Kreation, Poesie
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Reise durchs Ich

 

Schwach und kühl warf der Sichelmond leise Silhouetten auf die Landschaft. Schwarz in schwarz; Konturen in tiefster Nacht. Hier und da ein Verlauf, eine Kante; dort eine Ahnung von Struktur. Und dann die ohrenbetäubende Stille. Hören ist nicht vorbestimmt – bedeutungslos in diesem Moment.

Imaterielle Augen als Sinnbilder einer Suche dessen Ziel sie erst erschaffen werden. Sie nehmen nicht wahr – sie interpretieren, machen sicht und -greifbar was da verborgen liegt im Nebel. Keine Netzhaut, keinen Reiz – nur Verarbeitung einer Rückkopplung.

Die Grautöne beginnen sich zu formen, die Landschaft wandelt sich. Bäume und Gräser erscheinen im Scherenschnitt. Jetzt keine falschen Details; alles ist instabil und zittert. Mehr Licht – die Sichel glüht; pulsierende Wolken erstrahlen in harter Zeichnung. Weiter, weiter! Eine Linie wächst; dehnt sich aus von links nach rechts – gibt dem Fokus Halt.

Einer Saite gleicht dieser Horizont. Eine Saite, Saite – Ton! Musik! Ein Arm erscheint und dehnt sich, streckt sich. Die Szenerie bekommt Tiefe. Zeitlupengleich wächst die Hand zum Horizont. Siebenfingrich tastet sie voran; der Arm einer Brücke gleich. Schatten tanzen unter ihr; verharren, erstarren, zerfließen und sickern ins Schwarz.

Noch hat nichts Bestand im Chaos; es fehlt der Halt, die Ordnung – eine Schwingung als Grundgerüst. Der Zeigefinger krümmt sich und spannt den Horizont. Innehalten. Ohrmuscheln bekommen Existenz. Aufloderndes Gefühl – die Saite schnellt zurück – die Emotion erklingt im schrillen Ton! Augenblicklich friert die Szene.

Und dann steht sie majestätisch, plötzlich da. Bedrohliche Mauern im Streiflicht der Sichel. Zinnen spitz wie Speere und ein gähnendes Tor – finster und leer.

(von 2010)

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