Kungsleden, Trekking
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Kungsleden – Teil 2

DSC04072Die Nacht auf den harten Bänken der Hütte war recht unbequem und wir standen früh auf, um nicht von rastbedürftigen Wanderern schlafend überrascht zu werden. Schon nach den ersten Schritten musste ich feststellen, dass sich meine Sehnen trotz Kühlens am Vorabend nicht verbessert hatten. Daher trafen wir die Entscheidung, noch bis Mittag in Id Persätern zu verweilen. Außerdem willigte ich nun ein, das Ziel unserer Wanderung etwas herabzusetzen und nur bis zum Helags Fjäll zu gehen; von wo wir in die nächstgrößere Stadt aussteigen wollten. Storlien rechtzeitig zu erreichen erschien uns zu diesem Zeitpunkt als unwahrscheinlich und wir wollten die Farm, die uns für Mitte August erwartete, nicht um Verschiebung bitten. Dennoch behielt ich mir im Hinterkopf immernoch die ehrgeizige Option, sobald die Umstände günstiger sein würden, den südlichen Kungsleden wie geplant komplett zu wandern. Dieser egoistische Hintergedanke führte später zu kalkulierendem Denken in Kalorien pro Kilometer und sprunghaft schnellerem Wandertempo, sobald der Weg für ein paar hundert Meter leichter begehbar wurde. Wie eigentlich abzusehen, führt das schnell zu Differenzen, wenn man doch eigentlich zu zweit unterwegs ist.

Anfangs war ich jedoch damit beschäftigt, meine Sehnen zu schonen – und ohnehin lag vor uns ein großes Sumpfgebiet, von dem wir erwarteten, dass wir nur langsam voran kommen würden. Wenn uns nicht die Mücken auf halber Strecke aussaugen, wollten wir in 2 Tagen in Flötningen sein; einkaufen und eine ganze Woche in der Umgebung zelten und ausruhen. Nach dem Mittagessen, gegen 13:30 Uhr, machten wir uns auf dem Weg zur 13 km entfernten Rasthütte Roskåsen. Zunächst planten wir dies als Tagesetappe ein und wollten am nächsten Tag die naheliegende, aber verlassene Hütte Motstandskojan besuchen; die laut Wanderbeschreibung einer Hobbitwohnung gleich in einen Erdhügel gebaut sein soll. Auf diese Besichtigung freute ich mich besonders und generell packte mich wieder die Motivation und Lust jeden Tag etwas Neues zu sehen und zu erleben.

DSC04080Der gut begehbare Pfad führte durch Kiefernwälder, auf deren Boden sich flächendeckend Heidesträucher und Moose ausgebreitet hatten. Reife Beeren waren noch immer nur sehr spärlich zu finden; Sammeln machte noch keinen Sinn. Vereinzelte kleine Seen uDSC04088nd sogar größere Steine, Findlingen gleich, säumten den Weg – der moderat ansteigend auf die Baumgrenze führte. Julia nutzte einen dieser Steine gleich zum Klettern; sie hatte lange darauf verzichten müssen. Wir passierten ein Sumpfgebiet auf überwiegend gut ausgebauten Bohlen und hatten, bis auf eine Stelle an der sich die Markierung kurz verlor, kaum Orientierungsprobleme. Wir legten eine kurze Rast an einer verlassenen Siedlung kleiner Hütten ein, die wohl als Winterunterkunft für Ski- und Scooterfahrer gebaut worden waren. Wie uns später noch bestätigt wurde, hatten wir uns einen verhältnismäßig trockenen Sommer „ausgesucht“. Zur Zeit hatten wir eine geschlossene Wolkendecke, ab und zu etwas Nieselregen; ein wochenlange Regenperiode wäre aber genauso möglich gewesen.

DSC04092Der Pfad führte kurzzeitig oberhalb der Baumgrenze über das Fjäll und verlor sich in einigen Trampelpfaden, die eventuell von Elchen und Rentieren genutzt werden. Das Elche die relativ bequemen Wanderpfade wie den Kungsleden nutzen, ist offensichtlich – ihre Hinterlassenschaften sind nicht zu übersehen. Elche lassen sich im ganzen Land allerdings nur mit viel Glück beobachten. Rentiere sind häufig im Norden; wir trafen ab Grövelsjön – dem Beginn des alpin anmutenden Wandergebietes „Jämtlanddreieck“ – auf diese neugierigen und dennoch scheuen Herdentiere. Zunächst befanden wir uns jedoch noch ca. 18 km vor Flötningen, nur wenige hundert Meter von der  Roskåsen Hütte entfernt und suchten nach dem richtigen Pfad. Um nicht wieder unnötige Umwege zu gehen oder im Nirgendwo zu landen, suchten wir solange etwas entnervt nach den orangenen Steinmarkierungen, bis wir sicher sein konnten, wieder auf dem Kungsleden zu sein.

DSC04091Die Rasthütte war einfach eingerichtet, mit einem kleinen Ofen, Tisch und Bänken; nebenan sprudelte ein frischer Gebirgsbach, an dem wir unsere Trinkwasservorräte auffüllten. Die letzten Kilometer trieb mich vor allem der Appetit – oder viel mehr Hunger – auf meine Dose Makrelen in Tomatensoße voran. Dazu gab es Schwarz- und Knäckebrot und zu meiner Überraschung auch Chili-Gewürz, welches jemand dort hinterlassen hatte. Ich hätte ununterbrochen weiter essen können; es hätte gar nicht fettig und proteinreich genug sein können. Die gesamte Wanderung über kreisten die Gedanken ums Essen. Aber die Mahlzeiten waren rationiert und schließlich lag der nächste Einkauf eine oder 1 ½ Etappen vor uns. Wir diskutierten schon, welche Leckereien im Einkaufskorb landen sollten und schwärmten von Kuchen und deftigem Essen. Für Wochen keinen gefüllten, immer erreichbaren Kühlschrank zu haben und mit den Mahlzeiten in Abstimmung zur Entfernung und dem Gelände planen zu müssen, war eine wichtige Erfahrung. Selbst im Rahmen unserer verhältnismäßig gut abgesichterten Wanderung bekamen wir ein stärkeres Bewusstsein für den Wert von Nahrungsmitteln und die schleichende Abhängigkeit vom alltäglichen Überfluss.

Das Gästebuch der Hütte verriet, dass einige Wanderer Probleme bei der Wegfindung im hinter uns liegenden Sumpfgebiet hatten und teils während anhaltendem regnerischen Wetter unterwegs waren. Ein Eintrag erzählte von einem Unglücklichen, der sich mit seinem über 20 kg schweren Rucksack durch knie- oder gar hüfttiefem Morast kämpfen musste, weil er den für Ski- und Scooterfahrer gedachten Winterweg erwischt hatte, der im Sommer nahezu komplett aus unpassierbarer Sumpflandschaft besteht. Waren wir froh, dass uns dies erspart blieb! Und wir hofften, dass die weitere Strecke bis Flötningen genauso problemlos verlaufen würde, wie dieses Gebiet. Ein Wegweiser vor Roskåsen zeigte 4 km bis zum See Busjön, an dem die nächste Rasthütte in unserer Karte verzeichnet war. Da es meinen Sehnen unerwartet gut ging und wir uns ausgeruht genug fühlten, entschieden wir, heute noch bis zum See zu gehen und die am Weg liegende Hütte Motstandskojan zu besichtigen. Der alte Pfad zu dieser Hütte war verwachsen und führte auf 1,5 Kilometern durch scheinbar unberührten Urwald leicht bergab zur verhofften Sehenswürdigkeit.
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Die Kojan machte einen unscheinbaren und wenig romantischen Eindruck. Sie lag tief im Wald versteckt an einer Pfadgabelung und glich einem Erdhügel, den man mit einer Plastikplane abgedichtet hatte, da die ursprüngliche Dachbegrünung und der Moos wohl nicht ausreichte um den Innenraum trocken zu halten. Wir öffneten die Tür und traten in ein kühles, finsteres, verdrecktes Kellerloch voll mit Müll und Mäuse- bzw. Rattenkot. Enttäuscht setzten wir nach einem schnellen Foto den Abstieg zum See fort und verwarfen den Plan, eventuell in dieser Kojan zu nächtigen. Um nicht unnötig Gewicht zum nächsten See zu tragen und um schneller voran zu kommen, beschlossen wir unser Trinkwasser bis auf eine Flasche zu leeren. Da der Pfad zur Motstandskojan ein Umweg war, lagen noch immer 4 km Waldweg vor uns. Dieser  gut erkennbare Wanderpfad war leicht zu finden und verhältnismäßig gut begehbar mit wenigen Anstiegen; jedoch wurden wir schnell müde und empfanden die wenigen verbleibenden Kilometer als endlos. Es war bereits Abend und ich hätte mich auf der Stelle am liebsten hinlegen wollen; jedoch blitzte zwischen den Baumkronen in der Ferne bereits ab und zu das Glitzern des Sees auf.

Das die Rasthütte am See nicht so sauber sein sollte wie die gepflegte Roskåsen; wussten wir bereits aus einigen Gästebucheinträgen der Letzteren. Und auch der kurze Abstand von nur 4 km erschien uns seltsam für eine Rasthütte. Schließlich erreichten wir eine Koje, sehr ähnlich in der Bauart der Särnmannskojan auf dem Fulufjället: Erdboden, ein Mini-Ofen in der Mitte, Bänke an 3 Seiten. Gut genug für eine Nacht; zum Zelt aufbauen hatten wir keine Energie mehr – trotz eigentlich geltenden Übernachtungsverbot entschieden wir, auf den Bänken der Koje die Schlafsäcke auszubreiten. Ich war so müde, dass ich nicht einmal mehr Abendessen kochen oder essen wollte und schlenderte mit tiefen Augen zum Seeufer um die Flaschen aufzufüllen. Dann hielt ich inne.
Das Wasser war stark zurückgegangen, offensichtlich in sehr kurzer Zeit. Steine und Treibhölzer waren teils noch feucht; das Wasser trüb und über viele Meter in den See hinein nur wenige Zentimeter flach. Der See glich einem pechschwarzem Spiegel, in dem die bläulich schimmernde, unheimliche Wolkendecke reflektierend verharrte. Unheimliche Stille. Ein fauliger Geruch lag in der Luft. Balancierend bewegte ich mich von Stein zu Stein um zu einer etwas tieferen Stelle zu gelangen und entnahm eine Flasche voll um die Qualität zu prüfen. Schon beim Auffüllen wirbelte Schlamm vom Boden auf und wie erwartet, war das Wasser gelblich trüb und roch unangenehm. Selbst abgekocht würde ich das nicht trinken wollen. Die Lage hingegen wurde klarer: Der See war umgeben und gespeist von Sumpftümpeln; deren warme, schaumige Brühe auch die kleinen Bäche im Wald bildete. Die Atmosphäre am See war fotoreif; ich hingegen zu müde und besorgt um noch Zeit in ein ansprechendes Bild zu investieren. Etwas schade aus fotografischer Sicht im Nachhinein. Die gespenstische Szenerie war sehr mit meinem Gefühl verknüpft und ist daher als persönliche Erinnerung konserviert.

Als ich zurück zur Hütte kam, war Julia schon mit Feuerholzsammeln für den Hobo-Kocher beschäftigt. Unser verbliebenes Wasser würde nur noch für diesen Abend reichen. Auf der Karte war in nur 200 m Entfernung ein Bach mit Brücke verzeichnet. Ich sah nach und musste leider feststellen, was wir schon vermutet hatten: verhältnismäßig warmes Sumpfwasser mit leichter Schaumbildung floss in dem ansonsten recht breiten Bach Richtung See. An der Brücke stand ein weiteres Zelt und ich fragte mich, wie diese Wanderer das Wasserproblem lösten. „Reicht abkochen? Benutzen sie Entkeimungstabletten?“, fragte ich mich. Aber sie schliefen bereits und auch ich wollte für heute nur noch in den Schlafsack. Wir schlossen die Tür der Koje, tranken die letzten 2 Tassen des guten Wassers von der Roskåsenhütte und schliefen ohne Abendessen ein.

Der nächste Morgen: Ein lautes Rütteln an der Tür riss uns aus dem Schlaf und zwei Personen schauten in unsere überraschten, verschlafenen Gesichter. Die Wanderer von der Brücke waren sehr früh aufgestanden, hatten sich auf den Weg gemacht und wollten nun einen Blick in die Kojan werfen. Nach einem kurzen „Oh sorry“ schlossen sie die Tür. Diese Situation wollte ich eigentlich vermeiden, aber mit so frühen Besuchern hatte ich nicht gerechnet. Peinlich „entdeckt“, standen wir auf. Mangels Wasser gab es kein Müsli; nur ein paar Trockenfrüchte und Nüsse – dann brachen wir auf – zur heutigen Etappe von 13 km nach Flötningen. Aufgrund der Endung „-ingen“ hört sich dieser Ort erstaunlich süddeutsch an; wie eine beliebige Stadt in Baden-Württemberg. Ich habe allerdings nicht in Erfahrung gebracht, ob da eine Verbindung besteht.

DSC04095Von Anfang an fühlten wir uns müde und matt; der Zustand verschlimmerte sich von Kilometer zu Kilometer. Landschaftlich wechselten sich flache Wald und Sumpfstrecken ab. Die Bohlen waren teilweise im Zustand der Auflösung. Um nasse Füße vorzubeugen, banden wir uns Plastiktüten um die Schuhe – kurz darauf trat ich allerdings knöcheltief ins Wasser neben eine morsche Bohle. Aber auch ohne dieses Missgeschick hielten die Tüten aufgrund des Waldbodens nicht lange dicht. Wandergummistiefel sind für den südlichen Kungsleden definitiv zu empfehlen; und sie werden sogar am Weg verkauft; in der Fjällstation Grövelsjön, bzw. im örtlichen Supermarkt. Für diejenigen, die den Weg laut Wanderführer von Nord nach Süd gehen, vielleicht eine Überlegung wert, sie dort vor den Sumpf- und Morastpassagen zu erwerben; und die Stiefel nicht in den Bergetappen vorher mitzutragen. Wir hätten sie jedoch fast von Anfang an gut gebrauchen können – wollten aber soviel Gewicht wie möglich sparen; auch an den Füßen. Unsere leichten Bergwanderschuhe begannen bereits jetzt kaputt zu gehen; daran sollte man definitiv nicht sparen.

DSC04096Nach 6 oder 7 km machten wir Rast an einer Windschutzhütte und kochten nun doch Wasser aus einem Bach ab. Um sicherzugehen ließen wir es 10 min. sprudelnd kochen; tranken etwas davon und nutzten den Rest für ein verspätetes Frühstücksmüsli. Julia fühlte sich sehr müde, appetitlos und aß kaum etwas; sie schlief stattdessen für 20 min. Danach ging es kurz etwas besser; bald aber kam bei ihr zur Müdigkeit auch noch Schwindelgefühle dazu. Auch ich fühlte mich zunehmend matter und müde; Durst verspürte ich aber nicht. Bald nach einer Flussdurchwatung, die wir dieses Mal vorsichtiger angingen und Watstöcke benutzten, gelangten wir auf eine Forststraße, die die letzten Kilometer zum Ort führte. Julia wurde immer schwindeliger; noch einmal Wasser abkochen wollten wir nicht, weil wir dachten, es sei zu riskant das Wasser aus den Sumpfgebieten zu trinken. Der See bei Flötningen war nicht mehr weit und kurz vor dem Ort konnte Julia nicht mehr weitergehen. Ich lief zum See, füllte eine Flasche des etwas trüben Wasser und sie trank es; ohne später Beschwerden zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich dies aber für eine riskante Notlösung.

DSC04097Wir fragten einen älteren Mann an einem Antik/Second Hand Geschäft nach dem Weg zum Markt und er war sichtlich begeistert über unser Wandervorhaben; versuchte sogar etwas deutsch zu sprechen und klopfte uns zum Abschied auf die Schulter und wünschte uns eine gute Weiterreise. Wir kauften anschließend sorgfältig für mehr als eine Woche ein; ließen uns viel Zeit bei der Auswahl und versuchten preisbewusst zu entscheiden, was in den Korb durfte und was nicht. Darunter war Knäcke- und dunkleres Brot, Käse, Wurst, Haferflocken, Reis, Spaghetti, diverse Tütensuppen, Nüsse und Trockenfrüchte, dunkle Schokolade und zum Sofortverzehr eine Flasche Mineralwasser sowie eine Tüte Weißbrot, salzige Butter und ein Glas Honig gleich vor dem Markt. Noch nie hatte eine dicke Schicht Butter auf billigem Toastbrot mit ordentlich Honig so gut geschmeckt. Salz, Zucker, Fett im Übermaß! Wir gierten regelrecht danach und hörten erst nach der halben Packung auf. Der Einkauf kostete umgerechnet wieder über 100€ , was eventuell auch daran lag, dass es ein Grenzmarkt war, der hauptsächlich von Norwegern besucht wird, die für ihre Verhältnisse günstig einkaufen wollen. Wir verteilten den Einkauf auf unsere Rucksäcke, füllten in Tüten um und fühlten uns schnell wieder besser. Das Gewicht war zwar enorm, wir wollten aber nur noch einen Platz zum Zelten im Wald finden und fanden glücklicherweise einen klaren, frischen Waldbach nur wenige hundert Meter hinter der Ortschaft. Wir folgten dem Bach etwas in den Wald hinein und schlugen das Zelt am geeignetsten Platz auf. Wirklich eben war er nicht; aber zumindest für die erste Nacht würde das Moospolster unter der Zeltplane jedoch ausreichen. Erschöpft, aber auch froh die schwierige Etappe überstanden zu haben, schliefen wir ein. Bisher hatten wir 133 von 360 km auf dem Kungsleden zurückgelegt.
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DSC04106Die Nacht zum Donnerstag, dem 18. Juli war verregnet. Vom warmen Sommer des Vortages war nichts mehr zu spüren. Uns war langweilig und wir schliefen mehr oder weniger bis zum Mittag. Für Käse, Butter und Würste richteten wir eine Kühlstelle im Bach ein und generell versuchten wir unseren Platz für die nächsten Tage einzurichten. Sammeln von Brennmaterial, Holzkohle machen, Sitzgelegenheiten bauen und versuchen den Schokoladevorräten zu widerstehen. In den letzten Tagen hatte uns das Weiterkommen am meißten motiviert; nun empfanden wir das Ausruhen als Quälerei und mussten uns regelrecht daran gewöhnen. Außer dem Sehnenproblem hatte ich seit Ljørdalen etwas Magen-Darm Beschwerden, wie leichte Magenkrämpfe und einen aufgeblähten Bauch. Anfangs machte ich dafür die etwas einseitige Ernährung und täglichen Belastungen verantwortlich; zumal auch Julia ab und zu leichte Magenkrämpfe hatte. Am zweiten Ruhetag erwachte ich verspannt und hatte Kopf und Gliederschmerzen und leichtes Fieber. Das Wetter war immernoch windig und bewölkt und ich fröstelte und fühlte mich elendig. Julia war so lieb mir Steine im Kochtopf zu erhitzen, die ich mir wohltuend auf die schmerzenden Stellen an den Schultern legen konnte. Samstagmorgen fühlte ich mich etwas besser; hatte aber wieder schlecht geschlafen und erwachte mit Rückenschmerzen von den Steinen unterm Zelt. Wenigstens das Wetter besserte sich; die Sonne kam wieder und es wurde warm. DSC04109Wir verbrachten den Tag mit Feuerholzsammeln und Wäschewaschen und grillten Würsten, Käse, Zwiebeln mit Brot über unserem Hobo-Kocher, den wir teils über Stunden am Brennen hielten. Wir prüften die Einkaufsliste auf Sparmöglichkeiten für das nächste Mal und gönnten uns am Abend Couscous in Kakao, Schokolade und Honig. Der Drang nach etwas Süßem war stetig. Wir entfernten die gröbsten Steine unterm Zelt, soweit es möglich war, ohne abzubauen und hofften auf angenehmeren Schlaf in dieser klaren Vollmondnacht. Die nächsten zwei Nächte verbrachte ich mit meinem Winterschlafsack draußen auf weichen Moospolstern und schlief wesentlich besser, obwohl ich mich schon warm anziehen musste und abends die Mücken um das eng zugeschnürte Luftloch schwirrten. Die Tage kamen uns schrecklich lang vor und wir verloren das Zeitgefühl und mussten Kalender führen um den Wochentag zu bestimmen. DSC04111Es war schlichtweg nicht relevant, wie spät es war oder welches Datum wir hatten. Und es gab nicht viel mehr zu tun außer die spärlich wachsenden Heidelbeeren fürs Frühstücksmüsli zu sammeln, das Feuer zu hüten und kleine Schnitzereien anzufangen. Auch am 6. Ruhetag rieben meine Sehnen noch immer; ich schwankte zwischen Besorgnis und Ärger; „war die Pause nicht lang genug?“, „wird es noch abheilen, wenn wir weitergehen?“. Ich trauerte den verlorenen Tagen nach und malte mir aus, wie weit wir ohne die langweilige Pause gekommen wären. Immernoch rechnete ich eigentlich damit, den Kungsleden komplett zu gehen. Das Wetter lud auch nicht zum Herumsitzen ein: Sonnenschein bei blauem Himmel, kaum Wind – ich überwand mich zum Haarewaschen am kalten Bach
und ging am Abend nochmal etwas einkaufen um die Vorräte aufzustocken; Brot, Bananen, etwas Käse, und eine Packung Kekse – morgen früh sollte es endlich weitergehen!

DSC04116Obwohl die Sehnen noch nicht verheilt waren, war die Laune gut, als wir gegen 7 Uhr nach leckerem Früchte Müsli mit Bananen und Heidelbeeren  endlich wieder aufbrechen und den Kungsleden fortsetzen konnten. Dadurch, dass wir so zeitig unterwegs waren, konnten wir bereits einige Kilometer in der angenehmeren Morgenfrische zurücklegen, ehe sich die Sommersonne am blauen Himmel durchsetzte und es bald sehr warm wurde. Die geplante Etappe bestand zum großen Teil aus langweiligem aber bequemen Schotterweg durch forstwirtschaftlich genutzte Nadelwälder. Bis auf eine kurze morastige Passage kamen wir sehr gut voran. Ein weiteres Zelt mit 2 Personen, die gerade frühstückten, stand am Wegesrand – ansonsten trafen wir an diesem Tag auf keine weiteren Wanderer; dafür aber auf einen tierisch-neugierigen Gesellen, der uns für bestimmt einen Kilometer in einigem Abstand stetig verfolgte. Rentiere sind normalerweise sehr scheu und als Wanderer sollte man Rücksicht nehmen und die Tiere nicht aufscheuchen oder gar verfolgen. Trotz ihrer vorsichtigen Art sind sie überraschend neugierig und unser erster Kontakt war recht  imposant mit seinem großen Geweih. Zuerst dachten wir sogar an einen Elch. Als er auftauchte, lief er zunächst von uns weg – als ich aber die Kamera vom Gürtel nahm und versuchte ein Foto zu machen, fand er plötzlich Interesse an uns. Trotz Sehne, trotz schwerer Rucksäcke erhöhten wir unser Tempo und schauten immer wieder unsicher zurück; ob er noch hinter der letzten Kurve oder Hügel auftauchte. Und er tat es für einige Zeit. Das Tier war ziemlich respekteinflößend und wir dachten ernsthaft daran, auf einen Felsen oder Baum zu klettern. Irgendwann war er aber verschwunden und später erfuhren wir, dass Rentiere friedlich sind und der generell empfohlene Sicherheitsabstand eher dem Schutz der Tiere dient; da jedes Aufschrecken und Flüchten Kalorien verbraucht – die sie im Winter dringend benötigen. DSC04117Nach unserer „Flucht“ erreichten wir bald die Guttodalskojan am Ende der Schotterstraße, gelegen an einem Fluss. Nach der Brotpause wurden wir sehr müde; die Sonne prasselte unbarmherzig und einmal hingesetzt, wollten wir so schnell nicht mehr aufstehen. Als wir endlich die Energie fanden die Rucksäcke wieder aufzusetzten und weiterzugehen, war unsere Motivation im Keller. Julia hatte Schmerzen in Rücken, Hüfte und Knien; meine Sehnen waren nach dem letzten Tempo nicht besser geworden – aber es war es keine Option an diesem Ort lange zu verweilen oder gar die Tagesetappe zu beenden. Die Vorräte waren rationiert und mussten noch bis nach Grövelsjön reichen. Wir planten mit so wenig Tagen wie möglich um Gewicht zu sparen; hielten uns aber vernünftigerweise immer einen Reservetag offen, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Der Gedanke, die Etappe zu verkürzen und damit den Reservetag „anzureissen“ machte mich nervös aber vor allem fürchtete ich mit jedem Klagen, den Kungsleden nicht zuende gehen zu können – was wir eigentlich ohnehin gemeinsam beschlossen hatten.  Dieser Ehrgeiz, der sich manchmal zu einer Art Egotrip steigerte, wurde noch öfters zur Zerreissprobe. Ich wollte erfolgreich zurückkehren; nicht „vernünftig“ abbrechen; ich wollte später sagen können, dass wir – oder doch nur ich? – den Kungsleden, den Königsweg bis zum Ende gegangen sind. Ich dachte an das Foto vom Eingangstor, an die Aufnahme mit den Wegweiser, der 360 km nach Norden zeigte – ich wollte es schaffen! Und das, obwohl mir bewusst war, dass es der Weg ist, der uns reicher machen sollte. Ich konnte nicht alleine König werden; nichteinmal wenn ich Storlien erreichen würde. Die Kilometer wären bezwungen gewesen – die Prüfung jedoch verloren. Ich begriff es erst später – beinahe zu spät.

Wir verließen die Forststraße und liefen etwa 2 km durch mehr natürlicheren Wald noch bis zur nächsten Windschutzhütte und hatten dort angekommen zunächst vor, das Zelt nicht noch aufzubauen und stattdessen im Freien zu übernachten. Ein Lagerfeuerplatz mit Sitzgelegenheiten war bereits vorhanden und mit etwas übriggebliebener Holzkohle kochten wir mit dem Hobo unser Abendessen. Wie in der Karte verzeichnet, befand sich ein kleiner Waldbach direkt in der Nähe. Erleichtert stellten wir einwandfreie Trinkwasserqualität fest und ich konnte obendrein meine Sehnen kühlen. Als wir schließlich müde in den Schlafsäcken lagen, schwirrten derart viele Mücken um die bis zum Minimum geschlossenen Atemlöcher, dass mit jeder Bewegung einige der Viecher eingesogen wurden – wenn sie nicht ohnehin von selbst hereinkrochen; langsam, stochernd, tastend, durstig nach Blut. Wachsam lugte ich mit einem Auge durch das winzige Loch auf die schemenhaft unscharfe Waldlandschaft vor der im roten Abendlicht die schwarzen Silhouetten der sechsbeinigen Vampire um meinen Atem tanzten. Es war unerträglich warm in unseren Winterschlafsäcken – wir schwitzten und zogen damit noch mehr Mücken an. Das unablässige Surren, die Hitzewallungen und das Gefühl zu wenig Luft zu bekommen, machte wahnsinnig. Letztendlich brachen wir unsere Kokons auf und bauten so schnell wie es nur ging das sichere Zelt auf.

Trotz der Umstände und Anstrengungen möchte ich nicht den Eindruck hinterlassen, dass wir den Weg mit all den Eindrücken, Erfahrungen und der wunderschönen Landschaft nicht genossen hätten. Sicher waren die Mücken mehr als lästig und ließen uns oft nicht richtig zur Ruhe kommen; dennoch gab es zahlreiche Momente in denen wir die Wanderung und unsere Entscheidung nach Schweden zu reisen, richtig genießen konnten. Die Stille fernab der Zivilisation; für Tage nichts Anderes zu hören als das Rauschen von Wind und Wasser oder das Singen der Vögel. Keine äußeren künstlichen Sinnesreize; wie Werbung, Bilder, fremde Musik, Lärm, Gespräche und Themen Anderer sowie keine fremdbestimmten, geforderten Handlungen – alles was unsere Freiheit limitierte, waren die körperlichen Grundbedürfnisse und der damit mehr oder weniger in Verbindung stehende Gemütszustand. Vielleicht auch der Zeitplan; aber der Umgang mit ihm war uns überlassen. Wie auch in anderen Alltagssituationen, spielen auf solch einer Reise die jeweiligen Prägungen und angeborenen Charaktereigenschaften eine enorme Rolle in der Gestaltung und dem Erleben. Und gerade was die in der Einsamkeit Skandinaviens vorzufindene Ruhe betrifft, musste ich feststellen, dass es Einiges an Zeit und sogar rationalen Verstand benötigt; die Notwendigkeit dieser Stille zu akzeptieren, sie zu nutzen und sich auf sie einzulassen.

Donnerstag, 25. Juli; der Monat neigte sich dem Ende zu und uns blieben noch weitere 3 Wochen für den Kungsleden. Die großen Sumpfgebiete waren durchquert; vor uns lag nun der landschaftlich imposantere Teil im Gebirge mit zunehmend längeren Strecken oberhalb der Baumgrenze; bis schließlich zum Jämtlandsdreieck – der bei Schweden beliebtere Teil des südlichen Kungsledens im Gebiet der drei großen Gebirgsformationen: Helags, Sylarna und Blåhammaren. Zunächst befanden wir uns jedoch noch knapp über der Mitte der zweiten von insgesamt vier Wanderkarten; eine Tagesetappe vor der ersten großen Fjällstation: Grövelsjön. Die Vorfreude auf die zunehmend höhere Berge gab uns neue Motivation. Die ersten Bergkuppen mit kleinen Schneefeldern tauchten am Horizont auf – da wollten wir hin! Am Ende der aktuellen Karte lag die Rogenstugan am gleichnamigen See – sie markierte für uns einen Wendepunkt und wurde das nächste anzustrebende Ziel mit Aussicht auf Sauna und Übernachtung.

Zwischen 8 bis 8:30 hatten wir unsere Sachen zusammengepackt und damit alles was wir besaßen wieder auf dem Rücken. Jeder Gegenstand hatte seinen festgelegten Platz im prallvollen Rucksack – jeder hatte sein eigenes Packsystem und inzwischen Routine, sodass wir schnell aufbrechen konnten.  Ich hatte teilweise regelrecht Freude daran, die Sachen in immer gleichem Muster in Taschen, Tüten und Schichten zu verstauen. Der Rucksack war mein überschaubarer Haushalt; unser Dach, das Bett, die Mahlzeiten – all dies war transportabel an unseren Körpern verschnürt. Ein tolles Gefühl. Das Packsystem und die täglichen Abläufe boten soetwas wie einen Rahmen oder Struktur, die dabei half, sich selbst zu ordnen und das Ziel und den eigenen Willen nicht zu verlieren.

Die Rucksäcke erschienen etwas leichter und wir kamen recht zügig im Wald voran. Dieser Wald war nicht fortwirtschaftlich genutzt und daher sich selbst überlassen urwüchsig schön. Gegen die lästigen Mücken, die sogar durch das T-Shirt stachen, trugen wir in regelmäßigen Abständen das Mückenschutzmittel erneut auf. Wir hatten nach den Sumpfgebieten mehr davon übrig als wir vorher dachten und konnten nun etwas gelassener mit den Blutsaugern umgehen. Das sommerliche Wetter und die neue Motivation ließ mich im Schnellschritt von Stein zu Stein springen. Die nächsten Etappenziele spornten mich an, das Tempo immer weiter anzuziehen und ich entwickelte einen regelrechten sportlichen Ehrgeiz und freute mich über jeden zurückgelegten Kilometer. Dazu trug vor allem auch bei, dass meine Sehnen sich kaum noch bemerkbar machten. Ohne sie zu schonen; trotz der täglichen Überlastung besserten sie sich – was mich um so mehr dazu brachte, längere Ruhepausen als unnütz anzusehen. Julia hatte Mühe mir zu folgen – und ich keine Lust zu bremsen.

DSC04119Wir erreichte eine kleine bewirtschaftete Alm; Ziegen grasten im Schatten, die Bewohner standen am Zaun und unterhielten sich mit vorbeikommenden Wanderern. Ein Wegweiser verriet, dass wir die Hälfte des südlichen Kungsledens zurückgelegt hatten. Unvorstellbar; uns schien es, als ob wir schon seit Ewigkeiten unterwegs seien und dennoch sollten wir nochmal so weit gehen müssen, um Storlien zu erreichen. Trotzdem motivierte und dieser Meilenstein und wir waren stolz, es bis hier hin geschafft zu haben. Am Vortag entschieden wir, den Kungsleden in der heutigen Etappe für einige Kilometer zu verlassen, um auf einer asphaltierten Straße zügig voranzukommen und direkt zum Supermarkt zu gelangen. Streckentechnisch war es weder eine Abkürzung noch ein Umweg, wir sparten aber einen „unnötigen“ Auf- und Abstieg auf dem Weg zur Fjällstation. Der Markt lag ca. 4 km weiter unten im Tal und war für unser knappes Budget die bessere Wahl als die überteuerten Waren der Fjällstation. DSC04121Bevor wir die Straße erreichten, machten wir noch Mittagspause – auch ein mentaler Stützpfeiler, auf den man sich den ganzen Vormittag freuen kann. Wir versuchten immer im Vorraus die Pausenpunkte festzulegen, um etwas Struktur in die Tagesetappen zu bringen und die MotivaDSC04123tion unter Kontrolle zu behalten. Per Daumen gemessen, legten wir ca. 5 km Straße zurück und konnten dabei schon gut über den Einkauf nachdenken. Die freundliche Rezeption des örtlichen Hotels gab uns Auskunft über die Lage des Supermarktes. Nach dem Weg zu fragen, war etwas was wir in Ljördalen „gelernt“ hatten… Die Ortschaften in Mittel- bzw. Nordschweden sind so klein und spärlich besiedelt; oft nur wenige Häuser entlang einer einsamen Straße – dass es ohne Ortskenntnis nur unnötigen Umweg und Anstrengung bedeutet, einfach auf gut Glück in eine Richtung zu suchen. Nachdem wir unsere Vorräte für umgerechnet 37€ für 7 Tage aufgestockt hatten; machten wir uns gierig über das Weißbrot mit Butter und Sirup her, so wie wir es bereits in Flötningen zelebrierten. Honig war zu teuer, daher stiegen wir auf billiges, dunkles Zuckersirup um. Wenige hundert Meter entfernt gönnten wir uns Kaffee und einen unglaublich leckeren Bienenstich-Kuchen in einem „Sami-Cafe’“ mit Souvenirverkauf. Freundlicherweise durften wir während der Kaffeepause unsere Akkus aufladen; was zusätzlich zum gefüllten Rucksack ein gutes Gefühl für die bevorstehende Gebirgsregion war. DSC04135Im selben Ort befand sich eine Holzkirche, die wir kurz von außen besichtigten. Sie machte einen eher modernen Eindruck; nicht zu vergleichen mit den alten Holzkirchen in Norwegen. Nach weiteren 4 km Asphaltstraße erreichten wir die Fjällstation Grövelsjön, die mit ihrem umfangreichen Sortiment und Ausrüstungsverleih, sowie Übernachtungsmöglichkeiten die Ausgangsbasis für viele Tages- aber auch Kungsledenwanderer darstellt. Da unser Plastiklöffel kaputt gegangen war, kauften wir in der Fjällstation eine Löffelgabel – Spork (zusammengesetzt aus spoon und fork) zu sicherlich überteuertem Preis. Wir benutzten sie aber gerne und mussten uns bei jedem Abendessen abwechseln…
Eine Rucksackwaage verriet, wieviel wir über die Berge zu tragen hatten: Ich war mit 19,5 kg; Julia mit 16 kg belastet. Es würde zwar von Tag zu Tag weniger werden – dennoch hätte jeder wenigstens 3 kg weniger tragen sollen. Trotzdem sDSC04137pürten wir, wie sich unsere Körper an die Belastung gewöhnten und uns der Rucksack nicht mehr im selben Maß physisch wie auch psychisch belastete, wie noch zu Beginn der Wanderung. Da wir nicht im Umfeld der Station nächtigen wollten, stiegen wir noch am Abend aufs Fjäll und fanden einen herrlichen, sonnigen Platz mit klarem Gebirgsbach und phantastischem Ausblick auf Grövelsjön FS, den See und die umliegenden Berge. Definitiv einer der schönsten Zeltplätze die wir bisher auf dieser Tour gehabt hatten. Das Zelt stand auf ebener Wiesenfläche und war zur Nord-Westseite durch einen Hang windgeschützt. Zum ersten Mal beschlich mich das Gefühl, dass diese Tour ein Ende haben wird und die selbstbestimmten Tage in der Natur und der Freiheit begrenzt waren. Der Sonnenuntergang wurde von einem Regenbogen geschmückt, während ich mit der Kamera versuchte, einige Fotos zu machen. Die heutige Tagesetappe endete nach ca. 18 km. Der Kaffee vor dem letzten Anstieg hatte nochmal spürbar Energiereserven und Motivation freigesetzt.DSC04130

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Die nächste Etappe führte uns zunächst am frühen Morgen auf das Långfjället, welches DSC04141wir bei sonnigem Wetter und guter Wegbeschaffenheit recht zügig überquerten. An einer unscheinbaren Wegkreuzung verpassten wir zwar die Markierungen für den Kungsleden – fanden aber aufgrund der Überschaubarkeit der Landschaft wieder auf den Weg zurück. Wie schon unten an der Fjällstation, waren auch hier einige Zelte aufgebaut und andere Wanderer unterwegs. Wieder versuchte ich, das Tempo anzuziehen und noch einen Schritt schneller zu laufen, sobald sich die Möglichkeit ergab. Ich genoss dabei auch die Landschaft und das schöne Wetter und fühlte mich einfach voller Energie. Nur Rücksicht nahm ich nicht; ich wollte nicht langsamer gehen. Julia fühlte sich wie Ballast; sie konnte und wollte nicht mithalten; so wie ich einfach nicht drosseln und neben ihr gehen konnte. Ich war auf einem fürchterlichen Egotrip; und vergaß, dass ich selbst einige Tage zuvor der Rücksichtsbedürftige mit den kaputten Sehnen war. Als ich die Füße während der Ruhetage schonen musste, holte sie das Wasser, pflückte sie die Beeren, sammelte Feuerholz, machte mir die heißen Steine und fragte, wie es mir geht. Ich war nicht durchgehend verbissen; es herrschte auch kein anhaltender Streit; aber das Problem spitzte sich von Mal zu Mal zu.

DSC04140Nach einer kurzen Pause in der Långfjällkojan, ging es stetig bergab hinunter unter die Baumgrenze zum idyllischen See Hävlingen. Ringsum türmten sich verdächtige Gewitterwolken auf, was aufgrund der Sommerhitze kein Wunder war. Wir stellten uns schonmal auf eine längere Pause am See ein und hörten unten angekommen auch bereits leichtes Donnergrollen in der Ferne. Der Idylle wegen und um das Wetter abzuwarten, legten wir eine längere Mittagspause am Seeufer ein. Eine kleine Hüttensiedlung mit Bootsverleih und sogar Hubschrauberlandeplatz ließ auf ein Fischergebiet schließen. Es roch nach trockenen Kiefernnadeln, das Wasser war tiefblau und die Heidelbeeren wuchsen fast flächendeckend im Wald. Inzwischen musste auch Julia ihre Füße im See kühlen, weil nun auch ihr die Sehnen wehtaten. Nachdem wir sicher waren, dass das Gewitter nicht herziehen würde, setzten wir die Wanderung um den See herum fort – bis zu einer Windschutzhütte am anderen Ufer, wo wir vor dem nächsten steilen Fjällaufstieg nocheinmal Pause einlegten – die mir eigentlich zu lang war, wo wir doch kurz vorher schon geruht hatten. Ich war der Meinung, alles gesehen zu haben und wollte weiter; den Anstieg hinter mich bringen und das Etappenziel erreichen, ehe es zu spät wurde oder vielleicht doch noch ein Unwetter heranziehen würde. Julia wollte am liebsten am See verweilen – ich argumentierte mit den fest geplanten Rationen und spürte beim Bergaufgehen wieder eine Kraft, die sich über jedes Ziehen in den Waden und Oberschenkeln freute. DSC04145Der Weg durchs Fjäll stellte sich als sehr unwegsam und anstrengend heraus und zog sich furchtbar dahin. Spitze Steine und Geröllfelder, die Hitze und zunehmender Hunger und Durst machten das Vorankommen zur Qual. Wir nahmen aus Gewichtsgründen wieder nur ein Minimum an Wasser mit, weil das Etappenziel ohnehin der nächste See im Fjäll war. Nun aber waren wir vorher schon erschöpft und konnten mangels Wasser und unwegsamen Gelände nicht einfach schon hier zelten. Die Gewittergefahr war ebenfalls noch nicht vorüber, weswegen das Erreichen der nächsten Rasthütte sinnvoll erschien. Verschnaufpausen und kurzes Rucksackabsetzen war in Ordnung; mit längeren Pausen wollte ich mich nicht abfinden. Zum Teil aus eben genannten Gründen; zum großen Teil aber auch aus Unruhe und Ehrgeiz. Unsere Kommunikation wurde immer schwieriger; Julia war es leid um Rücksicht zu bitten – war aber erschöpft und hatte Schmerzen. Ich wollte hingegen kein Wehklagen mehr hören – weil ich keine Lösung mehr sah außer weiterzugehen um Wasser und Schutzhütte zu erreichen. Und weil ich den Eindruck hatte, dass es ihr an Motivation fehlte – was angesichts der Erschöpfung, die ich nicht nachvollziehen konnte, völlig logisch war. In den letzten zwei Kilometern, nach mehreren enttäuschenden Hügeln und Kurven, hinter denen einfach keine Hütte auftauchen wollte; spitzte sich die schon lange schwelende Situation endlich derart zu – ein letztes falsches Wort vielleicht – und das erwartete Gewitter brach nun doch in zwischenmenschlicher Form auf uns ein. Still, aber geladen erreichten wir den See mit der kleinen Kojan und fanden glücklicherweise nachdem wir uns ausgesprochen hatten, wieder zusammen. Von da an erfuhr das gemeinsame Wandern und Erleben eine bleibende Verbesserung. Es fühlte sich wieder gut an zu zweit zu sein; zusammen das Zelt aufzubauen, zu kochen und zu essen. Wir waren nicht allein am See; ein älteres Paar campierte ebenfalls am Ufer; die Hütte war von einer Dreiergruppe junger Männer besetzt. Später am Abend tauchte sogar noch ein Jogger auf – wo er noch hinwollte? Ich entschied mich noch zur schnellen Wäsche am kalten See; was aber in der warmen Abendluft nicht so viel Überwindung kostete. Im Zelt liegend, mit leichtem Donnergrollen in Ferne, erholten wir uns von dieser anstrengenden 17 km langen Etappe und freuten uns bereits auf das morgige Ziel: die Rogenstugan und den Abschluss der zweiten Wanderkarte.

DSC04149Wir wollten die Etappe bis zum Rogen nicht mehr unterteilen und nahmen uns daher vor, die bisher längste Tagesstrecke von gut 20 km sehr früh anzugehen und uns genügend ZeitDSC04148 zu lassen. Nach einem romantischen, postkartenreifen Sonnenaufgang legten wir die ersten 3 Kilometer trotz Blockfelder mühelos zurück und waren verwundert, wie schnell die nächste Stugan vor uns auftauchte. Die dort übernachtenden Wanderer schliefen noch, sodass wir nur kurz Pause machten ohne die Hütte zu betreten. Zunächst ging es stetig bergab unter die Baumgrenze durch bewaldetes Morastgebiet mit überraschend gut ausgebauten, neuen Bohlen. Hügelige, grüne Bergkuppen, feuchte Graswiesen mit vereinzelten Kiefern und Tümpeln prägten die Landschaft. Im Prinzip befanden wir uns schon bald an einem Ausläufer des Rogen; der große Ausblick blieb uns jedoch zunächst verwehrt. DSC04157Der Verlauf des Kungsledens sah noch eine letzte Bergüberquerung vor der Schärenküste des Sees vor. Nicht umsonst; sollte doch vom Gipfel aus eine beeindruckende Rundsicht auf den Rogen sowie die umliegenden Berge und Seen möglich sein. Für den Anstieg ruhten wir uns zunächst im Wald etwas aus und sammelten einen Becher voll Heidelbeeren. Der Weg führte stetig ansteigend über ausgedehnte Fjällebenen zum versprochenen Aussichtspunkt, der uns endlich den See offenbarte. Wir hatten noch immer Glück mit dem Wetter, sodass sich der Aufstieg tatsächlich lohnte. Stolz nahmen wir oben Platz, genossen den Blick und eine ausgedehnte Brotpause mit Wurst, Käse, Sirup und Keksen. Bis zur Rogenstugan würde es nur noch bergab gehen; dennoch benötigten wir letztendlich für die verbleibenden 6,5 km noch weitere 4 Stunden. DSC04159In dieser Zeit begegneten wir unten angekommen im Wald auch wieder mehreren freilaufenden Rentieren, zu denen wir noch immer vorsichtig Abstand hielten. Trotz Kühlen an einem kleinen Nebensee taten Julia die Füße wieder weh und die letzten Kilometer zogen sich dann doch noch länger als gedacht. Auf der Karte war wieder eine vorchristliche Stätte am See verzeichnet; gefunden haben wir sie jedoch leider nicht. Dafür war der Kartenmaßstab einfach zu grob und eine örtliche Ausschilderung war nicht vorhanden. DSC04164Die Küste des Rogen hat viele Arme und ist daher entsprechend lang – aber auch interessant und einzigartig. Kleine Hütten und Bootsanlegestellen verstecken sich in den mit Schilfgras bewachsenen Schären; kleine krumme Kiefern bevölkern das Ufer und der Waldboden ist übersät mit Heidelbeersträuchern und Steinen. DSC04168Wald und Sumpfareale wechselten sich ab, bis wir endlich an einem paradiesischen Sandstrand mit Holzhütten und Ruderbooten herauskamen und das Gefühl hatten, auf einer Urwaldinsel im Pazifik gelandet zu sein. Nach wenigen hundert Metern erreichten wir dann auch die Rogenstugan, die zwar nicht mehr über Sandstrand, dafür aber über eine eigene Sauna verfügt. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wieviel die Saunabenutzung gekostet hatte; aber wir sparten uns das Geld. Wir hatten ohnehin vor, länger in Skandinavien zu bleiben – da würde sich sicher die ein oder andere Gelegenheit für Saunabesuche ergeben. DSC04176Der Hüttenwart war gerade nicht anwesend; wir kauften ein Pack Knäckebrot, eine Packung Kekse und eine wohlverdiente Dose Bier per Kasse des Vertrauens und setzten uns für eine Weile erstmal an das Ufer und genossen bei sonnigem Wetter die Urlaubsatmosphäre sowie das Gefühl, einen weiteren Meilenstein erreicht zu haben. Die Stugan war gemütlich eingerichtet und auch das Umfeld wunderschön gestaltet. Der Picknicktisch war mit Blumen dekoriert und Wasser bereitgestellt. Später bauten wir das Zelt außer Sichtweite der Hütte an einem ebenen Platz hinterm Ufersaum auf, wuschen uns und etwas Wäsche und gönnten uns am Abend bei schönem Sonnenuntergang das Bier und die ganze Packung Kekse. DSC04178Ich erkundigte mich beim DSC04181Hüttenwart nach der nächsten Einkaufsmöglichkeit am Kungsleden; wir wussten zwar, dass die nächste größere Stadt Funäsdalen über einen umfangreichen Supermarkt verfügte und planten auch beim letzten Einkauf bis zu diesem – allerdings lag die Stadt mehrere Kilometer vom Weg entfernt; sodass wir den Bus hätten nehmen müssen. Aber der Hüttenwart meinte, es gäbe aber noch einen kleineren Markt nur 2 km vom Kungsleden entfernt. Das hörte sich ersteinmal gut an. Am Abend sammelten wir noch Heidelbeeren fürs morgige Frühstück und ich fand Zeit zum Fotografieren bis wieder Gewitterstimmung aufzog und uns aber glücklicherweise nur etwas Wind und Nieselregen brachte. DSC04199Vertieft in die Kamera bemerkte ich nicht, wie sich eine Herde Rentiere am Ufer näherte, die ich leider erschrocken aufscheuchte. Der Abend am See war so schön, dass wir erst spät ins Zelt fanden und sogar noch einen umherstreunenden Fuchs verjagen mussten, weil es bereits dunkel wurde.

DSC04188Mit diesem unvergesslichem Abend – am schönsten, beinahe kitschig-romantischen Fleck, den wir bisher auf dem Kungsleden erlebt hatten – endete die zweite unserer vier Karten voller Erlebnisse landschaftlicher sowie körperlich-psychischer Berg und Talstrecken, die uns auf dem Königsweg reicher machten.

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