Kungsleden, Trekking
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Kungsleden – Teil 3

Nebel stieg in der Frische des Morgens aus den Wäldern am Ufer auf; der Himmel war klar und versprach einen weiteren sonnigen Sommertag. Noch war es kühl und eine leichte Brise wehte vom See, als wir früh das Zelt am Ufer abbauten und mit gemischten Gefühlen diesen schönen Ort verließen. Der Weg zum Helags-Gebirge war überschaubarer geworden und die stetige Freude Neues zu entdecken machte es dennoch leicht, die Rucksäcke erneut zu packen und eine weitere Etappe anzugehen. Unser Ziel für diesen Tag war die Skedbrostugan; 18 Kilometer Wegstrecke entfernt im Fjäll. Das Höhenprofil sah bis auf den letzten Abschnitt sehr flach aus und auch die Wegbeschreibung ließ trotz der Entfernung auf eine einfache Etappe schließen. Mit genügend Pausen sollte dieser Tag ein seichter Start auf der neuen, dritten Karte sein – die ich geradezu feierlich aus der Tiefe meines Rucksacks zog. Entlang des Seeufers; durch Birken und Kiefernwälder, schlichen wir uns an grasenden Rentieren vorbei.

DSC04202Gut sichtbare, orange Markierungen und neu gesetzte Bohlen in den wenigen, morastigen Wiesengebieten machten das Vorankommen leicht. Vor uns lagen in westlicher Richtung zwei Hügelberge, die wir umrunden und dann gewohnt nach Norden in gebirgige Regionen aufsteigen wollten. Der Hüttenwart der Rogenstugan empfahl zwar, einen der Berge für eine Rundsicht über das Seegebiet zu besteigen; wir aber wollten die beruhigte Etappe einfach mal so lassen wie sie war – zumal wir bereits auf dem Hinweg zum Rogen eine fantastische Aussicht genießen konnten. Am Ufer des letzten Seitenarmes des Sees machten wir Rast und trafen auf eine Wandergruppe mit mehreren Zelten, die gerade mit dem Frühstück fertig geworden waren und ihre Sachen packten. Nachdem wir die Hügelberge hinter uns gelassen hatten, gelangten wir an eine Wegkreuzung, der wir bergauf die letzten 4 Kilometer bis zur Skedbrostugan folgen sollten. Bald führte der Kungsleden durch schier endlose Blockfelder, die aus 2 Kilometern gefühlte 10 machten. Diese zermürbende Geröllhalde verlangte Gelenken und Ausdauer einiges ab. Solches Gelände ist neben Sumpfgebieten am schwierigsten passierbar und lässt den Wanderer zweifeln, sich noch auf dem Kungsleden zu befinden.  Während meine Sehnenscheidenentzündung abgeklungen war, verschlimmerte sich Julias Fuß auf diesen letzten Kilometern bedenklich. Nach der Situation am Hävlingen gingen wir mit diesem Umstand zwischenmenschlich vernünftiger um.

DSC04215Am See waren bereits Zelte aufgeschlagen und zwei junge, bärtige Norweger bereiteten ihr Lagerfeuer vor. Sie hatten ein Kanu dabei; wie wir später erfuhren, ist es mit wenigen Landgängen möglich, über viele kleine Seen vom Rogen zur Skedbrostugan zu fahren. Vor der Hütte wachte ein aus Wurzeln gezimmerter Troll; von dem sich ein weißes Rentier allerdings nicht abschrecken ließ und neugierig mal hier, mal dort um die Ecke lugte.
DSC04250Der Hüttenwart setzte sich zu uns, als wir Rast vor der Hütte machten; und nach wenigen Worten stellte sich heraus, dass er ebenfalls Deutscher ist; aber seit 15 Jahren in Schweden lebt. Seine ruhige, gutmütige Art beeindruckte uns; er schien aber etwas einsam an dieser eher wenig besuchten Ecke des Kungsledens zu sein. Seine Arbeit ist ehrenamtlich; erklärte er und schwärmte von der wohltuenden Stille der Natur; die er nach einem Burnout dringend nötig hatte.

DSC04231Wir kauften eine Packung Kekse und zelteten unweit der Hütte auf einem ebenen Platz zwischen Sträuchern. Der See war nur wenige Meter entfernt; ich wollte unbedingt mal in einem kalten Fjällsee schwimmen und tat es für 2 min… Julia kühlte ihren Fuß, der sich später kaum noch bewegen ließ. Wir beschlossen daher, den morgigen Tag hier zu bleiben und auszuruhen. Am nächsten Morgen ging es dem Fuß bereits etwas besser und nachdem sie ihn wieder gekühlt hatte, ging Julia einen ¾ Topf voll Heidelbeeren sammeln. Inzwischen waren die Beeren sehr zahlreich und viele davon groß und süß. Wir hatten fast den ganzen Topf auf einmal leer gegessen. DSC04239-1Während Julia sammelte, war ich mit der Kamera unterwegs und war fasziniert von den bärtigen Moosen an einigen Tothölzern. Am Abend dieses heißen Sommertages saßen wir wieder mit dem Hüttenwart zusammen, der nebenher an einem Brotteig rührte.

Freundlicherweise bot er uns an, auch ein Brot zu backen DSC04245und teilte mit uns seinen Rest Mehl, Hefe und Öl. Normalerweise muss die Hüttenbenutzung bezahlt werden; wir durften unser Pizzabrot, welches wir mit unserem restlichen Tomatenpulver und etwas Gemüsebrühpulver angereichert hatten, jedoch kostenfrei mitbacken. Es war ein alter Holzfeuerofen mit Backröhre – die Brote gelangen perfekt. Zum Dank gaben wir dem Wart einen Teil unseres Brotes, nachdem wir zusammen zu Abend gegessen hatten. Später saßen Julia und ich noch am See und ließen den Tag mit Keksen ausklingen.

DSC04251Der Wecker riss uns gegen 5 Uhr morgens aus dem Schlaf; meine Motivation hielt sich in Grenzen. Immerhin ging es Julias Fuß besser. Der Ruhetag und das Kühlen war nicht umsonst; der freundliche Hüttenwart gab uns jedoch zu verstehen, dass Kilometer-“herunterreissen“ nicht die richtige Herangehensweise für so eine Wanderung ist; man sich Zeit nehmen und auf die Signale des Körper achten sollte. Unseren Ruhetag fand er vernünftig und auch notwendig. Der Kungsleden führte auf dieser Etappe zunächst ohne nennenswerte Anstiege durch eine Waldebene; die aufgrund der Höhe einen besonderen Charakter hat. Neben Kiefern gedeihen nur Birken; die allerdings nicht sehr hoch werden und kaum gerade wachsen. Der Boden ist flächendeckend von Sträuchern überwachsen; ringsum umschließen große Hügelberge die karge Landschaft, die einen manchmal phantasieren lässt, sich auf dem Weg nach Mordor zu befinden – weit hinter den Grenzen der fruchtbaren Tiefebenen. Die Sonne wurde von einem diffusen weißen Schleier verdeckt, der zunächst noch dünn war und vereinzelt Strahlen durchließ, ohne dass wir ins Schwitzen kamen oder uns Sonnenbrand holten. DSC04273Nach etwa 5 km trafen wir auf einen See mit kleinem Strand aus feinem, weißen Sand und auf mehreren Metern weit seichtem Wasser. Von dieser Stelle hatte uns der Hüttenwart erzählt und sogar empfohlen hier zu zelten. Für heute war es jedoch viel zu früh; wir wollten über das nächste Fjäll bis zur Abstiegsseite Richtung Fjällnäs; wo wir den Kungsleden kurzzeitig verlassen und einen alternativen Pfad hinunter ins Tal nehmen wollten um morgen auf einigen Kilometern Straße nach Hamra zum Markt zu gelangen. Soweit der Plan; wir sprachen zwar darüber, eventuell heute noch einzukaufen; rechneten aber nicht damit. DSC04275Aus Motivationsgründen dachte ich zwar für jedes Etappenziel einen kleinen Schritt weiter, weil man erfahrungsgemäß auf die letzten Kilometer jede Anstrengung verstärkt wahrnimmt; nahm es jedoch nicht mehr so ernst und konnte mich auch mit dem „offiziellen“ Etappenziel gut abfinden. Ausdauer ist zum großen Teil Kopfsache und wenn man das Ziel gedanklich etwas weiter hinausschiebt, reicht die Motivation gut bis zur tatsächlichen Ankunft. Zunächst war es aber ersteinmal höchste Zeit für die Mittagspause. Wir schauten öfter auf die Karte, schätzten Entfernungen und hielten auf jeder Anhöhe inne und suchten die Landschaft nach einer kleinen Rasthütte ab. Die Weite und ungewohnten Proportionen der Wälder täuschen das Auge, welches suchend über Geröllfelder, Seeufer und grüne Senken fährt. Die Wegfindung machte heute glücklicherweise keine Probleme und solange wir den orangenen Markierungen folgten, konnten wir die Hütte praktisch nicht verfehlen.

DSC04284Kurz vor dem Fjällaufstieg erreichten wir die Koje auf einer felsigen Anhöhe. Die Bauweise erinnerte wieder an eine Samenkote; innen war sie jedoch leider vermüllt, sodass wir draußen auf den Steinen Platz nahmen. Kleine Vorfreuden, wie auf unser selbstgebackenes Pizzabrot oder eine Dose billigen, salzig-öligen Thunfisch, bringen einen Schritt für Schritt durch den Wandertag. Dennoch hatte ich anhaltende Verdauungsprobleme und ahnte – bzw. wusste, dass ich wenigstens kein Roggenbrot essen sollte. Wir hatten jedoch nichts Anderes; weil die Hütten nur das günstigste Knäckebrot verkauften – und das war jenes mit dem höchsten Roggenanteil. Aber auch wenn wir in der Stadt einkauften, war für uns der Preis entscheidender. Noch hatte ich guten Appetit und wir mussten uns beherrschen, nicht zu viel von der Tagesration zu essen. Der Aufstieg gestaltete sich leichter als der Anblick von unten vermuten ließ.

DSC04285Der zunehmend bedrohlich nach Regen aussehende Wolkenhimmel trübte die Stimmung etwas, aber wenigstens kamen wir so nicht ins Schwitzen. Wenn man sich an der Landschaft satt gesehen hat; Berge, Täler und Ebenen modulationslos in grauem Schatten liegen und Dunst den Horizont umschließt, versinkt man in der Monotonie der Schritte in der inneren Weite seiner Gedanken; verliert sich in Überlegungen, Planungen; führt Dialoge mit fiktiven Gegenübern und produziert Vorbereitungen für diverse Eventualitäten auf Vorrat. Außerdem hatte ich noch meine Kamera, deren unzählige Einstellungsmöglichkeiten willkommene Abwechslung und Kurzweil boten – solange ich die begrenzte Kapazität der Akkus ignorierte.

DSC04286Ich führte 3 Akkus und 6 Speicherkarten mit insgesamt 21 GB Speicher mit und füllte an diesem Tag die zweite Karte mit dem letzten Bild. Ich vertraute auf den Rat, die Bilder auf mehreren Speicherkarten mit geringerer Kapazität zu verteilen um im Falle von Defekt oder Verlust einer Karte nicht gleich alle Aufnahmen zu verlieren. Die Kamera liefert 12 Megapixel, schreibt RAW und JPEG Dateien gleichzeitig und ich hatte für 5-6 Wochen mit den Kapazitäten gut geschätzt und geplant. Das Einsetzten der nächsten, unbeschrieben Karte hatte gefühlsmäßig für mich auch etwas symbolisches – einen Abschnitt abschließen, vorankommen und sich auf die kommende Ereignisse einlassen. Oben angekommen passierten wir etliche kleine Teiche und klare Gebirgsbäche vor zunehmend imposanterer Bergkulisse und legten an zwei in der weiten Landschaft einzeln stehenden Felsen Fotopause für einige Selbstportraits von uns beiden ein; für die ich 400g Ministativ mit mir herumtrug – und es abermals nicht bereute; obwohl ich es nicht oft benutzte.

DSC04292Etwas höher als geplant, aber immerhin am Abstieg, zwang uns die Wetterlage rasch einen geeigneten Zeltplatz zu finden, bevor es zu regnen anfangen würde. Der Blick ins Tal war trotzdem recht idyllisch; der Abstieg ging zunächst in eine Senke mit See und vorgelagerter Bergkette über; hinter der die Stadt Tänndalen mit siedlungsartiger Bebauung auf der gegenüberliegenden Bergseite lag. Dies schien die bisher umfangreichste Stadt zu sein, die wir seit Sälen gesehen hatten und so waren wir zuversichtlich morgen sicher einkaufen zu können. Nach kurzer Suche fand sich ein ebener Platz zwischen Sträucherwiesen an einem rauschendem Bach und wir bauten schleunigst das Zelt auf – worin wir gut routiniert und trotz der Eile sicher und gefasst waren. Der Regen ließ etwas auf sich warten, sodass wir versuchen wollten, noch mit Holz zu kochen und den Spiritus für die höher gelegenen Fjällregionen aufzusparen. Bäume gab es in unserem Umkreis nicht; dennoch fanden wir überraschenderweise zwischen den alles bedeckenden Sträuchern ausreichend Zweige – zwar feucht; aber ausreichend. Gewitterwolken türmten sich in Windrichtung auf und Donnergrollen setzte ein. Kurz darauf begann es zu regnen und unser mühsam zusammengeklaubtes Feuerholz wurde nass.

DSC04316Im Vorzelt war ein Kochen mit Feuerholz aber ohnehin zu riskant, sodass wir dann doch Spiritus benutzten um den Couscous und Spaghetti aufzuwärmen. Ersteres konnte ich bald nicht mehr riechen; vielleicht auch ein Warnsignal des Körpers. Gut abgespannt hielt das Ultraleichtzelt Wind und Regen gut stand; am Himmel blitzte und grollte es besorgniserregend. Nass, kalt und umständlich zeigte sich Schweden nach langer Sonnenperiode mal wieder von der unangenehmen Seite. In den warmen Schlafsäcken liegend, dachten wir über die kommenden Etappen in den stetig höherliegenden Regionen nach; während der Regen auf die grüne Haut des „Lizards“ prasselte. Im Zelt war es sehr eng; dennoch mit zusammenrücken und komprimieren durchaus möglich unsere beiden Rucksäcke mit unterzubringen. Normalerweise blieb aber mein Rucksack eingehüllt im Regenschutzcape im Vorzelt liegen. Nur wenn es wie in dieser Nacht durchgängig regnete und sich Pfützen auf der Zeltunterlage bildeten, holten wir in mit rein. Die Enge im Zelt hatte aber auch einen Vorteil – es wurde sehr schnell warm.

Mittwoch; der letzte Tag im Juli – 4:30 Uhr morgens: die unbeschreiblich nervige Melodie des Handyweckers reisst uns aus dem Schlaf… Nieselregen, grau – aber bereits hell. Ich drehe mich von einer Seite zur anderen; halte inne bevor ich mich schließlich überwinde den Reißverschluss des Schlafsacks aufzuziehen. Kalte Luft strömt hinein; jede Bewegung braucht Überwindung. Es war nicht immer einfach, sich für den Start in den Tag zu motivieren; wenn es doch keine richtigen Verpflichtungen gab außer selbst auferlegte Strukturen. Nach dem kalten Müsli zwängten wir uns nacheinander im ohnehin engen Zelt in die Regensachen; packten stupide, wie einem Programm folgend zusammen und stapften auf matschigem Weg bergab ins Tal. Vorsorglich hatten wir uns Plastiktüten über die Socken gezogen, um halbwegs trockene Füße zu behalten. Meine Schuhe hatten bereits Risse und auch die Plastiktüten wurden vom Schweiß innen feucht. Wir passierten einen Skihang mit Lift und erreichten bald eine Feriensiedlung. Ein freundlicher Mann, wohl der Inhaber dieses Camps, bot uns an, mit ihm nach Funäsdalen zu fahren um einzukaufen. Er wusste sicherlich, dass viele Kungsleden-Wanderer in Funäsdalen ihre Vorräte aufstocken wollen und wir waren wohl auch nicht die ersten, denen er die Mitfahrgelegenheit anbot. Wir lehnten jedoch freundlich ab und sagten nur, dass wir nach Hamra – in die entgegengesetzte Richtung – gehen wollten. Wir hielten es für unnötig, zu erwähnen dort einkaufen zu wollen. Nach 3 km Straße erreichten wir Tänndalen; von wo aus wir uns nach Busverbindungen erkundigen wollten, um nicht weitere 6 km Straße nach Hamra laufen zu müssen. Von Ost nach West verband die Straße die Orte Funäsdalen – Tänndalen – Hamra und Fjällnäs; wo der Kungsleden weiterverläuft. Es gab keine Fahrpläne, es fuhr kein Bus; wir liefen also weitere 6 km und erreichten ein verlassenes Wintersportdorf mit Hotels: Hamra. Hier sollte es einen Markt geben? Hatte sich der Hüttenwart an der Rogenstugan geirrt? Wir liefen bis zum Ortsausgang und fanden nichts außer einen Wanderparkplatz mit einigen Infotafeln. Trotz des miesen Wetters parkten einige Autos und ein Caravan und Wanderer machten sich an den Aufstieg ins Hamrafjället. Schließlich fragten wir die zwei Frauen mit ihrem Wohnmobil nach einer Einkaufsmöglichkeit und mussten leider erfahren, dass auch sie in Hamra und Fjällnäs keinen Markt finden konnten. Das Handy wurde befragt; recherchiert – erfolglos gab sie auf und meinte; die einzige Möglichkeit wäre nach Funäsdalen zu fahren. Genau das wollten wir vermeiden; Umweg, unsichere Busverbindung oder gar per Anhalter zu fahren; aber es blieb wohl nichts anderes übrig; wir waren auf den Einkauf angewiesen. Dann boten uns die Frauen überraschenderweise an, mit ihnen nach Funäsdalen zu fahren; da sie ohnehin demnächst fahren wollten, um ihre Hunde für die Weiterreise nach Norwegen mit Wurmkurpillen zu versorgen. Wir verstauten die Rucksäcke im Wohnmobil; Julia saß hinten mit der sehr gesprächigen und extrovertierten, vielleicht 55 jährigen Reiselustigen; ich nahm vorne auf dem Beifahrersitz Platz und war nun das erste Mal, nach Tagen der Zweisamkeit und Ruhe mit Fremden konfrontiert und gezwungen wenigstens ein paar Sätze Smalltalk in Englisch zu bewerkstelligen. Ich hatte große Mühe und mir war es unangenehm vielleicht unfreundlich zu erscheinen; aber die fehlende Routine in der Sprache sowie die etwas überrumpelnde Situation machten es mir nicht leicht Worte zu finden. Mehrmals dankend stiegen wir in Funäsdalen am Supermarkt aus; winkten noch dem abfahrenden Wohnmobil nach und realisierten, wie schnell sich manchmal etwas ergeben kann, mit dem man überhaupt nicht rechnet. Für die Rückfahrt planten wir, den Bus zu nehmen; es würde sicherlich einer fahren; Funäsdalen war die größte Stadt im Umkreis und all die plötzlichen Eindrücke, Menschen, der Verkehr waren überwältigend nach Wochen fernab der großen Zivilisation. Ich empfand soetwas vorher schon anstrengend, aber nun erschien es offensichtlich völlig verkehrt und fremd. Dennoch waren wir abhängig vom Supermarkt und machten uns auf in die wunderbare, verlockende Welt der prallvollen Wurst- und Käsetheken und schlängelten uns durch das überwältigende, verwirrende Angebot verschiedenster Produkte. Im Labyrinth der Konsumregale versuchten wir einen kühlen Kopf zu bewahren; Preise zu vergleichen, Notwendigkeiten abzuwägen. Allmählich füllte sich der Einkaufskorb; bis er schließlich bedenklich schwer und am überquellen war. Wieder griffen wir zum billigsten Brot, ersetzten das ungesunde Sirup aber endlich durch Honig und versorgten uns mit frischem Obst. Wieder machten wir Picknick vorm Markt mit preisreduziertem Baguette vom Vortag, dem günstigstem Pack Gouda und Avocado um die Leber beim Entgiften zu unterstützen. Während ständig Leute in- und aus dem Markt gingen; Autos parkten und generell um uns herum das gewöhnliche Stadtleben programmatisch ablief; breiteten wir unseren Wocheneinkauf auf dem Picknicktisch aus; packten um und fühlten uns dabei wie Abtrünnige, Ausgesetzte aus einer anderen Welt – bereit, diese fremde Umgebung schnell wieder zu verlassen und „abzutauchen“. Um den Bus zu sparen, suchten wir den Parkplatz nach Autos mit norwegischen Kennzeichen ab; die uns vielleicht nach Fjällnäs mitnehmen könnten. Jedoch tauchte für längere Zeit niemand auf und so wirklich war ich von der Idee nicht überzeugt. Zu große Blockaden warfen sich in mir auf. Der Busplatz war zum Glück schnell gefunden und der Fahrplan verlangte eine ¾ Stunde Wartezeit. Nicht optimal – aber sollte doch rumzukriegen sein, dachten wir uns und warteten vergebens eine volle Stunde auf den Bus nach Fjällnäs. Ein genauer prüfender Blick auf den Plan brachte eine Zusatzinformation hervor: Nämlich, dass nur im Winter Busse in diese Richtung verkehren…
Die kleineren Orte leben fast ausschließlich vom Wintersporttourismus und im Sommer scheint sich eine Busverbindung nicht zu lohnen; zumal der meißte Verkehr wohl ohnehin von Norwegern verursacht wird, die nach Funäsdalen fahren um günstig einzukaufen. Was nun? Laufen war beinahe ausgeschlossen; zu weit. Die Karte offenbarte einen alternativen Weg aufs Fjäll von Funäsdalen aus; Umweg jedoch und unsicher. Taxi zu teuer. Julia schlug vor, es nochmals per Anhalter zu versuchen und da uns nichts Anderes übrig blieb, verließen wir die Stadt der Hauptstraße entlang und standen bald vor der Überwindung den Daumen rauszuhalten. In mir sträubte sich alles gegen diese Art der Hilflosigkeit; ich war zu stolz und gleichermaßen zu scheu um mich darauf einlassen zu wollen. Wir liefen einige Meter weiter; hielten wieder inne und diskutierten. Ich wollte eher noch den ganzen Weg laufen oder die Alternativroute nehmen als diese demütige Geste auszuführen. Ich fühlte mich wie ein umherstreunender Wolf und wollte nur schnell ungesehen zurück in die Wildnis schlüpfen um mich mit zilisations- und hilfeverweigerndem Jähzorn in einem Akt konzentrierter Kraft aus dieser Situation herauskämpfen. Letzten Endes hielt nach 3 Minuten Daumen heraushalten ein freundlicher, älterer Norweger und sammelte uns im Nieselregen auf. Er erzählte viel; von einem Urlaub in Deutschland, Unterwasserlupen, von Fußball und Rentieren und fuhr uns sogar bis nach Fjällnäs an den Kungsleden, obwohl es gar nicht auf seinem Weg lag. Als Dank wollte er eine Postkarte geschickt bekommen; wir schrieben seine Adresse auf, bedankten uns für die freundliche Mitnahme und waren so schnell wie der Abstecher in die Zivilisation verlief, auch wieder zurück in der stillen Einsamkeit des Kungsledens. Tatsächlich war es bereits gegen 6 Uhr Abend und die nächste Rasthütte und unser Tagesziel; die Långbrodstugan, lag noch weite 8 Kilometer entfernt auf dem vor uns liegenden Fjäll. Der Aufstieg gestaltete sich trotz Nieselregen, nasser Füße und kaltem Wetter zunächst verhältnismäßig einfach; Julia schmerzten jedoch die Sehnen und wir liefen daher gemächlich durch teils morastigen Wald. Fjällnäs lag bereits so hoch, dass die Baumgrenze überraschend schnell erreicht war; der steinige Weg auf dem Fjäll verlangte am Ende im eisigen Wind doch noch die Kraftreserven ab. Es dämmerte bereits, wir froren und die Schuhe waren klatschnass. Als die Hütte endlich in Sichtweite kam, verlor sich der bisher mehr oder weniger ausreichend markierte Pfad in einer sumpfigen Wiese, sodass wir auf die letzten hundert Meter entnervt durch Morast stapften. Die Hütte war wieder in der Bauart einer Kojan errichtet, von allen Seiten mit Drahtseilen fixiert und verfügte über eine doppelte Tür. Obwohl im Prinzip Hochsommer war, fühlte sich dieser Abend wie November an und wir konnten erahnen, welche Bedingungen hier im Winter herrschen müssen. Eine eiserne Hängebrücke führte über einen recht breiten Gebirgsfluss, auf dessen anderer Seite eine verwahrloste, halb verwüstete Holzhütte stand. Für diesen Abend wollten wir nur schnell was essen, aus den nassen Klamotten und vor allem Schuhen raus und uns endlich im Zelt aufwärmen. Einen geeigneten Platz fürs Zelt zu finden, kann im Fjäll sehr zeitraubend sein; da der Boden von Steinen, Sträuchern oder Sumpf bedeckt ist. Schließlich fand sich doch noch ein kleines, trockenes und ebenes Fleckchen neben der Rasthütte, sodass wir diesen langen Tag endlich abschließen konnten.

DSC04317Es war der erste Morgen im August und wir gönnten uns Schlaf bis halb Zehn. Nun waren wir seit genau einem Monat auf Reisen und hatten noch zwei Wochen für den Kungsleden übrig. Die Frauen, die uns am Vortag im Caravan nach Funäsdalen mitgenommen hatten, waren fest davon überzeugt, dass zwei Wochen mehr als genug sind, um Storlien zu erreichen. Julias Achillessehne schmerzte jedoch und wir dachten nicht weiter daran, ob es möglich sein würde oder nicht – Helags jedenfalls war nur 2 ½ Tagesetappen entfernt und ließ mich immer wieder die Karte überfliegen, um festzustellen und abzuschätzen wie weit es noch ist und ab wann das Massiv zu sehen sein würde. Heute sollte es zunächst weiter über das Fjäll bis zum Abstieg hinunter ins Tal des Mittån gehen – Mittagspause an einer alten, nicht mehr bewirtschafteten Alm namens „Klinken“ und danach wieder hinauf auf die letzte Fjällebene zur Rasthütte Svaletjakke; die eine halbe Tagesetappe vor der Übernachtungshütte Feltjägarstugan liegt; die wir am morgigen Tag zum Mittag erreichen wollten.

Die erste Überwindung im neuen Monat war es, die feuchten und kalten Socken sowie Schuhe anzuziehen und sich raus aus dem Zelt in die klamme Kälte des trüben Fjälls zu begeben. Immerhin regnete es nicht mehr. Wir überquerten die Stahlhängebrücke, warfen einen Blick in die verlassene Holzhütte, in der offensichtlich randaliert wurde und stiegen auf eine Anhöhe, von der aus es für sechs Kilometer durch die gewohnte Landschaft mit Sumpfwiesen, Gebirgsbächen und kleinen Seen Richtung Talabstieg ging. Mittlerweile lichtete sich der Himmel und vor uns offenbarte sich ein Talblick mit neuer, imposanter  Bergkulisse, die teils schneebedeckte Kuppen erkennen ließ. Wir mutmaßten, ob eines davon schon das Helagsmassiv sein könnte – waren uns aber nicht sicher; dafür umso gespannter auf den Ausblick von der gegenüberliegenden Talseite.

DSC04322Nach weiteren zwei Kilometern Abstieg zurück unter die Baumgrenze überquerten wir den Mittån und gelangten zu einer idyllischen Wiese mit einigen traditionellen Bauernhäusern. Laut unserer alten Karte von 1993 war Klinken als STF Stugan markiert; gefunden haben wir jedoch keine. An einer alten Heuscheune machten wir Rast; und auch einige Tageswanderer nutzten die alte Alm als Pausenplatz. Wieder gab es Roggenknäckebrot und ich spürte, dass es mir nicht gut bekommt. Dennoch fühlten wir uns gestärkt und machten uns an den letzten Fjällaufstieg. Der steile Weg führte einige Zeit parallel zu einem steinigen Fluss, der mit kleinem Wasserfall tosend ins Tal hinabrauschte. Schließlich kreuzte der Kungsleden an einer breiten Stelle das Gewässer. DSC04326Wir hatten Glück, dass keine anhaltenden Regenfälle herrschten – wir konnten problemlos von Stein zu Stein zum anderen Ufer gelangen. Wenn auch noch nicht Helags; sahen wir die eindrucksvollen, hohen Berge nun aus kürzerer Entfernung und die Höhe ließ einen weiten Blick über die zurückgelegte Strecke zu. Bis zum Horizont staffelten sich die Berge und Hügelketten; wir konnten kaum glauben, allein am letzten Tag soweit gegangen zu sein und versuchten uns vorzustellen, wie weit Sälen zurücklag. Die Rasthütte Svaletjakke lag unweit eines klaren Sees auf ebener, weiter Anhöhe und war vom selben Modell wie die letzte Hütte: spitzes, bis nahe an den Boden reichendes Dach; ein kleiner Vorraum mit Feuerholz, Beil und Schneeschaufel und ein Rastraum mit zwei Bänken, Tisch und Mini-Ofen. Wir hätten ein paar Sachen trocknen müssen; machten aber kein Feuer, weil wir früh schlafen gehen wollten und das Holz eigentlich für Notfälle und die Wintersaison gedacht ist. Dem klaren Himmel nach zu urteilen, sollte der nächste Tag aber ohnehin sonnig und warm werden. An diesem Abend wurde es aber schnell ziemlich kalt; wir nahmen uns dennoch die Zeit, zwischen Sträuchern nach trockenen Zweigen für den Hobo-Kocher zu suchen. Der harte, steinige Boden machte die Suche nach einem Zeltplatz schwer; auch die grünen Senken waren uneben oder von Sträuchern bewachsen. Schließlich fand ich eine windgeschützte, kleine, absolut ebene Senke; die wohl aus einem ausgetrocknetem Sumpfloch entstanden sein muss. Dementsprechend leicht und schnell war das Zelt aufgebaut. Obwohl unser Ultraleichtzelt eine erprobt stabile Konstruktion war, versuchten wir vor allem im Fjäll so gut es ging windgeschützt und in optimaler Ausrichtung aufzubauen und spannten auch bei wenig Wind die Seitenleinen ab. Mit gutem Gefühl schläft es sich besser.

Wie erwartet empfing uns der nächste Morgen mit einem schönen, klaren Sonnenaufgang. Hartes Streiflicht zauberte lange Schatten in die noch mit frischem Tau bedeckte Gebirgslandschaft. Zunächst war es kalt und wir frühstückten im Zelt; konnten aber bereits beim Aufbruch die Socken zum Trocknen an den Rucksack binden. Heute würden wir vorm Helags Massiv zelten – und jeden Moment könnte es sich hinter der nächsten Anhöhe erheben. Wir waren letztendlich doch schneller als wir in Id Persätern geschätzt hatten und lagen sehr gut im Zeitplan um nicht nach Helags abbrechen zu müssen. Auch Julias Fuß ging es etwas besser. Wir sprachen nicht direkt darüber – aber jeder hatte diese Gelassenheit nun im Gefühl. DSC04352Das sommerliche Wetter sowie der gut begehbare Weg taten ihr übriges. Nach 6-8 km erreichten wir das Mittagsziel; die Feltjägarstugan; benannt nach einem historischem Ereignis einer Landung Fallschirmspringer; die sich hier eine Unterkunft errichtet hatten. Heute ist die Hütte eine STF Stugan mit Hüttenwart, Übernachtungsmöglichkeit und Verkauf kleiner Lebensmittel. Für Mehrtageswanderungen im Jämtlanddreieck ist die Feltjägarstugan der südlichste Anlaufpunkt; ca. 14 km vor der Helags Fjällstation. Sie ist auf einer windigen Anhöhe errichtet und bietet einen lohnenswerten Rundblick auf umliegende Gebirge und natürlich endlich: das Helags Massiv. Der letzte Abschnitt unserer Kungsleden Wanderung sollte nun beginnen. Wir waren stolz, so weit gekommen zu sein; nach all den Strapazen und Zweifeln – das Fulufjället, unser erster Anlauf- und Motivationspunkt lag geographisch und vor allem mental Ewigkeiten entfernt in der Vergangenheit – und nun sollte es bald geschafft sein… gemischte Gefühle kamen auf. Wir wollten es zuende bringen und planten auch keine Zusatztage im Fjäll ein; dennoch war es auch schade, diese lebendige Erfahrung und die täglichen Abläufe mit jedem Schritt nun dem Ende zuzubringen.

DSC04355Unsere Planung sah vor, noch die halbe Strecke Richtung Helags Fjällstation zurückzulegen. Nach etwa 5 km legten wir Pause an einem schmalen Bach ein, der sich idyllisch durch eine Wiesensenke schlängelte. Rentiere grasten in vorsichtigem Abstand, als wir die Isomatten ausbreiteten und die Sonne genossen. Die Gelegenheit war günstig, um Körper, Haare und Wäsche im Gebirgsbach zu waschen – was trotz Sommer immer etwas Überwindung kostete. Einmal nass, fühlte ich mich einfach prächtig; nackt im Bach stehend, in der einen Hand die Kernseife, in der anderen den Waschlappen; einatmen, Brust raus-Bauch rein; Reinigung. Danach die Wasserflasche überm Kopf ausleeren, bis es schmerzt. „Herrlich!“; lachte ich hinüber zu Julia, die am Ufer saß und ihren Fuß kühlte – konnte sie damit aber nicht so recht beeindrucken.

DSC04358Der von Süden aus betrachtet linke Berg des Helags-Massives ist der Prediktstolen, der mit etwas Phantasie an einen Stuhl oder Sessel erinnert. Auf den ersten Blick sieht er aber einfach wie eine gewaltige Sprungschanze aus; die erst später -bei seitlicher Betrachtung- wirklich zur Geltung kam. Vor dieser eindrucksvollen Kulisse wollten wir an diesem Abend zelten; auf diesen Moment hatten wir uns bereits lange vorher gefreut. Zwischen zwei kleinen Seen fanden wir im weichen Gras eine geeignete Stelle; sammelten Feuerholz für den Kocher und waren schon gespannt, was der morgige Tag auf der anderen Seite des Berges offenbaren würde. Innerhalb von Helags befindet sich Schwedens südlichsten Gletscher; den wir erst morgen von der anderen Seite sehen würden und besichtigen wollten. Vor allem Julia freute sich besonders darauf; da dies ihr erster Gletscherbesuch sein würde. Ich war zwar schon etliche Male in den Alpen und habe wesentlich größere Berge gesehen; das freistehende Helags-Predistolen-Duo war aber auch für mich ein einzigartiger neuer Eindruck.

DSC04360Das traumhafte Sommerwetter hielt an und erstrahlte am frühen Morgen die Sumpfgraswiesen in goldenen Farben; die im Kontrast zum blauen Himmel fast herbstlich erschienen. Unsere Kungsleden Wanderung war bisher so reich an Erlebnissen und Eindrücken, das nun angesichts dieser prächtigen Kulisse kaum noch etwas zu wünschen übrig blieb. Bis auf eine Sache, die ich mir bereits bei unserer Planung fest vorgenommen hatte: einen Gipfelsieg. Als ich an jenem Morgen mit der Kamera in der Hand, einige Meter vom Zelt allein auf einem Hügel stand und die Sonne im Rücken ihr Streiflicht auf die Szenerie warf; wurde mir klar: „da muss ich hoch!“. Ich malte mir aus, wie es wäre, später erzählen zu können dort oben gewesen zu sein und wollte mir diese vielleicht letzte Gelegenheit nicht entgehen lassen. Julia war dem Vorhaben nicht abgeneigt; zunächst wollten wir jedoch die 6 km zur Fjällstation zurücklegen; einen Zeltplatz finden und heute noch den Gletscher besichtigen. Uns begegneten etliche Wandergruppen; eine ausschließlich aus älteren, rüstigen Frauen bestehend, die sich auf dem Weg zur Feltjägarstugan befanden. Wir unterhielten uns einige Zeit mit ihnen; eine sprach sogar deutsch. Bis zum Gletscher; das wäre nur etwas für junge Leute; vom guten Essen des Stationsrestaurants schwärmten sie umso mehr. Die letzten Kilometer dieser wenig anspruchsvollen Etappe versuchte ich nun, die Gedanken an Rentierbraten aus meiner Vorstellung zu vertreiben. Helags FS ist eine Gruppierung von 6-7 Übernachtungshütten, einer Sauna sowie Restaurant mit kleinem Shop; verfügt über eine eigene Stromzuleitung und liegt nahe eines Flusses vor dem gewaltig erscheinenden Gletscherkessel des Berges. Für das Zelt fanden wir eine windgeschützte Senke direkt am Weg; nicht weit vom Wasser entfernt – danach schauten wir uns im kleinen Laden der Station um. Die Auswahl war wesentlich kleiner als in FS Grövelsjön aber wir fanden schließlich Reis, Knäckebrot und eine Dose mit fraglichem Inhalt; das Etikett versprach irgendetwas mit Wurst. Es nannte sich „Picknick Bog“ und ich wollte etwas „mit Fleisch“ für unterwegs und mentalen Ansporn. Wir hatten uns vom freundlichen Stationspersonal den Weg zum Gletscher und Gipfel erklären lassen; eine Art Grat-Rundweg für die man inklusive Gletscherbesichtigung 5-6 Stunden veranschlagen sollte; so der Rat. Enthusiastisch zählte sie noch die Rekordzeiten der schnellsten Gratwanderer auf; und von einem der im Winter mit Schneerutscher hinunter gefahren ist – es schien also eine eher leichte Unternehmung zu sein… mir kamen aber sofort die ersten Seiten meines Wanderführers in den Sinn: „Schweden neigen dazu, Warnungen, wenn überhaupt, nur sehr zurückhaltend auszusprechen.“. Bis auf eine verharrende Wolke über dem Gipfel, hatten wir blauen Himmel und auch zeitlich lagen wir noch optimal für Gletscherbesichtigung und Gipfelwanderung im Plan; sodass wir nach der Mittagspause am Zelt meinen Rucksack leerten und nur die nötigsten Sachen wie Regen- und wärmere Kleidung, Kamera und etwas zu essen für unterwegs einpackten.

DSC04370Am Gletscherbach entlang führte der steile aber ausgetretene Pfad zu einem kleinen See. Dort hatten seit einigen Jahrzehnten Besucher ihre Namen in Form von Steinkreisen verewigt. Die andauernde Wolke über Helags verdeckte die Sonne und es begann zu nieseln. DSC04374Der Gletscher lag als weißes Band hinter einer Schicht Blockfelder; dahinter ragte die abschreckend schwarze Felswand wie ein gewaltiger Schutzwall empor, in dessen Senke sich ein vereister Riss durch das Monument zog. Am höchsten Punkt ließ sich ein kleiner Turm ausmachen – der Gipfel. Innerlich riss es mich zwischen Zweifel und Begeisterung hin und her; die Euphorie überwog schließlich und nachdem wir den Gletscherrand erreicht hatten; schlug ich vor, gleich über die linke Flanke der Blockfelder zum Grat aufzusteigen. Der Weg zum Pfad zurück erschien uns unnötig weit und die Blockfelder – jedenfalls aus der Entfernung – als begehbare, lohnenswerte Abkürzung. Wieder erlebte ich jenes Heißgefühl, diesen Ansporn, der allen Willen und Konzentration auf das Ziel fokussiert – welches teilweise in der dichten, grauen Schleierwolke versank.

Nach einigen Metern Anstieg wurden aus dem begehbaren Geröll große Felsblöcke, die ineinader verkeilt eine steile Wand bis zum Grat bildeten. Nachdem die ersten kletternd überwunden waren, wurde uns doch mulmig zumute und wir erkannten, wie heikel die Situation war. Die Steine waren nass und teils rutschig; die Gefahr von Steinschlag hoch und wir fürchteten einen Felssturz auszulösen. Die Blöcke wurden immer größer je höher wir kamen und die Wand so steil, dass sich der Rand des Grates oben nicht genau erkennen ließ. Vorsichtig tastend, klammerten wir uns auf der Suche nach einer einigermaßen sicheren Route in bereits respekteinflößender Höhe Block um Block hinauf. Als wir an einem der letzten Felsquader kletterten; schauten von oben zwei Wanderer, die sich im Abstieg befanden, vom Grat hinunter und fragten, ob wir Hilfe brauchten. Wir lehnten dankend ab, da das Gelände bereits ebener wurde und die Blockfelder fast vorrüber waren. Der letzte Block verlangte nochmal hohe Konzentration und Trittsicherheit ab; hinunterspringen war nicht möglich; an der Talseite ging es steil bergab, davor lag ein weiterer Fels. Die Wand war nicht hoch – gerademal geschätzte 2 Meter; aber die Gesamtlage einfach zu riskant und angespannt. Julia, vom Sportklettern trainiert, war schneller unten und half mir beim Finden der kleinen Trittmöglichkeiten am nassen Fels.

DSC04376Um die Ecke lag dann auch endlich der Pfad zum Gipfel, an dem wir innehalten und die Aussicht genießen konnten. Der Weg war mit Steinhaufen markiert und führte in geringem Abstand zur Abbruchkante hoch in die Nebelwolke, die den Gipfel umhüllte. Schroffes Gestein, von Flechten neongelb verziert, ragte über dem schwarzen Abgrund und ließ die Gefühle beim Anblick zwischen Schönheit und dem direkten Erleben der Rauheit dieser Landschaft hin und herschwanken.

DSC04375Die Ferne unter einem diffusen Schleier; wie hunderte Spiegel ruhten die zahlreichen Seen eingebettet im Grün der hügeligen Fjälllandschaft die sich zog, soweit man blicken konnte. Nach einigen weiteren Metern Aufstieg wurde der Blick auf den Prediktstolen frei; dessen markante Schanze im Licht nach Süden ragte. Wir kauerten uns in eine aus Felsblöcken errichtete Windschutznische um Rast zu machen und etwas zu essen. Mit Spannung öffnete ich die Überraschungsdose; ein säuerlich-salziger Geruch trat aus und ich blickte in eine graue, unappetitlich aussehende Wurstmasse, von einer dicken Schicht Sülze bedeckt. Ich wollte sie unbedingt haben – trotz des Preises von 60 Kronen – und nun musste ich es auch essen. „Lecker Wurst“, redete ich mir zu, als ich die ersten Scheiben der glibbrigen Konsistenz aufschnitt. Aufgrund der Anstrengungen, der Kälte und des Nieselregens schmeckte es zu Knäckebrot dann doch irgendwie annehmbar. Julia fühlte sich angeekelt in ihrem Vegetarismus bestärkt.

DSC04377Der Nebel sank so rasch, dass der noch eben vor uns liegende Prediktstolen nicht mehr zu sehen war. Auch der Wind zog merklich an; dennoch setzten wir den Weg über die steile Flanke fort. Die Sicht verschlechterte sich dramatisch auf wenige Meter und wir waren froh, noch die Steinmänner am Nebelrand zu erkennen. Auf die Aussicht vom Gipfel brauchten wir nicht mehr hoffen; erreichen wollten wir ihn dennoch. Irgendwann tauchten am Ende des Geröllfeldes im endlosen Grau Stahlpfosten vor uns auf – ein Sendemast, gefolgt vom Gipfelturm. Der Sturm ließ unsere Kleidung flattern als wir uns kurz umarmten – viel Zeit blieb in diesem unberechenbaren Wetter nicht. Zu sehen gab es ohnehin nichts; dafür fühlten wir uns wie Abenteurer einer Himalayaexpedition.

DSC04378Nachdem der Gipfel erreicht war, flachte die Euphorie jedoch abrupt ab und wich einer verstandesmäßigen Einschätzung der riskanten Lage. Wir glaubten uns in der Hälfte der Rundwanderung zu befinden; tatsächlich zog sich die talführende Flanke über 2/3 des Gesamtweges. Der Sturm nahm beängstigende Ausmaße an: Ein Aufheulen hinterm Grat kündigte die nächste Böe an; uns blieben nur wenige Sekunden in Deckung oder Hocke zu gehen, Halt zu suchen um nicht fortgeweht zu werden. Kleine Steine fegten über die nassen Steinplatten, die wir während der kurzen Windpausen eilig überquerten. Der Nebel und die ständigen Böen ließen den Abstieg ewig erscheinen. Linksseitig führten Geröllfelder hinunter ins graue Nichts; rechts toste der Wind unaufhörlich über den Grat, aus dessen Abgrund ein unheimliches Rauschen drang. Trotz der Wegmarkierungen kamen Zweifel auf; sollten wir nicht schon längst tiefer gekommen sein? Mit jeder Böe, die wir hockend und an Felsen klammernd ausharrten, wuchs die Sorge ums Zelt. Von der Wolke umhüllt, wussten wir weder wo wir uns befanden, noch wie das Wetter im Tal aussah. Hellwach und konzentriert nutzten wir die Atempausen des Berges um Höhenmeter zu überwinden. Angst kam in dieser Situation weder bei mir, noch bei Julia auf; dennoch war die Sprache der Naturgewalt unmissverständlich direkt und allmählich kam der Gedanke auf, ob nicht irgendwann jemand nach uns suchen würde. Wir waren die Letzten im Aufstieg und hatten unser Vorhaben beim Personal der Station angekündigt. Erst am Ende der Flanke, kurz vorm Steilabstieg ins Tal entkamen wir dem Nebel. Die Fjällstation hatte noch immer Würfelgröße; das Zelt war nicht erkennbar. Mit weichen Beinen eilten wir in Serpentinen hinab um endlich Gewissheit über Zelt und die Frage nach unserem Verbleib zu haben. Im voll besetzten Restaurant der Fjällstation herrschte ausgelassende Stimmung; das Abendessen wurde serviert. Es duftete verlockend nach deftigem Rentierbraten; die Preise waren uns jedoch zu teuer, sodass wir wieder selbst kochen wollten. Unversehrt stand das Zelt noch genauso, wie wir es verlassen hatten. Offensichtlich hatte es hier unten im Tal nicht gestürmt; dennoch war auch hier das Wetter trüb und kalt. Die Brennholzsuche gestaltete sich in dieser Höhenlage mühsam und zeitraubend. Weiträumig suchten wir Büsche und Heidesträucher nach kleinen Zweigen ab, bis wir endlich genug für unsere zwei Portionen Spaghetti gesammelt hatten.

DSC04379Storlien lag noch etwa 3 Tagesetappen entfernt und wir trugen keine großen Vorräte mehr mit uns herum, da die Fjällstationen grundlegende Nahrungsmittel im Angebot hatten. Die Preise waren im Fjäll jedoch erheblich teurer; weswegen wir keinen zusätzlichen Tag im Gebirge mehr verbringen wollten. Nach der Besteigung von Helags schwand außerdem meine Motivation und das Interesse am Fjäll allmählich bei mir und ich wollte den Kungsleden nun zuende bringen und Storlien erreichen. Aus diesen Gründen nahmen wir uns vor, die 20,5 km bis zur nächsten Station Sylarna gemächlich an einem langen Tag zurückzulegen.

DSC04406Entsprechend früh brachen wir an diesem sonnigen Morgen auf. Gut motiviert starteten wir nach kurzem Blick auf die Wegweiser in die Etappe und kamen so gut voran, dass wir zwischendurch nicht einmal auf die Karte schauten, bis wir die erste Rasthütte erreichten. DSC04407Der Weg führte zunächst durch ein breites, grünes Tal mit mehreren kleinen Bächen und Flusszuläufen; leicht ansteigend über hügelartige Erhebungen, umsäumt von schneebedeckter Bergkulisse. Etliche Wanderer waren zwischen den Fjällstationen und Rasthütten unterwegs; saßen auf warmen Steinen oder sonnten sich im trockenen Gebirgsgras. Die in der Etappenbeschreibung angekündigte Flussdurchwatung war von Stein zu Stein problemlos möglich. Entfernung, Höhenprofil, Flussüberquerung; alles stimmte in etwa mit der knappen Wegbeschreibung des Etappenprofils überein… nur der Name der Rasthütte nicht. Aber auch die Gebirgskette von Sylarna lag nicht mehr vor uns und uns dämmerte, was ein simpler Blick auf die Karte sofort offenbarte: wir sind 3 Stunden für 8 Kilometer in die falsche Richtung nach Nord-Osten gelaufen und es gab keinen Verbindungsweg Richtung Sylarna. Immer wieder prüften wir Alternativrouten, erwägten querfeldein zu laufen – aber es half nichts: Alle Wege entfernten sich vom Kungsleden und auch ein trotziges Laufen nach Kompass über weglose Wiesen und Hügel, wäre spätestens am breiten Fluss im Tal zum Ende gekommen, an dem es keine Brücke gab. Wir wollten den Kungsleden schnell zuende bringen, wurden nachlässig und die Konsequenz war eigentlich folgerichtig, logisch diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Ego. Sich diesen unnötigen Fehler zum Ende der wochenlangen Wanderung noch eingestehen müssen war hart und ich haderte lange zwischen entbranntem Jähzorn diesen Weg endlich niederzuringen und Julias Vernunft, zurück nach Helags zur Weggabelung zu gehen. Mein Schimpfen auf schlechte Wegmarkierungen endete erst, als wir aus Frust in der Brotpause den letzten Honig und die Margarine aufaßen und schließlich beschlossen, zurückzugehen, den Fluss 1-2 Kilometer vor Helags an einer seichten Stelle zu überqueren und von dort auf den Kungsleden aufzuschließen. DSC04403Ob nur bis zur nächsten Rasthütte oder gar bis Sylarna – wir wussten noch nicht, ob diese gewaltige Gesamtetappe von nun ca. 33 km überhaupt noch an diesem Tag zu schaffen war. Unser ehrgeiziger Plan sah vor, morgen in Sylarna zu sein; nicht mehr zusätzlich einzukaufen und keine weitere Nacht zwischen den Stationen zu verbringen, auch wenn es vernünftiger gewesen wäre; denn das Geld und die Zeit hätten wir durchaus aufbringen können. So überflogen wir im Schnellschritt mit ablenkender Musik im Ohr die 6-7 km zurück zum Fluss im Tal; schätzten auf die Entfernung so gut wie möglich dessen Tiefe und durchwateten das Gewässer schließlich grenzwertig bei teils kniehohem, schnellfließendem Wasserstand. Kurz nachdem die Schuhe wieder angezogen und verschnürt waren, tauchte ein morastiges Sumpfwiesenfeld auf – der Kungsleden war glücklicherweise bereits in Sichtweite und bald darauf erreicht. In der Verschnaufpause überschlugen wir Zeit und Entfernung und wollten die ersten 9 km bis zur Rasthütte im Eiltempo zurücklegen, und nach einer Pause den Aufstieg etwas ruhiger angehen. Seit diesem Morgen verließ mich die Laune fürs Fotografieren; ich sah nichts Beeindruckendes oder Berührendes mehr, was ein Foto wert gewesen wäre. Nicht, dass da nichts war – ich hatte nur einfach langsam genug vom Fjäll und war absolut darauf fixiert diesen Weg zu beenden. Meine Magen-Darm Probleme verschlimmerten sich; was mich wohl ebenso verstimmte und der landschaftlichen Schönheit gegenüber zunehmend verschloss. Eine weitere Flussdurchwatung erforderte längeres Suchen nach einer geeigneten Stelle zum queren – die Geduld zahlte sich jedoch aus und wir konnten trockenen Fußes ans andere Ufer gelangen. Das Fehlen einer Brücke an einem breiten Gebirgsfluss wie diesen folgt einer seltsamen Logik; wo doch so mancher kleiner Bach überbrückt worden war. Der Weg führte durch das breite Tal bis zu einer Senke, wo der Fluss in Mäandern idyllische Ufer formte. Das Sylarna Massiv wirkte nun schon wesentlich näher und majestätischer; dennoch lagen weitere 10 km Anstieg vor uns. Die bisherige Strecke hatten wir mit für uns unglaublichen 4-5 km/h zurückgelegt; eine Leistungssteigerung die wir uns noch vor 4 Wochen nicht hätten vorstellen können. Nach einer Stunde Rast in der kleinen Kojan setzten wir die Etappe mit zunächst unveränderter Geschwindigkeit fort. Ab und zu wechselten wir uns in der Führung ab; folgen war aus irgendeinem mentalen Grund anstrengender als vorangehen. Den Musik-Player tauschten wir ebenfalls von Zeit zu Zeit aus; da Julias Gerät keine Akkuleistung mehr hatte, hörte sie der Ablenkung wegen sogar meine Musik… Ohne längere Unterbrechungen zogen wir uns gegenseitig voran; jeder in sich selbst versunken; Schritt für Schritt – einfach nur gehen; wir sprachen kaum. Anfangs noch sportlicher Ehrgeiz und Spiel mit der eigenen Leistungsfähigkeit; vielleicht sogar ein heimlicher Wettkampf – wandten sich die letzten Kilometer mühsam und immer steiler werdend den Berg hoch. In einer Senke vor dem letzten Anstieg, hinter dessen Grat die Fjällstation liegen sollte, sammelten wir nochmal die verbleibende Motivation und Energiereserven und quälten uns mit pudding-weichen Beinen in langen Schatten der schwindenden Abendsonne hinauf. Auf halber Strecke kreuzte ein Rentier unseren Weg und bot Anlass zu einer willkommenen Verschnaufpause, ehe wir endlich auf die FS Sylarna im Tal blicken und uns auf Abendessen und Schlaf freuen konnten. Der Abstieg war für unsere Beine fast noch anstrengender als der Aufstieg; wir hätten auf der Stelle zusammensinken können, so weich fühlten sich Knie und Muskeln an. Die Station befand sich in einem schroffen, weitläufigen, schattigen Tal nahe am Fluss. In bereits geringer Höhe lagen vereinzelte Schneefeldreste, der Fels wirkte kalt und abweisend. Die besten Zeltplätze waren längst belegt und wir suchten erschöpft und entnervt rund um die Station nach einem halbwegs ebenen Fleck. Bis endlich einer gefunden war, verging uns der Hunger fast – dennoch klaubten wir wieder feuchte Stöcke und Zweige zusammen und fütterten den fürchterlich qualmenden Hobo Kocher. Die Station selbst war gemütlich und komfortabel eingerichtet, zahlreiche Bilder an den Wänden porträtierten lokale Bergsteiger und vergangene Helden. Der kleine Shop war gut sortiert und bot sogar Kühlprodukte wie Käse und Margarine an. An diesem Abend war allerdings bereits geschlossen.

Erst spät drangen die ersten Sonnenstrahlen über die Bergkette, die dieses kühle Tal umschloss und auch wir schliefen nach dem gestrigen Marsch lange aus. Wir wollten uns mit einem guten Frühstück belohnen; kauften Marmelade und Instant-Kaffee sowie eine vermeintliche Butter, die sich als ekelhaft süße Margarine mit Vanillegeschmack herausstellte. Nach dem Frühstück hatten wir kaum Motivation zum Laufen; Blåhammaren Fjällstation; das vorletzte Etappenziel; lag 18 km entfernt – was uns eigentlich inzwischen schon gar nicht mehr so weit erschien. Das sonnige Wetter und absehbare Ende brachten uns dennoch gut durch die von kleinen Teichen und Bächen geprägte karge Fjälllandschaft; die an diesem Tag von etlichen Wanderern besucht wurde. Aber das wochenlang konsumierte Roggen-Knäckebrot wurde für meine Verdauung mehr und mehr zur Tortur. Ich musste bereits den Hüftgurt lockern, weil sich mein Bauch immer wieder aufblähte und schmerzte. Die Probleme fingen bereits in Ljørdalen vorm Fulufjället an, wo wir zum ersten Mal Brot kauften und zogen sich, mal mehr, mal weniger schlimm über die Wochen hinweg. Der anfängliche Wortwitz vom „Fjällfluxus“ wurde bald zur realen Tagesordnung…
Auch Julia fühlte sich heute für einige Zeit schwindlig und matt; was in Anbetracht der gestrigen Tour nicht verwunderlich war. Von Rentieren umgeben, ruhten wir am Wegesrand und wollten schon gar nicht mehr aufstehen. Die letzten Etappen wurden im großen Stil das, was für eine einzelne Etappe die letzten 2 km waren – sich schier endlos ziehende, motivationslose Hoffnung aufs Ziel. Zur Ablenkung verloren wir uns in kreative Gespräche über alternative Energiegewinnung, sodass die Landschaft beinahe unbemerkt an uns vorüber zog und Blåhammaren schließlich in Sichtweite rückte. Auf einem Bergsattel gelegen, direkt am abfallenden Grat mit weitreichendem Ausblick auf die davor liegende Tiefebene, präsentierte sich die Station für uns als letzter Gebirgsaußenposten vorm Zieleinlauf. Wir legten die Rucksäcke ab und hielten einen Moment lang inne, als wir tief hinunter in die Ebene blickten; der Blick über dunkelgrüne Nadelwaldstreifen und silberne Flussbänder hinauf Richtung Horizont wanderte und schließlich an einer winzigen Ortschaft in der Ferne verharrte: Storlien. Morgen…

Der Himmel bedeckte sich, Wind zog auf und wie schon gestern, waren die wenigen guten Stellen bereits mit anderen Zelten belegt. Schnell wurde es hier oben kälter; ich fühlte mich nicht gut; wollte, genauso wie Julia, nur schnell das Zelt aufbauen, den appetitlosen Hunger stillen und in den warmen Schlafsack kriechen. Wieder zog sich die Suche nach einer ebenen, windgeschützten Stelle mit Wassernähe lange hin. Abseits, etwas oberhalb vom Weg gelegen, fanden wir hinter Steinblöcken einen Platz, die nach Norden hin den zunehmenden Wind bremsten. Der winzige Shop in FS Blåhammaren bot kaum Auswahl; wir kauften nichts und entschieden uns heute mal wieder für Reis. Ich konnte unser wochenlanges, ewig gleiches Essen kaum noch ertragen. Couscous, Spaghetti oder Reis – nur die Soßen brachten ein wenig Abwechslung. Müde sammelten wir Brennmaterial; Julia schwärmte regelrecht aus um genügend lose Zweige zu sammeln; ich erinnerte mich an den hohen Brennwert von Elchdung, den ich aus Langeweile während der Rasttage in Flötningen auf seine Heizqualitäten testete. Hier war nur Rentierkot auffindbar, den ich Haufen für Haufen mit zwei dürren Stöcken und klammen Fingern in den Hobo jonglierte bis er randvoll war. Die Situation hatte eine seltsame Komik: hundert Meter entfernt saßen im gut gefüllten, warmen Speisesaal des Stationsrestaurants die Wandergäste in ausgelassener Stimmung beim deftigen Abendessen; während wir den Kot der Tiere die dort als Braten serviert wurden zum Verfeuern aufsammelten um unsere Portion Reis zu kochen… Es stank fürchterlich und der Geruch hing noch Tage in der Kleidung.
Obwohl wir die korrekte Aufbaurichtung beachteten, fest abspannten und die Zeltnägel mit Steinen beschwerten; zerrte der Sturm in jener Nacht derart am Zelt, dass wir uns ernsthaft Sorgen machten, ob es diese letzte Übernachtung heil überstehen würde. Bei Nieselregen und eisigem Wind nachts herauskriechen und nachspannen machte keine Freude; aber die Hauptstange bog sich bedenklich mit jeder pfeifenden Böe, die Wellen auf die Außenhaut peitschte.

Der trübe Morgen präsentierte sich unverändert mit Nieselregen und anhaltend starkem Wind. Das Zelt hatte die Nacht unbeschädigt überstanden; mir hingegen war schlecht und mein Bauch wieder unangenehm aufgebläht. Ich konnte mich kaum überwinden, den Schlafsack zu verlassen; erst recht nicht zu essen. Die Müslivorräte waren fast aufgebraucht; daher streckten wir mit dem restlichen Couscous und Kakao. Unmotiviert zogen wir fast mechanisch die Regensachen über und stapften bereits morgens erschöpft den Hang hinunter; bis die Station im Nebel versank. Ich hatte Bauchschmerzen, mir wurde immer übler und befand mich nun 12 km vorm Ziel am absoluten Tiefpunkt der körperlichen Leistungsfähigkeit. Immer häufiger musste ich mich setzen; mir wurde bald egal, ob ich hier einfach liegenbleiben würde. Nach Durchschreiten der Baumgrenze wurde der Weg aufgeweicht vom Nieselregen zu einer morastigen Quälerei; die Schuhe weichten sofort durch und ein Ende war nicht in Sicht. Storlien verbarg sich hinter einer fernen Hügelkette und ich schleppte mich matt und schwindelig von Pause zu Pause, bis ich mich schließlich auf einer Steinplatte in offenerem Gelände länger hinsetze und spürte, mich bald übergeben zu müssen. Ein älteres Ehepaar beim Beerenpflücken kam vorbei; erkundigten sich nach meinem Befinden, gaben mir warmes Wasser und schenkten uns Bonbons. Mitten im Gespräch musste ich hinter den nächsten Busch laufen und mich übergeben. Wir erfuhren, das es in Storvallen, einem Vorort von Storlien, einen Supermarkt und ein Wanderheim gäbe. Wir bekamen den Weg beschrieben; weit sollte es nicht mehr sein und ich fühlte mich kurzzeitig ein wenig besser. Am Waldrand, kurz vorm Ortseingang konnte ich erneut nicht mehr stehen; saß einige Minuten bis ich mich erneut übergeben musste. Mir war so elend wie seit Jahren nicht. Durchfall kam hinzu. Vielleicht noch 1 km bis zum Wanderheim… Im Ort suchte Julia die Straßen der Beschreibung nach ab, fand aber zunächst nichts. Niemand war draußen unterwegs, den wir hätten fragen können. Nach einer weiteren, gefühlten Ewigkeit sahen wir schließlich Fahnen und ein Schild am Straßenrand und erreichten das Wanderheim in Storvallen. Zu allem Unglück war die Rezeption unbesetzt; der Küchenhelfer konnte uns kein Zimmer geben; wir hatten eine Stunde auf die Besitzerin zu warten. Die Zeit verbrachte ich überwiegend mit Durchfall auf der Toilette; übergab mich dreimal und war knapp vor der Ohnmacht. Die Geräusche drangen nur noch blechern an mein Ohr, mir war kalt und ich hatte kaum die Kraft, sitzend den Kopf oben zu halten und den Wasserhahn aufzudrehen um etwas zu trinken um nicht das Bewusstsein zu verlieren. Ich dachte nur, dass hoffentlich kein Arzt gerufen werden muss. Als wir endlich unser Zimmer bekamen, ging es mir etwas besser; die Übelkeit verflog langsam und ich konnte mich nun schlafen legen; während Julia zum Supermarkt hetzte um noch knapp vor Ladenschluss einzukaufen, da wir keine Essensvorräte mehr übrig hatten. Außer ein bisschen Banane und Reiswaffeln bekam ich nichts runter – nun war klar, was sich über die letzten Wochen mehr und mehr bemerkbar machte: Glutenintoleranz. Ich hatte mir nicht einfach den Magen verdorben; dafür waren die Symptome zu kontinuierlich. Roggenbrot hatte ich bereits vor der Reise schon nicht vertragen und von nun an sollte ich generell auf glutenhaltige Produkte verzichten. Das tägliche Roggen-Knäckebrot auf der Wanderung hatte mich letztendlich völlig ausgehebelt.

Bis zum nächsten Vormittag hatte ich die Nacht über noch Bauchschmerzen, sodass wir entschieden noch eine Nacht zu bleiben. Glücklicherweise waren die Preise moderat und die Zimmer kaum belegt. Nur eine gesprächige, nette ältere Dänin teilte sich die Hütte mit uns. Julia backte glutenfreies Brot für mich und wir gingen zusammen noch einmal einkaufen. Auf dem Weg trafen wir ein junges deutsches Paar, die gerade mit dem Zug in Storlien angekommen waren und sich auf dem Weg nach Blåhammaren machten. Wir gaben ihnen einige Hinweise und Tips, erzählten knapp von unserer Tour und wünschten den beiden schöne Erlebnisse. Insgeheim war ich froh, nicht mehr rauf ins kalte, verregnete Gebirge zu müssen und dachte nur an den schlammigen, nassen Aufstieg, den sie vor sich hatten.

Am Abend unterhielten wir uns einige Zeit mit der Besitzerin über Reisen und Sprache – und bemerkten wieder, wie ungeübt holprig unser Englisch doch war. Morgen sollte es mit dem Zug an die Ostküste gehen, wo man uns als Freiwillige Helfer auf einer kleinen Farm erwartete.

Der 8. August; 5 Uhr morgens klingelte der Wecker und vor Aufregung wurde mir zunächst wieder ein wenig schlecht. Neue, ungewisse Erlebnisse standen nun bevor; der zweite Abschnitt unserer Schwedenreise brach an. Nach 4 km Straße erreichten wir den Bahnhof in Storlien; wo wir auf einen der zwei Züge warteten, die dort am Tag verkehren. Stolz postierten wir uns vor dem Halteschild für ein Beweisfoto; als Beleg, dass wir den südlichen Kungsleden bis zum Ende gegangen sind.

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