Gedanken, Natur und Leben
Schreibe einen Kommentar

Über Besitz und Minimalismus

Es ist mal wieder soweit: ein paar Umzugkartons sind in der Zimmerecke gestapelt, der Inhalt des Bücherregals ist bereits in diesen Kisten verräumt. Die beiden Gitarren stehen verpackt in ihren Tragetaschen, so als hätten sie sich viel zu zeitig für ihren Ausflug angekleidet. Wie ein seltsames Pärchen stehen sie da: Warten ausgeh-fertig bis fünf vor irgendeiner vereinbarten Zeit darauf abgeholt zu werden, weil einer der beiden vorher so eine Hektik gemacht hat und das haben sie nun davon. Bloß keinen Ton mehr darüber, die Saiten bleiben vorerst stumm, die Sache wird ausgeschwiegen.

Kaufentscheidungen

Ich besitze überwiegend Dinge von praktischer Bedeutung, weniger solche von emotionalem Erinnerungswert und bemesse daher Besitz auch vorrangig nach Nutzen und Beständigkeit. Und bin dennoch nicht frei von Anfälligkeit gegenüber emotional motivierten Kaufdrang, besonders in Bezug auf so manche fotografischen Geräte. Vor einer Weile schien mir auch eine handgearbeitete Axt aus einer schwedischen Traditionsschmiede als äußerst erstrebenswert – so als scharfe Begleiterin fürs Leben. Eine gefühlte Ewigkeit verbrachte ich vor dem Regal mit den Werkzeugen, wendete eins nach dem anderen in der Hand, verglich Gewicht und Optik. Oh, und da war sogar ein Exemplar mit meinen Initialen drauf! Aber der Preis… Die Mitarbeiter im Geschäft wurden schon unruhig und irgendwann nahm sich doch einer zusammen und fragte, ob ich ‚zurecht käme‘. Und natürlich, ich kam wunderbar zurecht; mit mir selbst und diesem inneren Zwist, den man eben nur allein ausfechten kann. Die Schärfe des Verstandes gegen die der Axt, sozusagen. Einzelhandelsverkäufer sind für solche Kaufentscheidungen eher schlechte Berater. Ich ging ohne eine ‚Gränsfors‘ nach Hause.

Eine Anschaffung, die zwar nicht bereut, aber immerhin von bisher geringem tatsächlichen Nutzen ist, war der Kauf eines ‚Raspberry Pi‘ Mini-Rechners. Ich wollte unbedingt eine solche Platine haben, träumte sogar nachts von dessen Besitz und malte ihn mir in den buntesten Farben schön – diesen formgewordenen elektronischen Minimalismus. Langsamer als jedes halbwegs moderne Mobiltelefon: Wie herrlich es doch wäre, damit herum zu experimentieren spielen! Eine Reduktion auf das Wesentliche und einige Beschränkungen machen auch in diesem Bereich Freude, weil sich Neues entdecken lässt. Man probiert herum und kommt auf interessante Lösungsansätze, deren Einsatz vielleicht später einmal nützlich sein könnte. Ich denke dabei z.B. an die Möglichkeit, einen internetfähigen und äußerst vielseitig einsetzbaren Rechner allein mit Solarenergie betreiben zu können. Mit dem geringen Stromverbrauch des Raspberry Pi wäre das möglich. Aufgrund des geringen Anschaffungspreises steht so Exemplar nun hier auf dem Schreibtisch.

Was brauche ich wirklich?

Wobei ich gar keinen eigenen Schreibtisch besitze und darüber auch sehr froh bin, denn der Nichtbesitz sperriger Möbel macht beweglicher und freier. Manchmal kann man Menschen beim Umzug beobachten, wie sie all ihr über die Jahre und Jahrzehnte angesammeltes Hab und Gut von einem Punkt zum anderen karren, wobei die größten Möbel noch dazu dienen, all den unzähligen, sonstigen Unrat später in der Wohnung wieder darin zu verschließen. Und da lässt sich doch eine Analogie zum Geisteszustand vermuten: sich von nichts trennen können, nicht loslassen können, vielleicht das eigene Sicherheitsbedürfnis ganz auf den Besitz zu projizieren.

Welches Maß sollte man denn für die Verhältnismäßigkeit seines Besitzes anwenden? Letztendlich ist eine intakte Kommunikation mit dem innersten Selbst die Voraussetzung, um wahre Antworten zu erhalten. Was zum bloßen Überleben gebraucht wird, weiß der Instinkt: Ein trockener, sicherer Platz zum Schlafen, Wärme (auch zwischenmenschlich), gesundes Essen und sauberes Wasser. Das wichtigste Werkzeug des Menschen dafür ist sein Verstand und seine Kreativität im Herstellen von Werkzeugen. Was bleibt, sind die Gegenstände, die nicht überlebenswichtig sind – uns das Leben aber vereinfachen und angenehmer gestalten. Und in diese Kategorie fällt doch das Allermeiste, was sich so in den Behausungen ansammelt.

Eine einfache Frage, die man sich für jeden einzelnen Gegenstand stellen kann, ist: „Fühlt sich dessen Besitz gut an?“ Dies wird, eine gewisse Sensibilität vorausgesetzt, einfacher und treffender zu beantworten sein, als Fragen – über den Umweg der Ratio – nach Nutzen und Wert. Sogenannte Bauchentscheidungen sind meistens richtig. Sie werden in Sekundenbruchteilen getroffen und funktionieren, bildhaft ausgedrückt, auf einer ‚verdrahteten‘ Ebene im Körper. Im EDV-Jargon würde man von Hardware-Ebene sprechen; der Verstand entspräche einer Art Software, die zwar flexibler, aber auch um einiges langsamer ist. Zweifel und Abwägungen sind Sache des Denkens.

„Weniger – aber dafür Bedeutenderes zu besitzen, sollte das Ziel sein. Wie bei allem, kommt es auf die Menge an; an materiellem Besitz ist grundsätzlich nichts falsch. Er gehört zum Mensch-Sein einfach dazu.“

Die Welt der Spezialisten

Unsere Welt aber ist hoch spezialisiert: Nicht nur gibt es unzählige Berufsbezeichnungen, die beinahe unterscheiden, ob ein Mitarbeiter nun Schrauben nur herein oder auch herausdrehen kann oder ob ein Möbelpacker Klaviere oder doch nur Sessel schleppt. Und weil alles so schön in Schubladen passen muss, damit jeder gleich weiß, wo er etwas einordnen darf (und wo nicht); weil wir unser Denken auch gerne mal ‚outsourcen‘ und dafür hübsche, bunte Werbebotschaften absorbieren, die uns unter Anderem sagen, dass dieser grell-blaue Reiniger da im Regal doch tatsächlich ‚für Küche und Bad‘ geeignet ist.

Irre oder? Für die Küche und auch noch für das Bad! Da spart man ja bares Geld!

Es gibt Kunststoffreiniger und Reiniger für Chrom, Fußbodenreiniger für Parkett und einen anderen für Schmutz auf Fliesen. Mit Ceranreiniger wird das Kochfeld sauber; für die Toilette braucht man aber WC-Reiniger, denn der ‚duftet‘ ja und hat diese besondere Form damit auch die ganzen Keime weggehen. Für Monitore wird TFT-Reiniger verkauft; die echten Fenster putzt man natürlich mit Fensterreiniger. „Und woher kommt überhaupt der ganze Staub?“

Wasserkocher, Eierkocher, Toaster und Mikrowelle. Weinglas, Sektglas, Espressotasse und Schnapsglässchen. Müslischale, Kompottschüssel und Suppenteller. Kuchengabel und Zuckerlöffel.

„Ich trink‘ eigentlich immer alles aus der selben Tasse und komme ganz gut zurecht. Spül‘ die auch fast nie.“

Bademantel, Badematten, Duschtuch, Handtuch, Geschirrtuch? Tuch!

Shampoo für die Haare, Duschgel für die Haut, Flüssigseife für die Hände. Waschmittel für Weißes und Waschmittel für Buntes. Sportwaschmittel.

…und du so?

Hygiene

Es heißt: „Es gibt für alles eine Lösung.“ Die Wahrheit ist: Es gibt für zahlreiche Probleme die gleiche Lösung. Es ist für Umwelt und Geldbeutel besser, ein Produkt für verschiedene Zwecke einzusetzen und es mehrfach zu verwenden. Das klappt auch beim Wasser. Die Tatsache, dass wir unsere Toiletten mit literweise Trinkwasser bespülen ist einfach wahnsinnig. Warum sind professionelle Lösungen für die Verwendung von Brauchwasser als WC-Spülung, z.B. aus dem Duschabwasser oder mit Regenwasser, kaum verbreitet? So gut wie jede Wohnung beherbergt aber Hochtechnologie-Unterhaltungselektronik, dafür ist eben ‚der Markt da‘. Man könnte auch ganz minimalistisch einfach Eimer im Bad verwenden. Ich persönlich hätte aber noch am liebsten eine Kompost-Toilette. Da freut man sich richtig drauf zu gehen, schließlich ‚produziert‘ man etwas nützliches – den Dünger! Beim Stuhlgang das Gefühl zu haben, etwas für den Garten zu tun, ist schon irgendwie wohltuend.

Auch ist es, entgegen der Meinung vieler, in den allermeisten Fällen völlig ausreichend, den Körper mit klarem Wasser zu waschen. Nach einer gewissen Umstellungszeit funktioniert das sogar mit den Haaren. Eine von vielen Möglichkeit ist es, sie mit feiner Heilerde zu waschen. Der Grundsatz ist, an den Körper möglichst nur Dinge zu lassen, die auch essbar sind. Heilerde kann man auch einnehmen, sie wirkt dann förderlich auf die Verdauung. Somit hat dieses Produkt einen höheren Nutzungswert als normales Shampoo und belastet obendrein das Abwasser nicht.

Reinlichkeit bedeutet nicht, unser größtes Organ, die Haut, permanent einer Entfettung zu unterziehen; wodurch im Übrigen ein Teufelskreis beginnt, weil sich der Körper das eben nicht so einfach gefallen lässt und dadurch überhaupt erst zu stärkerer Talgbildung angeregt wird. Schweiß, Schmutz und Staub gehen auch mit klarem Wasser weg. Wie ein Schwamm saugt unser Körper durch die Haut die Inhaltsstoffe aus Shampoo, Duschgel & Co auf und lagert sie ein. Schonmal geprüft, was da so alles dabei ist? Glaubst du, die Hersteller oder die Pharmakonzerne sind an deiner Gesundheit interessiert?

„Jeder Erwachsene trägt für sich (und seine Kinder) selbst die Verantwortung.“

Kleidung

Kleidung aus Schurwolle ist solcher aus Baumwolle oder Kunstfaser vorzuziehen, denn auch sie hat den höheren Mehrwert: Wolle leitet die Feuchtigkeit vom Körper ab und sorgt für ein angenehmes Tragegefühl. Aufgrund dessen riecht sie auch nicht so schnell und der mikroskopische Fettfilm in den Fasern sorgt für eine Art Selbstreinigungsfunktion. Letztendlich wird weniger Wechselkleidung benötigt, ergo: weniger Waschen, weniger Abwasser, weniger Aufwand. Im Bereich Wandern und Trekking hat sich die Verwendung von Merino-Wolle bereits durchgesetzt. Günstige Pullover aus Schurwolle habe ich bisher Second Hand über das Internet erworben. Wichtig dabei ist, abzuklären, dass das begehrte Stück nie wärmer als 30°C und ohne Weichspüler und herkömmliches Waschmittel gewaschen worden ist. Sonst verlieren sich die guten Eigenschaften der Schurwolle. Meine Wollsachen wasche ich immer per Hand mit Gallseife.

Sauberkeit

Wie perfekt sauber muss es überhaupt es sein? Übertrieben ist es dann, wenn der Aufwand, also die verwendete Zeit, Mühe und die Dosis der Chemikalien den tatsächlichen Nutzen übersteigen. Perfekte Sauberkeit ist beeindruckend aber keineswegs notwendig. Die Keime sind vielleicht eliminiert, die eigene Gesundheit aber letztendlich höher belastet. Und die Mitmenschen, Tiere und Pflanzen bekommen alle davon ab. Giftiger Sprühnebel, aufsteigende Dämpfe vom Bodenreiniger – abartigst parfumiert – igitt! Da sag ich nur: „Tief einatmen, dann ist es schnell vorbei!“ Wer seine Wohnung so putzt, dass sie einen perfekten Reinraum für die Produktion von Mikroprozessoren abgeben würde (vielleicht ruft ja AMD oder Intel an und bietet Ihnen einen Job als Reinigungskraft?), braucht sich nicht zu wundern, wenn das eigene Immunsystem herunter fährt. Es hat ja nichts zu tun. Und weil ihm langweilig ist, sorgt es eben selbst für Beschäftigung und entwickelt mal ein paar Allergien. Gegen eine Erkältung kann es dann aber nichts mehr machen.

„Menschliches – Allzumenschliches“

Minimalismus ist nicht nur eine wirtschaftliche Einstellung; es lässt sich ebenso auch auf zwischenmenschliche Beziehungen anwenden. Das oft zitierte Motto: „Weniger ist mehr“, passt auch hier. Verzicht sollte keinen bedauerlichen Umstand darstellen, sondern eine bewusst getroffene Entscheidung oder eine logische Folge der eigenen Lebensart. Genauso, wie man sich von unnötigen Dingen befreien kann, befreit sich ein minimalistischer Mensch von unangenehmen oder gar schädlichen Mitmenschen, in dem er die Verbindungen kappt und sich selbst und seiner Linie treu bleibt. Da ist kein Platz mehr für Heuchelei und Wahrung der Fassade. Es ist keine Scheu oder gar Phobie vor dem Menschen selbst, sondern eine starke Abneigung gegen oberflächliches Gerede, gegen Zwänge und Verbiegungen. Es ist die Abscheu vor jeglichem Unechten, vor Theater und abstrakten, sinnlosen Regeln.

Die Menschen gehen täglich ihren Jobs nach, in denen sie untereinander konkurrieren sollen; sie arbeiten gegeneinander für die Gewinnmaximierung und jeder Einzelne hofft, davon etwas abzubekommen. Und wenn dann endlich Feierabend ist und sie im Auto (SUV…) nach Hause fahren dürfen und das Gegeneinander im abgasverseuchten Stau den Höhepunkt des Tages erreicht hat, dann – ja dann glauben sie doch noch irgendwie an die versprochenen Vorteile dieses Zusammenlebens und wollen sich versorgt und sicher fühlen. Aber durch wen denn, bitte?

Schenken ohne Zwang

Kürzlich, ich war mit dem Rad unterwegs, fand ich etwas, was mich wiederum positiv überraschte: eine Kiste Rhabarber mit der Aufschrift: „zum Mitnehmen.“ Etwas Essbares also – ein ehrliches Geschenk an Unbekannte und nichts, was der Gebende vielleicht einfach loswerden wollte. Schließlich ließe sich Obst und Gemüse ja einfach kompostieren oder wegwerfen. Da ich keinen Bedarf an Rhabarber hatte, nahm ich nichts, stellte mir aber gedanklich vor, wie es wäre, dies zu tun. Man nimmt nicht zu viel, sondern so, dass noch etwas für andere bleibt und man nicht als gierig angesehen wird. Vermutlich kommt der Wunsch auf, sich nicht einfach mit dem Gemüse davon zu machen, sondern kurz in den Hof zu gehen und zu grüßen.

„Das ist ja beinahe rührend; vielleicht sollte ich auch mal was verschenken?“

Erinnerungen

Rhabarberkompott kenne ich noch gut aus der Kindheit, habe es seit dem aber kaum mehr gegessen. Jeden Sommer kochte meine Oma die saftigen Stängel, deren Blätter vorher natürlich einen wunderbaren Sonnenschirm abgaben! Auf einem Holzfeuerherd stand der große Topf, dessen süß-saurer Duft die kleine aufgeheizte Küche vollständig erfüllte. Der verwendete Holzlöffel duftet noch heute, selbst nach jahrelanger Nichtbenutzung nach Rhabarber und manchmal rieche ich daran und erinnere mich. In Gedanken an die damalige Küche fällt mir auch die uralte Waschmaschine ein, die es schon lange nicht mehr gibt. Sie wurde von oben befüllt und bestand aus einem riesigen Behälter, an dessen Boden eine große, drei-flügelige Schraube die Kochwäsche in monotonen Ruckbewegungen mal nach links, mal nach rechts drehte. Es war faszinierend zuzuschauen und beim Schreiben dieser Zeilen ertönt mir heute im Kopf sogar wieder das knarrende Geräusch des Motors und der Zahnräder. Ich glaube, es war eine ‚Saalfeld‘. Und dann erst diese Wäscheschleuder! Vier Kinderhände und die Hände meiner Oma mussten die zappelige Maschine festhalten, damit sie nicht vom Stuhl fiel. Nachher kribbelten die Arme und man rieb sie sich. So ein Spaß!

Sicherlich war jede Hausfrau damals froh, als neue, bessere Waschmaschinen aufkamen. Aber die lebendigen Erinnerungen zeigen doch auch, welchen Charakter diese Geräte gehabt haben; diese spürbare Mechanik, die Lautstärke. Es waren Arbeitsgeräte und Wäschewaschen eine Tagesaufgabe, genauso wie das Beerensammeln, Einkochen, Holzmachen und die Gartenpflege.

Sind wir heute glücklicher?

 

Kommentar verfassen