgezeichnet. Dies vergrößert den Spielraum für Bearbeitungen erheblich, denn vor allem feine Farbabstufungen in Verläufen – beispielsweise in blauem Himmel – weisen unter 8 Bit Bearbeitung sehr schnell unschöne Streifen auf.

Aus all diesen Gründen fotografiere ich grundsätzlich immer im Rohdatenformat und übernehme die Kontrolle über die Bearbeitung selbst. Die Kamera erfasst – interpretiert aber nicht, das übernimmt die Software am Rechner, der ohnehin leistungsstärker ist, als die auf Schnelligkeit und Stromsparen getrimmte Kameraelektronik. Das parallel erzeugte JPEG aus der Kamera dient mir hierbei lediglich als schnelle Vorschau oder als grober Anhaltspunkt.

Es ist also auch eine Philosophie. Die schon oft gehörte, meist mit gewissem Stolz vorgetragene Aussage von so manchem Digitalfotografen, seine Bilder seien „unbearbeitet“, ist technisch gesehen also völlig unhaltbar. Ohne Bearbeitung gäbe es schlichtweg kein zu betrachtendes Foto. Und ich persönlich verstehe in diesen Fällen dann nicht, was an kamerainterner Bearbeitung rühmlicher sein soll, als eigens kontrollierter Bestimmung der Parameter in einem speziellen Bearbeitungsprogramm. Fairerweise muss ich aber erwähnen, dass unter „Bearbeitung“ oft auch Verfälschung und das Hinzufügen von real nicht vorhandenen Bilddetails verstanden wird. Dies stellt dann tatsächlich eine bestreitbare Sache dar, die aber eben doch auch Geschmackssache bleibt, solange dabei keine vorher vereinbarten Regeln verletzt werden (Stichwort: Pressefotografie oder Fotowettbewerbe).

Für die Bearbeitung meiner privaten Fotos benötige ich kein Photoshop; welches zudem aufgrund von Inkompatibilitäten zu meinem eingesetzten Linux-Betriebssystem sowieso nicht zu verwenden wäre. Stattdessen setze ich auf den enorm funktionsreichen und leistungsstarken Rohdatenkonvertierer „RawTherapee“ und auf das eher bekanntere Bildbearbeitungsprogramm „Gimp“.

In RawTherapee treffe ich zuerst eine Vorauswahl der besten Aufnahmen und vergebe dabei Sterne, um bei vielen Bildern den Überblick zu behalten. Die zahlreichen Werkzeuge, Regler und Kurven wirken auf Einsteiger eventuell abschreckend und auch ich kann nicht behaupten, alle Funktionen dieses Programms zu kennen. Manche Funktionen sind scheinbar mehrfach vorhanden; unterscheiden sich bei genauerer Betrachtung aber in ihrer Wirkungsweise. So macht es beispielsweise einen erheblichen Unterschied, Helligkeitskurven im Farbmodus anzupassen oder diese Veränderungen im Luminanzmodus vorzunehmen, der nur die Helligkeiten ändert, die Sättigung aber unangetastet lässt. Auch die rudimentären Regler für Helligkeit, Kontrast und Sättigung finden sich in verschiedenen Ausführungen unter den Menüs. RawTherapee bietet die Möglichkeit, zahlreiche Einstellungen mittels Kurven vorzunehmen, was ein äußerst präzises Arbeiten ermöglicht. So lässt sich sogar die Rauschunterdrückung mittels einer Kurve exakt regeln und damit bestimmen, ab welchem Helligkeitsbereich das Verfahren ansetzen soll.

Der Ausgangszustand: Ein Rohdatenbild ohne Kontrast und Farbanpassung weist zwar einen sehr hohen Dynamikumfang auf, wirkt aber zunächst sehr flau.

Der Ausgangszustand: Ein Rohdatenbild ohne Kontrast und Farbanpassung weist zwar einen sehr hohen Dynamikumfang auf, wirkt aber zunächst sehr flau.

das selbe Bild nach der Bearbeitung mit RawTherapee.

Überhaupt ist die Rauschunterdrückung eine besondere Stärke dieses Raw-Converters. Er beherrscht außerdem Farbmanagement und ist für Windows, Mac und Linux verfügbar. Dieses Programm ist kostenlos und braucht sich dabei nicht hinter kommerziellen Anwendungen verstecken, im Gegenteil: es verwendet (neben etlichen anderen wählbaren Optionen) den „amaze“-Algorithmus für die finale Bildausgabe, welcher zwar sehr rechenintensiv ist, dafür aber besondere Schärfe und Details liefert. Interessanterweise kann auf den Vorgang des sogenanten „Demosaicings“ auch verzichtet werden, womit das oben beschriebene, eigentliche Rohbild mit seinen Fehlinformationen und dem grünen Schleier betrachtet werden kann.

Neben einer gut funktionierenden Objektiv-Farbfehlerkorrektur bietet RawTherapee noch eine bemerkenswerte Funktion: nämlich eine Analogfilmsimulation, die sich auf Kontrast und Farben auswirkt. Dazu muss eine rund 400 Mb große Vorlagensammlung (die sogenannte Hald-CLUT) an Filmprofilen heruntergeladen und anschließend lediglich der Ort dieses Ordners in den Einstellungen von RawTherapee angegeben werden. Dann lassen sich eine Vielzahl verschiedener Dia- und Negativ- sowie Schwarz/Weiß-Filme einstellen. Es sind sogar Profile für Push- und Pull Entwicklungen hinterlegt. Schon allein das Rumprobieren mit verschiedenen Profilen macht Freude. Sehr bequem ist die Möglichkeit, alle Einstellungen eines Fotos einfach mit STRG-C → STRG-V auf ein anderes Bild zu kopieren, ohne ein Profil vorher abspeichern zu müssen; was selbstverständlich trotzdem möglich ist.

Der Schwarz/Weiß Modus bietet unter anderem die Option „orthochromatisch“, was die bereits erwähnten frühen, „rotblinden“ Schwarz/Weiß-Emulsionen bezeichnet. In Verbindung mit weiteren Farbfilter-Einstellungen lassen sich ausdrucksstarke Schwarz-Weiß Bilder erzeugen. Auch einige Profile von Ilford Filmen führen zu solchen Ergebnissen oder können damit kombiniert werden. Sollen die Bilder nach dem Vorgang des Exportierens (finale Berechnung aller eingestellten Parameter) noch weiterbearbeitet werden, empfiehlt es sich, einen größeren Farbraum als das fürs Web übliche sRGB anzugeben; ECI-RGB oder Adobe-RGB bieten sich hierfür an. Wird das Bild zudem noch in 16 statt 8 Bit als unkomprimierte TIF Datei gespeichert, steht der hochqualitativen, professionellen Weiterbearbeitung in (beispielsweise) Photoshop nichts mehr im Wege. Und genau an diesem Punkt hinkt mein eigenes System momentan etwas. Das von mir verwendete Bildbearbeitungsprogramm „Gimp“ unterstützt derzeit nur 8 Bit Bearbeitung. Eine Version mit 16 Bit Unterstützung ist von den Entwicklern aber angekündigt.

In Gimp nehme ich, wenn überhaupt, nur noch eine leichte Kontrastanpassung vor, entferne Fehler mit dem Kopierstempel, bringe das Bild auf das gewünschte Endformat und schärfe etwas nach. In machen Fällen nutze ich die Möglichkeiten zur Kombination verschiedener Belichtungen mittels Ebenenmasken, mit denen sich Teilbereiche aus übereinander gestapelten Belichtungsvarianten eines Motivs gezielt überblenden lassen, um z.B. überbelichteten Himmel mittels einer dunkleren Belichtung wieder Details und Farbe zu verleihen. Die Tastaturkürzel in Gimp habe ich auf die vom Arbeitsalltag mit Photoshop gewohnten Kürzel eingestellt um ein möglichst blockadefreies Arbeiten zu ermöglichen.

Für die Bildbearbeitung ist ein zweiter angeschlossener Monitor sehr hilfreich, um bei all den Reglern und Werkzeugen den Überblick zu behalten. So kann ein Monitor die Einstellungsfenster sowie den Dateimanager anzeigen und der andere, im optimalen Fall farbkalibrierte Monitor, zeigt das zu bearbeitende Bild in voller Größe. Der erstgenannte Bildschirm muss nicht besonders hochwertig sein, sollte aber über die gleiche vertikale Pixelanzahl und Bauhöhe wie der Hauptmonitor verfügen, damit es nicht zu einem störenden Versatz kommt.

 

Mir ist bewusst, dass ich die Themen nur grob umrissen und dabei auf detaillierte Schritt-für-Schritt Anleitung verzichtet habe; vielleicht war aber die ein oder andere nützliche Info für manchen Leser dabei. Fragen, Hinweise und Anstöße zu weiteren Beiträgen zum Thema digitale Fotografie nehme ich gern entgegen.

 

–> zurück zu Teil 1 „Das Sehen und die Kamera“…

2 Kommentare

  1. Vielen Dank für die beiden tollen Beiträge, den 1. und 2.Teil. Bemerkenswert finde ich, aber so habe ich Dich bisher auch immer wahrgenommen, dass Du nicht nur die technischen Gegebenheiten beschreibst, sondern eben auch die inneren Aspekte erwähnst („als ein Spiegel der inneren Welt“). Es sind diese schönen Momente, etwas zu lesen und sich darin wiederzufinden. Ich fotografiere ebenfalls gerne, wenn auch nicht auf so professionellen Niveau wie Du, jedoch meistens auch aus innerer Intention heraus… dieses Gefühl, wie schön… erhebend… ja in sich abgeschlossen es ist, alleine durch eine Landschaft, einen Wald, ein Moor zu streifen und eine bestimmte Situation bzw. Stimmung im Bild festzuhalten (oder es zumindest zu versuchen). Das mochte ich als Jugendlicher schon, mit’ner ganz einfachen Kamera – und ich erinnere mich gern an diese vielen Momente, auch wenn ich die meisten der alten Fotos mittlerweile schrecklich finde.

    Interessant finde ich auch Deine Beschreibung zur Bildbearbeitung. Selber experimentiere ich schon einige Jahre mit Photoshop, bin aber gerade erst in die Möglichkeiten der Rohdaten-Bearbeitung eingestiegen. Dein Artikel hat mir einige gute Hinweise gegeben. Vielen Dank für Deine Mühe und wiedermal zweiseitige Betrachtung aus technischer und innerer Reflexion. Eine Saite zum Schwingen bringen…

    • Danke, dass du Dir die Zeit für den Kommentar genommen hast. Ich habe auf Deiner Seite auch aktuell eine Inspiration gefunden, die ich nun gerade umsetze: das Runenorakel. Aus einem trockenem, als Kirschholz beschrifteten Stück Holz, das aber überraschenderweise enorm aromatisch nach – vermutlich – Zeder riecht, habe ich heute 24 kleine würfelartige Stücke gesägt und möchte diese zu abgerundeten Steinchen schnitzen und mit insgesamt 24 Runen beschriften um damit in der Zeit der Rauhnächte einige Fragen zu beantworten, bzw. zu deuten. Neben Vargs Buch werde ich dazu auch deine umfangreichen Seiten zu Rate ziehen.

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