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Weitwandern und Reisen als universelle Bereicherung

oder:

Gedanken zum Wert
brotloser Individualität.

Verreisen und sich noch mal richtig frei fühlen, bevor es beginnt: das eigentliche Leben. Bevor es ernst wird. Das Abitur oder Studium erfolgreich beendet; nun steht die Reise deines Lebens an: nach Australien oder Neuseeland, Work&Travel vielleicht. Südostasien oder in die USA. Was von der Welt sehen, ungebunden sein und einfach: leben. Darauf folgt der Ernst des Lebens; ja vielleicht das, was geradezu als alternativlos gilt. Und das ist eben keine Ponyfarm in der Sonne des Südens. Die Karriereleiter soll erklommen werden, Geld verdient, später vielleicht ein Haus gebaut und eine Familie gegründet werden. Die anstehende Reise wird also ein einmaliges Jugenderlebnis bleiben, alles andere wird nur Urlaub sein. Mehr als 3 Wochen am Stück sind dann kaum drin.

Quelle: pixabay.de | pattyjansen | CC0 Public Domain

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Man kann sich damit abfinden und glücklich werden, erfolgreich sein und Anerkennung bekommen. Es muss nicht als aufgebürdetes, schweres Schicksal empfunden werden, einem vorgegebenen Weg mit klarer Erwartungshaltung zu folgen. Der besagte Ernst kann eine Herausforderung sein, an der man sich messen, sich definieren kann. Diesen Weg zu verlassen, passt nicht für jeden.

Dennoch: Muss ein Urlaub verdient werden – im Sinne einer Entschuldigungsleistung an die Gesellschaft? Klar, ein wenig Geld ist von Nöten, aber darf man sich auch einfach so frei fühlen und unbesorgt sein – eine Reise machen, ohne als Grund den Zweck der Erholung vorzuhalten? Was, wenn du mehr willst, als nur deine Funktion im Job, deine Arbeitskraft zu regenerieren? Wenn du spürst, dass es da draußen – ja und viel mehr noch – in dir selbst Großes zu entdecken gibt? Und mit jeder Tür, die du aufstößt, schließt sich die vorherige; dann gibt es kein Zurück mehr.

Quelle: pixabay.de | Unsplash | CC0 Public Domain

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Was mit Liebe getan wird, ist gut und hat Wert; ganz gleich, ob es Freizeit oder die Arbeit ist. Für den, der mit Hingabe lebt, macht es keinen Unterschied. Arbeit muss nicht Spaß machen; dann wäre sie albern. Sie sollte Freude machen, auch wenn sie die Kräfte zehrt. Denn das bedeutet Hingabe: etwas von der eigenen Energie zu geben, ja sich ein Stück weit zu verschenken, aus einem Antrieb der Liebe heraus. Wer aus Zwang von sich gibt, weil er glaubt zu müssen – der empfindet es als Raub und Verlust, als blutende Wunde und wird daran erkranken.

Kein Wesen und kein Ding der Welt steht isoliert für sich allein. Unsere Körper mögen oberflächlich betrachtet als Barrieren erscheinen. Sicherlich, wir können nicht ohne weiteres durch Wände laufen oder allein durch Gedankenkraft in die Lüfte steigen. Jede Hürde will mit Körperkraft und Geist überwunden werden. Und doch existiert nichts getrennt von seiner Umwelt, alles steht in gegenseiter Wechselwirkung zueinander und repräsentiert einen speziellen Aspekt vom Ganzen. Und oft ist es der Betrachter, der eine von vielen möglichen Auslegungen unbewusst für sich wählt und festlegt. So sagen wir dann: dieses und jenes hat seinen Sinn. Wir messen die Welt, legen ihr ein Muster auf und gestalten sie im Rahmen unserer Fähigkeiten.

Quelle: pixabay.de | Sweetaholic | CC0 Public Domain

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Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Indem ein Mensch tut, was ihn erfüllt, weil es seinem Wesen entspricht – dann lässt sich das daraus folgende, sei es nun materiell oder gar reine Empfindung – nicht im wirtschaftlichen Maßstab abwiegen und in Gegenwert umrechnen. Es ist vielmehr ein vielleicht selbstloser Dienst am Leben selbst und an der Seele dessen, was diesen Menschen und solche seiner Art hindurch drängen lässt, ins Materielle, Sicht- und Fühlbare. Was mit Hingabe getan wird, kann niemals eigennützig sein; selbst dann nicht, wenn scheinbar niemand sonst davon ‚profitiert‘.

Und was hat das alles mit Weitwandern zu tun, wo ist hier der Zusammenhang?

Eine Fernwanderung zu machen, braucht vor allem Zeit; vielleicht mehr, als der Jahresurlaub erlaubt. Für diese bevorstehende Freiheit muss man sich zunächst einmal frei machen, sich entbinden. Dieser Vorgang allein ist schon eine Energiefreisetzung – gebundenes Potenzial wird gelöst und in Bewegung versetzt. Wirtschaftlich betrachtet sind Reisen natürlich auch ein Motor für den Geldfluss. Die Tourismusbranche und die sogenannte Outdoorindustrie profitieren finanziell davon. Aber darum geht es uns hier nicht. Vielmehr geht es um ein universelles Gut an Erfahrungen und Eindrücken, die von wenigen gemacht, dennoch eine Bereicherung für viele sein werden. Unser Wirtschaftssystem kann dafür keinen angemessenen Gegenwert bieten, weil es sich vom Menschen und der Natur zu weit entfernt hat.

Quelle: pixabay.de | MustangJoe | CC0 Public Domain

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Der Mensch als Individuum ist ein Organismus, aber auch eine Gesellschaft kann als Organismus betrachtet werden. Und so agieren einige Menschen wie Antennen und Fühler dieses Organismus; sie strecken sich aus, entfernen sich ein Stück weit, greifen hinaus in die unbekannte Welt – und sind dennoch mit dem Körper verbunden, nähren sich aus ihm und geben ihrerseits Werte, Ideen, Eindrücke und Inspiration zurück, ohne die das Gesamtwesen elend verkümmern müsste. Warum sollten diese Antennen und Fühler, diese speziellen Organe etwas anderes tun, als das, wofür sie geschaffen sind? Das Herz schlägt und pumpt das Blut durch die Adern; es wird nicht vom ihm verlangt zu verdauen, zu atmen oder zu entgiften, nur damit etwas getan ist, damit es schlagen ‚darf‘.

Quelle: pixabay.de | Orca | CC0 Public Domain

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Was sind es für Werte, die auf einer Reise oder Wanderung gefunden werden können?

Idealerweise führt der funktionierende Instinkt in genau jene Landschaft, die dem eigenen Wesen entspricht, sodass sich der Wandelnde in der ihn umgebenden Natur selbst erkennen kann und sich dort aufgehoben fühlt. Alle Abgründe und Ängste können sich in Form der Landschaft und örtlichen Gegebenheiten, wie dem Wetter, zu erkennen geben. Was wahrgenommen wird, ist wie ein Spiegel der Seele. Genauso aber offenbahrt sich auch eine vollkommene Schönheit, die als Wegweiser dienen kann.

Schweden

Die Komfortzone zu verlassen braucht eine Portion Mut. Wer mutig ist, riskiert etwas – kann verlieren oder gewinnen. Mut ist Bewegung, führt zu Veränderung, ist dem Leben zuträglich. Mut beeindruckt, bewegt andere Menschen und fordert sie auf, ebenfalls etwas zu tun. Die Zivilisation für einige Zeit zu verlassen und auf sich gestellt zu sein, führt unweigerlich zu großer Eigenverantwortung und damit zu der Einsicht, selbstbestimmt zu leben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben; sich selbst zu vertrauen und damit aufgrund des Resonanzgesetzes ein Vertrauen auf die als Außen empfundene Welt zu entwickeln – das Urvertrauen. Man plant im Voraus, aber auch in täglichen Etappen; steckt das Ziel in der Ferne mit den Augen ab. Manchmal verdünnt sich der Weg zum Pfad; der Pfad verliert sich und muss selbst festgelegt werden. Ganz nach dem Motto: „der Weg ist das Ziel“ – denn genau darum geht es: zu navigieren, erkennen, Entscheidungen treffen um nicht auf der Strecke zu bleiben. Dies ist natürlich auch im Alltag daheim erlebbar; draußen in der Natur, fernab der Siedlungen jedoch viel eindrücklicher und wahrhaftiger.

Quelle: pixabay.de | Unsplash | CC0 Public Domain

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Desweiteren steigert eine Rucksackreise das Bewusstsein für die Bedeutung lebenswichtiger, natürlicher Ressourcen; allem voran für sauberes Trinkwasser. Wo wir daheim tagtäglich einfach selbstverständlich den Wasserhahn aufdrehen können, kommt auf einer Trekkingreise dem Vorhandensein klarer Seen und Gebirgsbäche eine geradezu überlebenswichtige Bedeutung zu. Das saubere Wasser, wie es sprudelt und rauscht oder in herrlichsten Grün und Blautönen in der Sonne glitzert! Wie in riesigen Spiegeln die Wolken dahinziehen – da wird das Element Wasser zu etwas Heiligem.

Quelle: pixabay.de | SnapwireSnaps | CC0 Public Domain

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Überhaupt bestimmen die Elemente dann das Dasein: Dort, wo keine Stromversorgung das Ceranfeld erhitzt, wo es kein Gas für den Kocher mehr zu kaufen gibt, bleibt das Zeitlose: Feuer. Das heiße Element, einst von unseren Vorfahren entdeckt und gebändigt – wie es von der lebensspendenden Sonne als Funken auf die Mutter-Erde fiel. Mit Atemluft genährt, was für ein magischer Moment muss das gewesen sein, als die ersten Flammen aufloderten und Wärme spendeten! Vielleicht ist es auch ein von den Neanderthalern überdauerter Urtrieb, zu wandern und nomadisch zu leben, sodass einige auch heute noch den Drang verspüren hinausfahren zu wollen, immer weiter zu gehen und nicht lang an einem Ort zu verweilen. So kann eine mehrwöchige Trekkingwanderung geradzu archaische Gefühle hervorrufen. Es ist, als folge man einem inneren Ruf. Jede Handlung bekommt eine größere Bedeutung, als sie in der Zivilisation gehabt hatte. Alles, was man schätzt, gewinnt dabei an Wert. Sei es das Herrichten des warmen, trockenen Nachtlagers, die Zubereitung des Essens, Körper und Kleidung zu waschen und so weiter.

Feuer

Alles Nötige auf dem Rücken tragen zu können, hat bei mir persönlich einen starken Wandel im Denken bewirkt. Das eigene Verhältnis zu materiellem Besitz änderte sich drastisch. „Was brauche ich wirklich und was kann daheim bleiben?“ Diese Überlegung ist eine interessante Erfahrung. Wie wenig doch zum Leben reicht, wenn sich das Dasein auf das Wesentliche reduziert. Man lernt, mit dem zufrieden zu sein und damit umzugehen, was man dabei hat. Die Auswahl dieser Dinge ist schon für sich eine beinah therapeutische Maßnahme. Besonders bewusst wurde mir auch die besorgniserregende Abhängigkeit von fremder Nahrungsversorgung. Was kann man noch essen, wenn die Vorräte zur Neige gehen und hinterm nächsten Berg keine Stadt, kein Supermarkt zu finden ist? Diese Infrastrukturen sind künstliche und anfällige Gebilde von deren Funktion unsere Leben in viel zu großem Maße abhängig sind.

Wandern in Schweden

Wenn man nicht allein unterwegs ist, sondern mit einem guten Freund/in oder Partner/in, stellt der Wanderalltag mit seinen Strapazen und der ständigen Nähe zahlreiche zwischenmenschliche Herausforderungen, die jede Beziehung auf die Probe stellen. Unter diesen Bedingungen, denen sich niemand entziehen oder auf Dauer verstellen kann, gewinnt man einen ehrlichen Eindruck aufeinander und lernt mitunter auch, wie wichtig tiefes Vertrauen und eine harmonische Partnerschaft ist.

Partnerschaft

Die Eindrücke, Erlebnisse und Erfahrungen – nicht zuletzt auch Bilder von solchen Abenteuern, Ausgriffen, Ausbrüchen in die Ferne haben einen unschätzbaren Wert. Eben nicht nur für die Reisenden selbst oder ihren Familien- und Freundeskreisen – sondern sogar universell für zumindest jene, die dieser Art im wesentlichen entsprechen oder sich zumindest in Facetten und Bruchstücke darin wiederfinden. Da wirkt Inspiration, da glüht vielleicht etwas auf, von dem mancher bisher noch gar nichts wusste. Es sind interessante Menschen, die ferne Wege im Leben gehen und entdecken wollen, dabei ihren Stil finden und so leben, dass es sich richtig anfühlt.

Quelle: pixabay.de | skeeze | CC0 Public Domain

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2 Kommentare

  1. Wenn ich mir vorstelle verreisen zu können, wäre ich sicher nicht der Mensch, den es in die USA, nach Australien, Afrika oder ähnlich beliebte Fernziele zieht. Und damit meine ich keinen zweiwöchigen Erholungsurlaub, sondern eine Reise, die auch eine „innere Reise“ ist. So wie Deine Reiseberichte. Nach Norwegen, Island, Schweden, Finland, Grönland oder ähnliches. Aber ich kenn’s auch nicht anders im Freundes- und Bekanntenkreis, dass eben jene erstgenannten Ziele vorgezogen werden – und daran lässt sich manchmal eben auch etwas Trennendes ablesen, das in gewissen Situationen und Entscheidungen vom Urgrund der Seele an die Oberfläche emporkommt.

    Eigentlich musste ich aber nach Deinen ersten Absätzen an etwas anderes denken. Denn ich blicke ja gerade aus den Augen eines Menschen, der bereits einige Türen hinter sich gelassen hat. Wie Du schreibst: „Und mit jeder Tür, die du aufstößt, schließt sich die vorherige; dann gibt es kein Zurück mehr.“ Im positiven, erfüllenden Sinne (Haus, Familie etc.). Was allerdings mit sich bringt, dass manche Türen nun geschlossen sind. Mich erinnert das sehr an den nordischen Gott Freyr, im mythologischen Sinne (http://asentr.eu/g_frey.html). Seine Entwicklung: Freyr gab sein Schwert für Liebe, doch nun muß er das, was er erhielt (seine hübsche Frau) aufgeben, um mit den anderen Göttern zu kämpfen. Darin spiegeln sich im übertragenen Sinn zwei Aspekte wider, was (früher oder später) viele Männer in ihrem Leben kennenlernen: Die Kriegeranteile (frei, reisen) kämpfen mit den Liebhaberanteilen (gebunden, Familie, sesshaft). Ich kenne diesen inneren Kontrast sehr gut und das ist sicher einer der Gründe, warum ich Deine Reiseberichte so gern lese: Ich blicke durch einen Türspalt, durchgehen kann ich aber nicht.

    Nur mal so als Gedankeneinwurf…

  2. Der Schlussteil deines Artikels zu Freyr trifft die Sache wirklich auf den Punkt: Balance – „kämpfen und lieben können“. Und wie du schreibst: „Alles zu seiner Zeit“. Jeder Abschnitt im Leben hat seine eigene Wahrheit und Berechtigung; sollte zuweilen erkämpft und eben geliebt werden. Haus und Familie – ja, das ist eine Erfüllung, der eine Phase von Suche nach Selbstkenntnis, innerer Festigung und eigenen Wahrheiten vorangehen muss, um dafür auch qualifiziert zu sein.

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