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Mountain Equipment Helium 600 im Test

Für meine letzte sechswöchige Trekkingreise in die Gebirgsregionen Mittelschwedens hatte ich mir aus Gründen der Gewichtsersparnis einen Daunenschlafsack zugelegt. Meine Wahl fiel nach langen Recherchen und Abwägungen auf den Helium 600 von Mountain Equipment. In diesem Artikel erläutere ich die Kaufentscheidung, stelle den Schlafsack im Detail vor und berichte von meinen Erfahrungen des täglichen Gebrauches.

Warum Daune?

Ich besitze bereits einen warmen Winterschlafsack mit Kunstfaserfüllung: den Carinthia Defence 4. Dieser wird auch vom Militär verwendet und ist dementsprechend robust verarbeitet. Mein persönlicher Komfortbereich im Defence 4 liegt bei ca. -5°C und diese Reserven im Minusbereich schlagen sich natürlich auf das Gewicht: 2,08kg bringt er auf die Waage. Zuviel für eine Sommertour im Zeitraum Mitte Juli bis Ende August – auch in Skandinavien. Eine Komforttemperatur um die 0°C sollte ausreichen und sich dadurch das Gewicht halbieren lassen.

Diese Vorgabe erfüllten die von mir verglichenen Kunstfaserschlafsäcke jedoch nicht. Das Wärme-Gewichts-Verhältnis von echter Daune ist nach wie vor unerreicht. Weitere positive Aspekte von Daunenfüllungen sind die bessere Kompression und ein angenehmeres Schlafklima sowie eine geringere Geruchsentwicklung; wobei es beim letzten Punkt Unterschiede zwischen Gänse- und Entendaune geben soll, was ich mangels Vergleich jedoch bisher nicht richtig beurteilen konnte.

Worauf kommt es bei Daune an?

Daunenfüllungen werden in unterschiedlichen Qualitäten angeboten und verwendet. Beispielsweise behandeln einige Hersteller ihre Daunen mit einer wasserabweisenden Beschichtung. Auch werden verschiedene Daunenarten verarbeitet oder miteinander vermischt. Neu sind auch sogenannte Hybridfüllungen aus Kunstfaser und Daune, wodurch sich die jeweiligen Vorteile ergänzen – und Nachteile ausgeglichen werden sollen. Das Mischungsverhältnis, z.B. 90/10, steht für den Anteil von Daunen zu Federn.

Entscheidend ist weiterhin die Bauschkraft, die in cuin (engl. cubic inches) angegeben wird. Je höher dieser Wert, desto besser die Isolierleistung. Ausschlaggebend dafür ist vor allem, ob die Daunen aus Lebend- oder Totrupf stammen. Und spätestens an diesem Punkt rückt einem ins Bewusstsein, dass solch ein Schlafsack zum großen Teil ein tierisches Produkt ist, bei dem man sich, besonders was den Lebendrupf betrifft, Gedanken machen kann, ob diese Herstellung für einen selbst vertretbar ist.

Daunen aus Totrupf sind im Prinzip verwertbare Schlacht-„Abfälle“, wobei diese selbstverständlich von vornherein entsprechend für den Weiterverkauf behandelt werden. Die Isolierleistung von Daunenschlafsäcken mit Füllung aus Totrupf ist daher nicht wesentlich schlechter. Ein cuin Wert ab 600 gilt als Qualitätsmerkmal und bedeutet ein gutes Gewichts/Isolier-Verhältnis und kleines Packmaß. Gerüchten zufolge seien Werte über 700 cuin nur durch Lebendrupf zu erreichen. Dies lässt sich für den Konsumenten schwer überprüfen; Mountain Equipment garantiert mit seinem Down Codex jedoch eine ausschließliche Verwendung von Totrupfdaunen.

Down Codex Siegel am Mountain Equipment Helium 600

Down Codex Siegel am Mountain Equipment Helium 600

Man ahnt, die steigenden Ansprüche von Freizeitsportlern an ihre Ausrüstung und der geradezu boomende Outdoor-Markt mit folglichem Preiskampf wird im Falle von Daunenprodukten letztendlich zu einer wichtigen Frage von Tierschutz und Tierrecht. Die Daunen stammen aus Gründen des Preises meist von Produzenten aus Osteuropa und China, was die Kontrolle der Einhaltung von Richtlinien vermutlich oft schwierig gestaltet.

Was ist bei einem Daunenschlafsack zu beachten?

Gleich vorweg: Daunenfüllungen sind nicht das nonplusultra und es wäre falsch zu behaupten, sie seien allgemein besser als Kunstfaserfüllungen. Beide Lösungen unterscheiden sich jedoch in ihrem Einsatzzweck und nicht zuletzt im Preis.

Ein großer Vorteil von Kunstfaserschlafsäcken ist die Unempfindlichkeit gegenüber Feuchtigkeit, denn sie wärmen (genauer: isolieren) auch dann weiterhin gut, wenn die Füllung beispielsweise Kondensfeuchtigkeit aufgenommen hat. Auch Kondenswasser im Innenzelt kann zu einem Problem für Daunenschlafsäcke werden; besonders dann, wenn es eng wird und die Außenhaut des Schlafsackes direkt am Innenzelt anliegt. Daher ist das Obermaterial der meisten Schlafsäcke wasserabweisend imprägniert. Im feuchten Zustand verringert sich die Isolierleistung von Daune erheblich. Daher ist es wichtig, den Schlafsack nach Gebrauch gut zu lüften und am besten an der Sonne zu trocknen.

Ein Loch im Kunstfaserschlafsack, z.B. durch Funkenflug, ist zwar ärgerlich, jedoch nicht dramatisch. Auch ohne Reparatur kann man bei kleineren Löchern seine Tour fortsetzen und sich später um das Problem kümmern. Das Füllmaterial ist ein zusammenhängendes Gewebe, welches zudem den Vorteil hat, dass es nicht verrutscht und somit keine unangenehmen Kältebrücken entstehen. Ein Loch im Daunenschlafsack muss sofort verschlossen werden, es sei denn, man heißt Frau Holle. 😉

Ein Schlafsack muss eine gewisse Länge und Breite haben; ein Mindestmaß an Volumen, damit ein erwachsener Mensch darin schlafen kann – aber die Menge der Füllung richtet sich natürlich nach dem Einsatzzweck und den zu erwartenden Temperaturen. Das bedeutet, dass die losen Daunen gleichmäßig auf das Volumen verteilt werden müssen. Dies wird durch Kammersysteme verschiedenster Ausführungen erreicht (H-Kammern, V-Kammern, Trapez-Kammern…).

Die Effektivität dieser Kammern ist von hoher Wichtigkeit, vor allem bei Schlafsäcken mit einer Komforttemperatur über 0°C. In der Praxis kann dies bedeuten, dass die Daunenfüllung vor dem Schlafengehen ersteinmal zurecht geschüttelt werden muss und während der Nacht auch wieder verrutschen kann. Eine ungleichmäßige Verteilung macht den Einsatz von hochwertigster Daune geradezu sinnlos.

Warum ich mich für den Helium 600 entschieden habe

Der für mich ausschlaggebende Vergleichswert war (neben dem Gewicht) weniger die Bauschkraft, sondern das, was sie letztendlich mit beeinflusst:
die Komforttemperatur. Kurz erklärt: sie besagt, bei welcher Temperatur eine durchschnittliche Frau von 25 Jahren mit 60kg Gewicht und einer Körpergröße von 1,60m in langer Unterbekleidung und einer Kopfbedeckung geradeso noch nicht im Schlafsack friert. Für Männer liegt dieser Bereich immer etwas darunter und nennt sich Limit. Da ich sehr schlank bin, richte ich mich nach dem Komfortbereich.

Temperaturbereiche

Temperaturbereiche

Dieser Wert liegt beim Helium 600 laut Etikett bei -1°C, was für die zu erwartenden Sommer-Tiefsttemperaturen im Schwedischen Gebirge völlig ausreichend ist – zumal ich immer im Zelt schlafen wollte. Da man für solch eine Trekkingtour lange Unterhose, Mütze, warmen Pullover und eine gefütterte Jacke dabei hat, kann man, um Gewicht einzusparen, auch einen etwas „weniger warmen“ Schlafsack wählen und dafür nachts die Sachen anziehen, die man sowieso dabei haben muss. Das ist natürlich eine Frage des Komforts, die jeder für sich beantworten muss. Ich wollte das nicht, denn ich schlafe schon ungern mit Socken; am liebsten nur in kurzer Unterhose und im T-Shirt.

Der Helium 600 mit seinen -1°C Komforttemperatur und einem Gewicht von 1080g (Regular Version) bot mir daher die optimale Balance. Die Kaufvoraussetzung: „halbes Gewicht des Defence 4“ war somit also auch erfüllt. Dafür ist vor allem die hohe Bauschkraft von 725 cuin verantwortlich. Mountain Equipment verwendet hier Entendaune von freilebenden Tieren aus Nordost-chinesischen Provinzen, die aufgrund des dort herrschenden kalten Klimas besonders hohe cuin Werte erreichen. Lebend-, Mauserrupf und Zwangsmästung seien absolut ausgeschlossen, so der Hersteller ME auf seiner Website.

Der Defence 4 von Carinthia passte im komprimierten Zustand nur mit Mühe in das Schlafsackfach meines Rucksackes; daher kam mir das geringe Packmaß des Helium 600 entgegen. Im Original-Packsack gibt der Hersteller Maße von 19cm x 30cm an. Dazu später mehr.

Ein weiterer, ganz wichtiger Punkt auf meiner Wunschliste war ein Wärmekragen! Im Defence 4 musste ich mich komplett im zugeschnürten Schlafsack verkriechen, damit keine kalte Luft bei Bewegungen unangenehm über den Körper hinein strömte. Schnell bekam ich echte Atemprobleme darin, weil die dichte Kunstfaserfüllung anscheinend nicht wirklich atmungsaktiv ist. Daher unbedingt Wärmekragen und Kapuze für den nächsten Schlafsack. Hat der Helium 600 – check, nächster Punkt:

Der Preis! Die UVP des Herstellers liegt bei knapp 340€ und damit kann man den Helium 600 angesichts des guten Wärme-Gewichts-Verhältnisses als preiswert bezeichnen. Die Verwendung von Enten- statt Gänsedaune hat hier sicherlich dazu beigetragen.

Genug Theorie! Wie gut ist der Helium 600 in der Praxis?

Eins vorweg: gefroren hatte ich nie. Auch dann nicht, als der Nordwind stürmte, Rauhreif das Zelt überzog oder das Kondenswasser vom Innenzelt tropfte. Dabei hatte ich nie mehr Kleidung am Körper, als die Angabe für den Komfortbereich voraussetzt. Der (für mich neue) Wärmekragen war eine Wohltat; genauso wie die gut gefüllte, warme Kapuze, die sich mit zwei Kordeln und einem Druckknopf bei Bedarf sehr eng zuschnüren lässt.

Das oben angesprochene Problem der verrutschenden Füllung trat in, wie ich finde, vertretbarem Maße auf und konnte durch ein paar Mal Schütteln gelöst werden. Das Kammersystem ist also nicht ganz optimal gelöst, wobei ich dies auch bei anderen, teureren Daunenschlafsäcken anderer Marken beim Testen im Geschäft festgestellt hatte. In jedem Falle sollte der Helium 600 vor dem Gebrauch gut aufgeschüttelt und auf leere Stellen (Kältebrücken) überprüft werden.

Reißverschluss

Der seitlich angebrachte Reißverschluss hat eine Klemmschutzleiste die recht gut funktioniert, solange man mit gewisser Vorsicht vorgeht und sich bewusst ist, dass es mal klemmen könnte. In diesem Punkt war der Carinthia Defence 4 unproblematischer: sein auf der Oberseite mittig angebrachter Reißverschluss mit großen Zähnen klemmte wirklich nie; auch nicht bei schneller, sorgloser Bewegung. Die Wärmedämmleiste hinter dem RV ist hingegen bei beiden Schlafsäcken sehr effektiv. Beim Helium 600 sollte man darauf achten, den RV nicht komplett bis zum Ende zu öffnen, da das wiedereinfädeln etwas fummelig ist. Also am besten immer noch so 2cm übrig lassen.

 

Reißverschluss eines Daunenschlafsackes

Reißverschluss mit Klemmschutz

Reißverschluss eines Daunenschlafsackes

Reißverschluss mit Klemmschutz

Fußbereich

Der Fußbereich ist dicht und gleichmäßig gefüllt und abgeschlossen, d.h. er lässt sich nicht mit dem RV öffnen, da dieser nur über ¾ der Länge des Schlafsacks reicht. Das verbessert die Wärmeleistung; wer den 2-Wege-RV gerne nur an den Füßen öffnen möchte um nicht zu schwitzen, hat beim Helium 600 diese Möglichkeit nicht. Das ist generell kein Minuspunkt, sondern eine Sache von individuellen Prioritäten.

Reißverschluss eines Daunenschlafsackes

Länge des Reißverschlusses

Reißverschluss eines Daunenschlafsackes

Reißverschluss Ende

Fußbereich eines Daunenschlafsackes

Fußbereich

Größe und Material

Genauso verhält es sich mit dem Platzangebot. Was die Länge betrifft, ist die Regular Version für mich mit ca. 177cm Körpergröße optimal. In der Breite ist der Helium 600 jedoch recht eng geschnitten und kräftigere Personen könnten sich leicht eingeengt fühlen. Für mich war es noch ok; ich habe mich wohlgefühlt – auch wenn der Unterschied zum geräumigen Defence 4 schon enorm ist. Aber das gute Gewicht-Wärme-Verhältnis kommt eben nicht von den Daunen allein.

Mumienschlafsack geschlossen

Mumienschlafsack

Auch das verwendete Außen- und Innenmaterial ist dünner und damit empfindlicher als bei schwereren Schlafsäcken dieser Preis- und Wärmeklasse. Der Hersteller weist darauf hin, dass dieses Ultraleichtmaterial anfälliger gegenüber Abrieb ist. Konkret bedeutet dies, dass man im Schlafsack beispielsweise auf das Tragen von Kleidung mit scheuernden Klettflächen oder Metallelementen, wie z.B. Gürtelschnallen, verzichten sollte. Grundsätzlich macht das Material aber einen vertrauenswürdigen und hochwertigen Eindruck; im Gegensatz zu so manch anderen Ultraleicht-Schlafsäcken mit diesen transparenten, plastik-artigen Obermaterialien.

Die wasserabweisende Imprägnierung des Außenmaterials funktioniert, solange es nicht zu direktem, aufeinanderliegendem Kontakt mit nassen Materialien wie dem Innenzelt kommt. Herabfallende Tropfen perlen für einige Zeit ab. Das Innenmaterial des Helium 600 würde ich als angenehm seidig bezeichnen. Es raschelt auch nicht wirklich.

Innenfutter eines Daunenschlafsackes

Innenfutter

Einen Kritikpunkt hatte ich bezüglich des Materials dennoch festgestellt: er verliert etwas Daunen, obwohl der Hersteller in einem Text im Innenetikett die Daunendichtigkeit des Materials betont. Es ist keineswegs dramatisch; also nicht so, dass man Angst haben muss, bald in einer leeren Tüte zu schlafen. Jedoch kenne ich das gleiche Problem bereits von Mountain Equipment’s Daunenschlafsack „Womens Glacier 750“. Vielleicht hat der Hersteller hier ein generelles Problem? Allerdings las ich in einer Kundenbewertung, dass der Daunenverlust nur anfangs auftrat. Ich werde das noch etwas beobachten und ggf. den Hersteller kontaktieren.

Daunenfedern auf blauem Schlafsack

Daunenverlust

Transport

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft nicht den Schlafsack selbst, sondern den mitgelieferten Original-Packsack. Dieser ist viel zu klein! Beim Stopfen hatte ich bereits Sorge um die Daunen – und selbst wenn ich den Packsack noch zugezogen bekommen hätte, wäre mir nicht wohl dabei gewesen, den Helium 600 tagtäglich für mehrere Stunden darin eingepresst zu transportieren. Deshalb verwendete ich schließlich den Kompressionssack des Carinthia Defence 4, der sich mit dem Helium 600 ordentlich zusammenschnüren ließ und wunderbar ins Schlafsackfach des Rucksacks passte. Nun nach der Reise lagere ich ihn im mitgelieferten geräumigen Aufbewahrungssack.

Schlafsack im Packsack

Der Helium 600 im Carinthia Defence 4 Kompressionssack

Schlafsack komprimiert

Der Helium 600 im Carinthia Defence 4 Kompressionssack

Schlafsackim Aufbewahrungsbeutel

Der Helium 600 im Aufbewahrungsbeutel

Fakten

+ geringes Gewicht (1080g Regular Size)
+ hochwertige Daune (750 cuin)
+ preiswert (UVP ca. 340€)
+ gute Wärmeleistung (Komfort -1°C)
+ wirksamer Wärmekragen

– verliert etwas Daunen
– mitgelieferter Packsack viel zu klein
– Kammersystem hält die Füllung nicht ganz optimal verteilt
– etwas eng geschnitten

Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Mountain Equipment Helium 600 zufrieden und denke, mit ihm den für mich passenden Daunenschlafsack gefunden zu haben. Er hat sich auch während Regentage und feuchtem Wetter für meine sechswöchige Trekkingtour in Schweden bewährt. Ein Daunenschlafsack muss sorgsamer behandelt und vor Nässe geschützt werden als ein relativ unkomplizierter Kunstfaserschlafsack, wie der Defence 4. Das wesentlich geringere Gewicht ist dies meiner Meinung aber wert. So wanderte nämlich gleich ein Objektiv mehr in meine Reisefotoausrüstung. 😉


Ich hoffe, dem einen oder anderen Leser mit diesem Artikel bei der schwierigen Kaufentscheidung geholfen zu haben. Ein Daunenschlafsack ist schließlich ein Ausrüstungsstück, das einem viele Jahre begleiten und für angenehme Nächte sorgen soll.

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