Reise 2016, Trekking
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III. Über das Vättafjället nach Funäsdalen

Falls du Teil 1 und 2 noch nicht kennst, die findest du << hier >>.

Die überraschende Begegnung mit dem unbekannten, großen Tier hinterließ von nun an ein eher mulmiges Gefühl. Meine Augen suchten das Gelände jetzt noch genauer ab und prüften immer wieder verdächtige Erscheinungen in der Ferne, die sich jedoch meist als Felsbrocken oder deren Schatten herausstellten.

Hier, fernab des offiziellen Wanderweges – den ich ja verfehlt hatte – traf ich auf keinen anderen Menschen. Lediglich ein paar wenige Hütten der Samen und ein großer, hölzerner Rentierzaun waren die einzigen Spuren menschlichen Schaffens. An diesem sonnigen Tag sollte es über die Grenze zurück nach Schweden gehen.

Im kristallklaren Wasser der zahlreichen Seen spiegelte sich das Himmelsblau und die dahinziehenden Wolken. Eine schwache Brise kräuselte über die Oberfläche; in der Ferne rief eine Schar weißer Vögel.

Ich navigierte über eine weitläufige Hügellandschaft, vorbei an großen und kleinen Seen inmitten eines weitläufigen, kargen Tales und prüfte immer wieder die Richtung mit dem alten, kleinen Kompass, den ich vor Jahren einmal aus einer der bunt gefüllten Pappschachteln fischte, in denen mein Opa seine Sammelsurien an Schreibutensilien und antikem Kamerazubehör verwahrte.

Am tiefsten Punkt des Tales schlängelte sich ein Fluss durch die baumlose Landschaft aus Steinen und niedrigen Sträuchern. Ich hatte Glück und fand ohne langes Suchen eine geeignete Stelle zum Queren, ohne mir dabei nasse Füße zu holen.

So wanderte ich auf möglichst direkter Route über das entfernt vor mir liegende Vätrafjället mit fantastischer Aussicht zum Stor Svuku, dem Skedbrofjället und dem Rogengebiet. So weit lagen die Erlebnisse der letzten Tage schon in der Ferne.

 

Im Norden ließ sich bereits die Stadt Funäsdalen erkennen:

Dort wollte ich am nächsten Tag einkaufen und freute mich auf die dort lagernden Leckereien. Erdnusscreme, Käse und Schokolade standen ganz oben auf der Einkaufsliste. Mit diesen Gedanken gut motiviert, ging es in der Abendsonne rasch bergab hinunter zum Kungsleden und an den See Svansjön. Auch hier war es ein wunderbares Gefühl, an diesen Ort zurückgekehrt zu sein, obwohl sich dieses Erleben eher surreal anfühlte.

Es schien mir, wie in einer Art Klartraum durch die Gedanken an das Damalige zu wandern. Ich war auf einmal wieder hier, als hätte die Zeit dazwischen nicht existiert. Eine zeitlos überdauernde Parallelwelt. So betrachtete ich die Landschaft wie eine lebendige Erinnerung; wie eine begehbare Fotografie aus nebliger Vergangenheit. In rot glühenden Farben verschwand die untergehende Sonne hinter der Bergkette im Westen und zauberte dabei ein geradezu romantisches Farbenspiel in die Spiegelungen des Sees, dessen seichte Wellen einen schmalen Streifen Sandstrand umspielten. Solche Momente sind eigentlich zu schön, um allein erlebt zu werden.

Meine 1l Trinkflaschen von ‚Nalgene‘

Nichtsdestotrotz genoss ich die Szenerie sehr und freute mich auf die bevorstehende weitere Reise und den morgigen ersten Einkauf seit Beginn der Wanderung. Die Vorräte waren gut kalkuliert gewesen und der Spiritus für meinen Trangia reichte noch für genau eine weitere warme Mahlzeit.

Nachts trommelten Regentropfen gegen die Zeltplane und der Wind zerrte an den Schnüren. Mein Vertrauen gegenüber der Zeltkonstruktion war aber sehr gefestigt, sodass mich solches Wetter kaum beunruhigte. Am Morgen dann strahlend heiße Sonne. Schwitzend folgte ich dem bekannten Pfad ins Wintersportdorf Tänndalsvallen und formulierte dabei in Gedanken einen Artikel zum Thema „Kamerakauf“ – den es mittlerweile tatsächlich < hier > zu lesen gibt. Nicht, dass mich die Natur oder das Wandern langweilte, mir fehlte es inzwischen aber doch an einem Gesprächspartner.

Die permanenten Selbstgespräche; das Gefangensein im eigenen Gedankenkarussell, das einfach nie stillstehen will, weil der kaputt zivilisierte Kopf mit dieser endlosen Stille kaum mehr umgehen kann. Wochenlanges, einsames Wandern wird so zu einer psychischen Belastungsprobe. Das Hirn auf Informations- und Medienentzug. Erst hier draußen ahnt man, was daheim in der Zivilisation die Flut an meist nutzlosen Informationen mit unseren Gehirnen anrichtet. Noch war ich davon entfernt, seltsame Geräusche zu hören; nicht zu wissen, ob real oder nur eine Art verstärktes Hintergrundrauschen im Kopf. So habe ich später tatsächlich die Erfahrung gemacht, wie die eigene Wahrnehmung ihre akustischen Verstärker hochdreht, nur um überhaupt irgendetwas außer den eigenen Gedanken wahrzunehmen.

Nach dem Abstieg vom Fjäll trennten mich noch etwa 13 quälend lange Kilometer Fußmarsch auf Asphalt von den mit Glück gefüllten Konsumregalen des ICA-Stores in Funäsdalen. Die harten, schweren Bergstiefel sind wirklich nicht für das Gehen auf Straßen gemacht. Busse verkehren auf dieser Strecke nur im Winter – das wusste ich noch vom Kungsleden-Abenteuer. Damals haben uns zwei Frauen in ihrem Camper mit nach Funäsdalen genommen. Es entspricht aber eher meiner Art, die Strecke einfach stur abzulaufen und dieses Mal war ich darauf auch gedanklich vorbereitet. Aber dennoch, die größte Strapaze war die endlose Langeweile, die sich zäh von einer Kurve zur nächsten dahinzog. Die Hitze flimmerte über dem Auf und Ab der grauen Fahrbahn. Meine Arme und das Gesicht unansehlich in weißer Paste eingeschmiert um nicht zu verbrennen; so zog ich Schritt um Schritt vorwärts und hoffte, dass bloß kein Autofahrer anhalten würde. Ja, es war mir sehr unangenehm, die Blicke Anderer zu spüren und jedes Mal, wenn ich das Rauschen eines herannahenden Fahrzeugs vernahm, gab ich mir besondere Mühe, keinen mitleidserregenden Eindruck zu machen. Mir ging es doch gut, ich hatte alles unter Kontrolle. Das hier war selbstgewählt und bedurfte keiner Hilfe.

Wie ein erschöpfter, hungriger Wolf schlich ich durch die Gänge des gut sortierten Supermarktes. Das Warenangebot schien mir nach den vielen Tagen Rucksackleben ziemlich überwältigend. Nach und nach landeten zunächst die wichtigsten Grundnahrungsmittel, dann die Leckereien im Korb. Schokolade und Erdnussbutter waren auch dabei. Alles Wichtige war besorgt – bis auf Brennspiritus. Oft ist er bei den Reinigungsmitteln zu finden, weil sich damit unter Anderem gut die Fenster putzen lassen. Ich fragte nach, aber es gab keinen. Als einer der letzten Kunden verließ ich schließlich das Geschäft. 18 Uhr, Ladenschluss. Auch die naheliegende Tankstelle schloss bereits um diese Zeit. Gut, dass ich mit meinem Holzvergaser-Kocher nicht zwingend auf künstliche Brennstoffe angewiesen war. Der nächste Ort mit Markt hieß Bruksvallarna und war nur wenige Kilometer weiter nördlich entfernt. Das hatte ich vor der Reise recherchiert. Mit den Vorräten wollte ich es mir auf diesem kurzen Stück also mal richtig gut gehen lassen.

Für die Nacht musste nun aber erstmal ein geeigneter Schlafplatz gefunden werden. Wichtig dabei war, aus der Ortsnähe zu entkommen und Trinkwasser zu finden. Allein im Gebirge oder in tiefen Wäldern zu schlafen, bereitete mir kaum Sorgen. Hier aber in Straßen- und Stadtnähe fürchtete ich die Menschen. Es war Freitagabend – Wochenende also. Auf gar keinen Fall wollte ich in irgendeiner Weise Aufsehen erregen und unfreiwillig Kontakte machen. Das Schlimmste wäre, auf eine herumstreunende, gelangweilte jugendliche Bande zu treffen und vielleicht gar überfallen zu werden. Mit dem Gepäckballast und den Erschöpfungen des einsamen Wanderns ging ein Gefühl der Hilflosigkeit einher. Der vom Einkauf enorm schwere Rucksack strapazierte meine Kraftreserven auf den wenigen Kilometern bis hin zu einem See im Wald, etwas abseits der Straße.

Obwohl den gesamten heißen Julitag die Sonne schien, führte der schmale Trampelpfad nun in die Dämmerung des Waldes hinein. Auf rutschigem Boden durch feuchte Vegetation, im Dickicht von tropfend nassen Gräsern und Zweigen. Bartflechten hingen von den Fichten links und rechts des Weges; Steine und umgestürzte Bäume waren von dicken Moospolstern überzogen. Der würzige Geruch von morschem Holz lag in der Luft. Je tiefer der Weg in den Wald führte, desto sicherer fühlte ich mich.

Endlich war der See ‚Häckelsjön‘ erreicht. Das Wasser ruhte still wie ein Spiegel in der sich absenkenden Dunkelheit. Nebelschwaden zogen als weiße Geister über die Reflektionen von Baumwipfeln hin zu einer kleinen, bewaldeten Insel in der Mitte des Sees. Die Wanderkarte versprach eine Schutzhütte am Ufer und zu meiner Überraschung gab es dort sogar eine Grillstelle mit Holzvorrat und eine Axt zum Spalten der großen Scheite. In der Feuerschale glimmte es noch.

Schnell baute ich das Zelt auf einem kleinen Hügel auf und nutzte dann die noch vorhandene Glut, um ein Kochfeuer zu entfachen. Es gab Spaghetti mit Tomatensoße, dazu Parmesan und Rentierwurst. So saß ich schließlich im flackernden Licht des Feuers und genoß die späte warme Mahlzeit.

Vögel riefen aus schemenhaften, dunklen Ecken über den See. Der Mond stieg über schwarzen Silhouetten der Baumwipfel empor und warf sein glitzerndes Licht in die sanften Wellen. Es war bereits 1 Uhr nachts als ich in mein Nachtlager kroch. Dennoch nahm ich mir vor, am nächsten Morgen früh aufstehen, um nicht von eventuellen Besuchern überrascht zu werden. Schließlich war Samstag und diese Grillstelle in Stadt- und Straßennähe mit Sicherheit ein beliebter Ausflugsort.

Den darauffolgenden Morgen und Vormittag noch am See zu verbringen, fühlte sich einfach richtig an. Die Anstrengungen vom Vortag waren noch deutlich in den Beinen zu spüren. Ich hatte einfach noch keine Lust und Energie weiterzugehen; zu schön war es hier bei Tee, Erdnusscreme und Apfelmus im warmen Sonnenschein am idyllischen Ufer inmitten der grünen Nadelbäume.

Mein zwangsläufig in Ufernähe geschöpftes Trinkwasser musste sorgfältig abgekocht werden, da es sich hier um ein stehendes, seichtes Gewässer mit viel Bewuchs handelte. So verging die Zeit, ohne mich zu hetzen. Irgendwann gegen Mittag raffte ich mich schließlich auf, schulterte endlich das schwer lastende Gepäck und zog weiter.

Ein Vagabundenleben.

Wird fortgesetzt.


Liste der verwendeten AusrüstungTestbericht zu meinem Daunenschlafsack

Folge mir nach Jotunheimen!

langgestreckter, blauer See in karger Gebirgslandschaft

Gjendesee in Jotunheimen, Norwegen

Oder sieh‘ dir den Südlichen Kungsleden an:

Wandererheim im Gebirge mit Wolkenwand

Helags Fjällstation auf dem Südlichen Kungsleden, Schweden

1 Kommentare

  1. Wunderbare, stimmungsvolle Bilder und ein auch das Nachdenken anregender Erfahrungsbericht. Die Seelenstimmung ist ein wichtiger Teil unseres Wesens.

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