Kungsleden, Trekking
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Kungsleden – Teil 1

DSC03849Nach ca. 30 min. leichtem Anstieg auf asphaltiertem Weg erreichten wir eine Windschutzhütte an einem kleinen See. Wir bauten das Zelt direkt daneben auf, um unsere Sachen im Fall von Regen schnell unters Dach bringen zu können und um „bequem“ zu kochen. Unsere Grundnahrung bestand aus Reis, Couscous oder Spaghetti – die Wahl fiel auf einen Schnellkoch-Reis, da wir nach der langen Fahrt ziemlich hungrig waren. Dazu gab es eine Pulversoße und ich schnitt die ersten Räder von meinem halben Meter Salami, den ich mir vor der Abreise beim Dorffleischer gekauft hatte. Nach einem schönen roten Sonnenuntergang brauste ein kalter Wind über das baumlose Fjäll. Im Zelt und unseren Winterschlafsäcken wurde es  aber schnell warm und wir schliefen gut in unserer ersten Nacht.

DSC03852Spät, erst gegen 8:30, schälten wir uns aus den Daunen bzw. Kunststofffasern. Vereinzelte Sonnenstrahlen am Morgen heizten das Zelt auf; bald zog jedoch kurz nach dem Abbau ein dichter Nebel auf. Das Fjäll begrüßte uns am ersten Wandertag gleich mit Nieselregen. In Regensachen ging es zunächst leicht ansteigend bergauf; der Weg war breit und leicht zu laufen. Wieder abwärts wandernd liefen wir durch den Beginn der Baumgrenze mit ihren teils skurril verwachsenen Birken und Kiefern und Birken und erreichten nach etwa 2 km die erste Rasthütte; die Ostfjällstugan. Stugan heißt Hütte, Stugorna ist die Mehrzahl. Windschutzhütten werden Vindskydd(stugan) genannt.DSC03861

DSC03863Die Ostfjällstugan liegt an einem kleinen See, der nach unserer jetzigen Erfahrung sicher Trinkwasserqualität hat; zu Beginn waren wir allerdings sehr vorsichtig beim Einschätzen der Wasserqualität und haben sicherlich das ein oder andere Mal unnötig abgekocht, da wir keine Entkeimungstabletten dabei hatten. So auch bei dieser Rast; wir sammelten etwas Holz für den Hobo-Kocher, welches vom Nieselregen noch feucht war, und kochten unter dichtem Qualm das Wasser des Sees fürs späte Frühstücksmüsli ab. Ab Mittag machte uns die Hitze, starke Sonne und nicht zuletzt die schweren Rucksäcke zu schaffen – am höchsten Punkt des Ostfjällets machten wir erneut Müsli-Rast.

DSC03874Zu Beginn hatten wir noch kein Brot für Mittagspausen und ernährten uns hauptsächlich von den eigentlich für Extremsituationen gedachten Energieriegeln und dem Müsli-Mix. Jeder hatte seine eigene Mischung vorbereitet, meine war Gluten und (Glukose) zuckerfrei; bestehend aus Sojaflocken, Nüssen, Rosinen und geraspelter Fruchtzuckerschokolade. Als Ersatz für herkömmliches Milchpulver verwendeten wir Sojapulver, an dessen Geschmack wir uns erst gewöhnen mussten. Wir mischten es mit Kakaopulver und hatten damit mit jedem Müsli eine Menge Kalorien und wichtige Nährstoffe; wenn auch nicht besonders abwechslungsreich und schmackhaft. Eine enorme Gewichtsbelastung, denn wir planten 7 Tage ohne Einkaufsmöglichkeit auszukommen. Die erste Einkaufsmöglichkeit direkt am Kungsleden ist der Ort Flötningen; nach gut 136 km! Wie wir bald merken sollten, war es mit unserem Rucksackgewicht und Kondition nicht möglich diese Strecke in 7 Tagen zu bewältigen.DSC03870

DSC03869Zunächst waren wir jedoch optimistisch und viel zu überwältigt von der Landschaft und den neuen Eindrücken und Erfahrungen des ersten Tages. Nach der Mittagspause ging es angenehm bergab bis unter die Baumgrenze in ein Tal mit leicht morastigen Passagen und überwiegend durch Wald mit interessanter Vegetation (Farne und Schachtelhalmwiesen) und riesigen Ameisenhügeln; teils mannshoch.

Was uns noch den Rest der Wanderung begleiten sollte, war auch hier bald unser Hauptproblem: Trinkwasser. Wir studierten im voraus die Karte, suchten nach Bächen und Flüssen oder Seen nahe des Weges und schätzten ab, wieviel Wasser mitzunehmen war. Jeder Liter bedeutete 1 kg mehr Gewicht auf den Schultern; zu wenig Wasser in dieser Sommerhitze und den Anstrengungen wiederum ein Risiko. Insgesamt konnten wir 3,75 l Wasser in 3 Flaschen mitführen, wovon ich 2 l auf zwei Flaschen verteilt in den großräumigen Seitentaschen meines Rucksackes trug. Wir waren anfangs wie bereits erwähnt sehr vorsichtig und kochten Nachmittags das Wasser eines Waldbaches ab. Aus Zeitgründen nutzten wir dafür den Trangia Spirituskocher, der sich im Hobo mittels zwei Stäbe aufnehmen lässt. Wir ahnten, dass wir mit unserer 0,5 l Flasche Spiritus nicht weit kommen würden, wenn wir zu oft auf diese Weise Wasser abkochen müssten. Die Idee war, den Trangia auf dem Fjäll zu verwenden, wenn kaum Holz zu finden ist und in niedrigeren Regionen Spiritus zu sparen und den Hobo mit kleinen Zweigen zu füttern. Ebenso beim Essen war der Couscous fürs Fjäll bestimmt, da er bereits in nichtkochendem Wasser quillt und deswegen wesentlich weniger Brennmaterial benötigt als Reis oder Spaghetti.DSC03876Wir machten auch gleich Bekanntschaft mit der wohl größten Belästigung der gesamten Wanderung: Mücken. Wer stehenbleibt und rastet, wird gefressen. Unser Mückenschutz war auf natürlicher Basis und recht effektiv, wenn auch nicht so langanhaltend wie die chemischen, Haut und Leber belastenden Mittel. Der weitere Weg führte durch ein Waldgebiet mit Bächen und sumpfigen Wiesen, vorbei an einer unbewohnten, privaten Sommerhütte. Ein Blick durchs Fenster zeigte einen ausgestopften Bären im Wohnzimmer. Wir hofften, nie auf einen Lebenden zu treffen.DSC03877Bereits in dieser ersten Etappe mussten wir unser geplantes Tagesziel erheblich herabsetzen und kamen erschöpft an einer Windschutzhütte im Wald am Fuße des nächsten Fjällaufstieges an und schlugen dort das Zelt auf. Ein Blick auf die Karte und das Etappenbuch zeigte, dass wir nur etwas über die Hälfte der geplanten Etappe bewältigt hatten und noch 8 km mit zwei Anstiegen übrig waren. Der Aufstieg auf das vor uns liegende Lägerdalsfjället war zeitlich und konditionsmäßig nicht mehr möglich. Auch hier spielte das Trinkwasserproblem eine Rolle; auf dem Fjäll gab es vermutlich bestenfalls kleine Teiche oder Sumpfwassertümpel, keinesfalls Trinkwasser. Eine Übernachtung oben hätte bedeutet, mit gefüllten Flaschen den steilen Aufstieg bewältigen zu müssen. So hofften wir morgen besser voranzukommen und verbrachten einen mückenreichen Abend mit fürchterlich qualmenden Hobo im Tal.

Für unser 1,06 kg Ultraleichtzelt führten wir eine unverhältnismäßig schwere Zeltunterlage mit uns; die den dünnen Zeltboden schützten sollte. Anfangs waren wir skeptisch, ob sie wirklich notwendig gewesen ist; später sahen wir ein, dass sie ein sinnvoller Schutz gegen kleine Steine, spitze Zweige und die großflächigen, trockenen Mooshügel ist, die Wald und Fjällboden bedecken.DSC03882Verschwitzt vom heißen Wandertag versuchte ich mich am naheliegenden Waldbach zu waschen; musste jedoch schon beim Ausziehen abbrechen, da die Mücken und vor allem die wesentlich kleineren Knott so zahlreich waren, dass ich bereits nach einer Minute mit roten Stichen übersät war. Knott bzw. Kriebelmücken sind winzige Fliegen, kaum einen Millimeter groß, zwicken und saugen jedoch Blut und hinterlassen zahlreiche rote Punkte, die glücklicherweise nicht so jucken wie Mückenstiche. Leider sind Mückenschutzmittel wirkungslos gegen sie. Man muss mit ihnen leben und sie permanent aus dem Gesicht wischen, da sie teils in wolkenhaften Schwärmen um einen schwirren. Zudem waren sie genauso wie die Mücken selbst von starkem Qualm unbeeindruckt. Wir waren an diesem Abend noch nicht an die Belästigung gewöhnt und konnten ihn daher leider nicht richtig genießen und waren froh, als wir die letzte Mücke aus dem Zelt vertrieben hatten und in die Schlafsäcke kriechen konnten.

DSC03883Der nächste Morgen empfing uns wieder mit Nieselregen. Ohne Frühstück zogen wir die Regenhosen als Schutz gegen nasse Gräser und Sträucher an und entflohen am steilen Anstieg der Mückenhölle im Tal. Wir passierten die Baumgrenze im dichten Nebel und realisierten bald, dass das Fjäll heute kein schöner Ort für ein Müsli war. Hungrig aßen wir Riegel und Schokolade und liefen einfach weiter. Trinkwasser führten wir aufgrund des Anstieges nicht – oder nur sehr wenig mit und wollten daher möglichst zügig das nächste Tal erreichen und am Fluss Rast machen. Die Entfernungen der 1:100 000 Karte waren in Realität quälend lang und die Rucksäcke noch schwer und prall gefüllt mit Vorräten. Jeder trug sicher gute 3 kg mehr als er tragen sollte und ich hatte noch zusätzlich die Spiegelreflexkamera und ein Wechselobjektiv am Gürtel.

Das Tal war wie ein Relikt aus der Erdfrühzeit; es schien als könnte jederzeit ein Dinosaurier hinter einem Baum auftauchen. Fluss und See war kristallklar und frisch, überall wucherte wilde Vegetation, wie z.B. Birken, an denen Moose wie Bärte hingen. Farne gediehen prächtig im morastigen Boden. Kaum vorstellbar, aber hier waren die Mücken noch zahlreicher und aggressiver als im letzten Tal! Um Wasser in die Flaschen zu füllen, mussten wir uns in Windeseile mit Mückenschutz eincremen – den wir nicht vorsorglich auftrugen um zu sparen – um dann dann im Schnellschritt weiterzulaufen. Ein Foto „bezahlte“ ich trotz Mückenschutz mit 3 Stichen im Gesicht.DSC03885

Es war wirklich schade dieses wunderschöne, urwüchsige Tal nicht genießen zu können. Zudem waren die Füße von den morastigen Passagen im Fjäll und dem anhaltenden Nieselregen bereits nass und kalt. Und wieder keine Zeit für Müsli. Ausgehungert und erschöpft aßen wir weitere Riegel und kämpften uns regelrecht den letzten Anstieg hinauf zur Näsfjällstugan. Wir waren froh als sie endlich im Nebel vor uns auftauchte.
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Die Hütte war großräumig und gemütlich, mit einem kleinen Ofen und zwei Tischen mit Bänken. Das späte Müsli war dringend notwendig, an ein Weitergehen war danach nicht mehr zu denken. Kälte, Nässe und Erschöpfung, sowie der dichte Nebel und die fortgeschrittene Zeit zwangen uns erneut, die geplante Etappe zu verkürzen. Das Zelt und die Kleidung und Schuhe waren nass und mussten über dem Ofen aufgehängt und getrocknet werden. Julia hatte sich überanstrengt und rollte auf einer der Bänke den Schlafsack aus und schlief für eine Stunde. Wir hatten noch Essen für 3 Tage, studierten die Karte und mutmaßten über eine eventuelle Einkaufsmöglichkeit in einem Dorf etwas abseits vom Kungsleden. Wir entschieden später aufgrund der nassen Kleidung und dem Zelt, welches wir ebenfalls zum Trocknen aufgehängt hatten, entgegen der Hüttenregeln in dieser Stugan zu übernachten.
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Am nächsten Morgen war das Wetter unverändert neblig, feucht und kalt. Wir standen gegen 6:00 Uhr auf, um sicherzugehen, nicht schlafend von Wanderern überrascht zu werden. Erstaunlicherweise tauchte kurz danach tatsächlich eine Gruppe Jogger im Nebel auf. Wir rätselten aus welchem Ort sie kamen; da sie nur für einen kurzen Lauf gekleidet schienen. Sie liefen übers Fjäll entgegen unserer Richtung – sie mussten aufgrund der Entfernungen zu den nächsten Ortschaften schon sehr früh gestartet sein und über eine gute Kondition verfügen. Dennoch waren die Jogger für uns ein Zeichen, nicht zu weit von der Zivilisation entfernt zu sein und wir fühlten uns in der Hoffnung heute einkaufen zu können, bestärkt.

Wir durchquerten das Näsfjäll im Nebel und stiegen über einen Skihang zur erhofften Ortschaft ab. Ernüchtert mussten wir feststellen, dass es sich lediglich um ein Winterskidorf handelte. Keine Einkaufsmöglichkeit, keine Touristen oder Einwohner – nur vereinzelte Bauarbeiten. Die Rucksäcke wurden wieder unerträglich schwer und die Sorge, bald keine Vorräte mehr zu haben wuchs. Inzwischen schien die Sonne und es wurde sehr warm. Aus Gewichtsgründen führten wir abermals kein Trinkwasser mit und planten, diese im großen Fluss im Tal aufzufüllen. Der Umweg über das Skidorf kostete zusätzlich Kraft; mangels Einkaufsmöglichkeit hatten wir noch immer keine Verpflegung für Mittagspausen außer Energieriegel. Über langweilige Schotterstraßen gelangten wir in die Nähe des Flusses; mussten jedoch noch ein Wiesensumpfgebiet durchqueren. Die Bohlen lagen teilweise unter Wasser, sodass wir uns fürs Barfußlaufen entschieden. Die Schuhe und Socken waren von der Mittagssonne gerade wieder gut getrocknet. DSC03893
Wir schätzten das Flusswasser als nicht trinkbar ein und sahen auch vom Abkochen ab um Spiritus zu sparen. Wir wollten den Hobo nicht mit Holz befeuern, da Wohnhütten und zwei Angler in der Nähe waren und entschieden daher nach einer kleinen Pause weiterzugehen und es an einem Bach nahe der nächsten kleinen Ortschaft zu versuchen. Wir hofften sogar auf eine Einkaufsmöglichkeit.

DSC03892Die nächsten Kilometer waren aufgrund der Schotterstraßen leicht zu laufen, jedoch landschaftlich nahezu uninteressant. Die Sommerhitze und die schweren Rucksäcke machten uns sehr zu schaffen. Wir schleppten uns bis zu einer kleinen Siedlung von Sommerhütten und mussten enttäuscht einsehen, dass hier weit und breit kein Markt oder Laden zu finden sein wird. Noch hofften wir aber auf die eine Tagesetappe vor uns liegende Björnholmstugan; da wir annahmen, dass diese bewirtet sei. Zunächst aber wollten wir unsere Trinkwasservorräte aufstocken und fanden in der nahezu unbewohnten Siedlung einen klaren Bach. Ein anwesendes älteres Ehepaar verstand unsere Frage ob dies Trinkwasser sei, leider nicht und kurz darauf begann es plötzlich zu regnen. Die Wasserflaschen „auf Risiko“ schnell aufgefüllt und die Regensachen aus den Rucksäcken gekramt und übergezogen. So schnell wie der Schauer kam, war er auch vorüber und wir waren glücklicherweise trocken geblieben.

DSC03896Rästselnd studierten wir die Karte und interpretierten die verschiedenen Wegbezeichnungen. Es gibt Ganzjahreswege, markierte Winterwege für Ski- und Scooterfahrer und markierte Sommerwanderwege. Letztere können von einer Straße oder breiten Wanderweg bis zum teils unkenntlichen Trampelpfad im dichten Wald alles sein. Wir entschieden uns für den kommenden Anstieg für die gut sichtbaren, in kurzen Abständen platzierten roten Wegkreuze und folgten damit einem ausdrücklichen Winterweg – ein fataler Fehler, den ich durch Ungeduld provoziert hatte, weil ich den scheinbar kürzesten, direkten Weg einschlagen wollte anstatt zurückzulaufen und zu prüfen. Bald fanden wir uns in unwegsamen, nass-sumpfigen Waldschneisen wieder. Wir kämpften uns hungrig und erschöpft, schwitzend den Berg hinauf; mussten immer wieder Sumpflöcher durch dichten Wald umgehen und hatten nach kurzer Zeit wieder nasse Füße. Irgendwann lichtete sich der Wald und das Gelände wurde trittfester. Nach einer kurzen Verschnaufpause auf der Anhöhe mit fantastischem Rundblick über das zurückliegende, weite Tal trafen wir wieder auf den Sommerweg  – den Kungsleden.

DSC03912Das heutige Tagesziel des Wanderführers, die Björnholmstugan, lag unerreichbar am Ende des Tales hinter dem vor uns liegenden nächsten Fjällaufstieg. Wir wollten wenigstens ¾ der Strecke schaffen und setzten uns die Lilldalstugan in ca. 3 km Entfernung als Ziel. Der letzte Abschnitt erwies sich wieder als quälend lang, lohnte aber immerhin mit seinen märchenhaften Waldabschnitten. Eine leichte Furcht und Achtsamkeit vor Bären begleitete uns. Die Nachmittagssonne zauberte ihr Streiflicht auf Blockfelder in den Talflanken knapp unterhalb der Baumgrenze. Erschöpft erreichten wir die Lilldalstugan mit dem Blick auf das vor uns liegende Fulufjället-Massiv mit dem markanten V-förmigen Talschnitt des Tangan. Die Fjälllandschaft war von weißen Moospolstern und kleinen Heidesträuchern übersät. Nach dem Abendessen bauten wir unser Zelt hektisch unweit der Hütte auf – der Himmel änderte sich dramatisch. Glücklicherweise blieb der Regen aus. Julia hatte sich eine Blase am Fuß zugezogen, die Kleidung war nassgeschwitzt, Schuhe und Socken waren ebenfalls nass. Meine Müslimischung reichte nur noch für ein Frühstück; Abendessen noch für 2-3 Tage. Wir hofften weiterhin auf einen kleinen Proviantladen an der nächsten Stugan im Tal; der nächste reguläre Supermarkt direkt am Kungsleden lag noch 100 km entfernt. Nun nach den ersten anstrengenden Tagen mussten einsehen, dass wir unsere Kondition völlig überschätzt hatten und wir pro Tag bestenfalls ¾ der geplanten Strecken erreichen könnten.

DSC03909Gegen 7 Uhr morgens weckten uns die wärmenden Sonnenstrahlen der bereits hoch stehenden Sonne. Bis zum Mittag trockneten wir unsere nassen Sachen an der Hütte und stiegen danach wieder vom Fjäll ins Tal ab. Zahlreiche Ameisenhügel bevölkern hier die trockenen Kiefernwälder. Während Julias Blase am Fuß noch schmerzte; machte sich auch bei mir die Überbelastung in Form eines leichten Druckschmerzes an der Achillessehne bemerkbar. Zunächst schenkte ich diesem kaum Beachtung. Eine Schotterstraße führte bequem aber unspektakulär durch das Tal; wir passierten das Eingangsschild des Fulufjället Nationalparkes und nutzten den warmen Sommertag  zum Haarewaschen am Fluss Tangan. Wir setzten große Erwartungen und Vorstellungen in die wenige hundert Meter vor uns liegende Björnholmstugan – und wurden bitter enttäuscht. Eine gemütliche Übernachtungshütte mit Küche und Betten; aber weit und breit kein Mensch zu sehen – nichteinmal andere Wanderer oder Tagestouristen und erst Recht kein Hüttenwart. Unser Bild vom Kungsleden erfuhr allmählich eine Wandlung.

Die Vorräte nahezu aufgebraucht, weit hinter dem Zeitplan, keine Verkehrsanbindung, ringsum keine Stadt, kein Mensch unterwegs. Hinsetzten. Riegel essen. Karte studieren. Wir glaubten, gut vorbereitet zu sein; sind aber wohl recht blauäugig ins Abenteuer gestartet und sahen uns nun mit dem tatsächlichen Ausmaß der Einsamkeit und Weite dieser Landschaft konfrontiert. Die Karte zeigte den nächstliegenden, größeren Ort in Norwegen.  Ein Umweg von 2 Tagesetappen; über den Vorläufer des Fulufjället und über die schwedisch-norwegische Grenze hinunter in ein Tal nach Ljørdalen und danach wieder etwas weiter nördlich auf einem teils unmarkierten Pfad zurück aufs Fjäll zum Kungsleden. Laut Karte befand sich eine Kirche in Ljørdalen; was uns auf einen größeren Ort mit Einkaufsmöglichkeit hoffen ließ. Die Ortschaft lag zudem an einer größeren Straße, eine Art Bundesstraße; eventuell Busverbindung – Plan B, falls kein örtlicher Markt vorhanden sein sollte. Eine andere Möglichkeit als diesen Umweg hatten wir nicht; die weiteren Übernachtungshütten würden wahrscheinlich ebenfalls unbewirtet sein.

DSC03920Es war bereits später Nachmittag, vielleicht sogar fast 6 Uhr, als wir an der Björnholmstugan aufbrachen, dem Fluss bis zu einer Brücke folgten um dort den Kungsleden zu verlassen. Noch am selben Abend wollten wir bis über die Baumgrenze auf den südlichsten Vorläufer des Fulufjällets kommen. Leider war Samstag; was bedeutete, dass wir damit rechnen mussten, morgen nicht einkaufen zu können. Deswegen planten wir einen Ruhetag am Abstieg auf norwegischer Seite ein.
Der Aufstieg erwies sich abermals als äußerst kräftezehrend. Ein immer schmaler werdender Trampelpfad, anfangs mit Fähnchen an Zweigen, später mit Steinmännchen markiert, schlängelte sich den steilen Hang hinauf.

Verschwitzt und vor den Mücken flüchtend kämpften wir uns mit gefüllten Wasserflaschen Richtung Baumgrenze. Die Abendsonne legte sich über die schier unendliche Weite der dicht bewaldeten Täler und kargen Gebirge. Außer dem monotonen Piepen der Fjällmöwen herrschte beeindruckende Stille und mich ergriff ein beklemmendes Gefühl von Verlassensein und Furcht als mein Blick über die Landschaft streifte. Würden wir heute rechtzeitig einen sicheren Platz für das Zelt finden? Reichen die Wasservorräte? Wie weit ist es tatsächlich bis Ljørdalen? Werden wir dort einkaufen können? All diese Fragen verdichteten sich zu einem einzigen Gefühl, als wir, den Mücken entronnen, oberhalb der Baumgrenze innehielten. Die Anstrengung ließ Endorphine in mir ausschütten und alles nach dem Gipfel streben; Julia allerdings hatte sich verausgabt und ich machte mir Sorgen um sie.

DSC03927Oben erwartete uns ein Heer aus Steinmännern, die im schrägen Abendlicht besonders imposant wirkten. Bald darauf konnten wir über die Bergkuppe in das Tal auf norwegischer Seite sehen und einige, vereinzelte Gebäude an einem leider recht fernen Fluss ausmachen. Sollte das die Stadt sein? Sicher waren wir uns nicht. Mit unsicherem Gefühl passierten wir die Grenzmarkierung und hofften, bald auf die in der Karte verzeichnete Windschutzhütte zu treffen. Kurz vor dem steileren Abstieg an einer Abbruchkante hielten wir inne, genossen die Aussicht und entschieden uns, das Zelt aufzuschlagen und nicht weiter hinunter zu gehen um nicht wieder in Mückenschwärme zu geraten. Unsere Wasservorräte waren begrenzt, hier oben gab es keinen Bach oder See. Für diesen Abend und den nächsten Morgen würde es aber noch reichen. Bis Mitternacht war es noch dämmrig hell.

DSC03928Am nächsten Morgen weckten uns die Sonnenstrahlen vom blauen Himmel und die unerträgliche Wärme im Zelt. Die Vorräte würden nur noch für diesen Tag reichen; das Wasser war hingegen verbraucht. Vormittags stieg ich die letzten Meter hinunter vom Fjäll um Wasser zu suchen; Julia blieb beim Zelt und erstellte eine Einkaufsliste. Laut Karte sollte sich in 1-2 km ein Bach befinden. Unten angekommen fand ich die Windschutzhütte, die wir gestern suchten, an einem Wanderparkplatz mit Infotafeln – auf denen ein Einkaufsmöglichkeit in Ljørdalen verzeichnet war. Es war ein heißer Sommertag und zum ersten Mal begegneten mir andere Wanderer; wenn auch nur Tagestouristen. Das gab Sicherheit und ein gutes Gefühl. Fast eine Stunde suchte ich nach dem Bach; folgte dem Wanderweg zunächst zu weit; lief zurück, folgte einem kaum sichtbaren Pfad in den Wald und erreichte schließlich das Bett eines ausgetrockneten Baches. Ohne Wasser; insgesamt 2 Stunden in der Sommerhitze unterwegs, kehrte ich zurück zu Julia. Wir bauten das Zelt ab, packten die Sachen und machten uns auf den Weg Richtung Ljørdalen. Es gab zwei Möglichkeiten; eine Straße die über einen Umweg in die Stadt führte und den direkten, aber teils schwer zu findenden Pfad, den ich an diesem Tag bereits einige hundert Meter gefolgt bin. Wir entschieden uns für den Pfad, in der Annahme, schneller zu sein. Ein grober Fehler, wie wir bald feststellen sollten.

Wenige hundert Meter nach dem ausgetrockneten Bach trafen wir auf einen frischen, klaren Waldbach. Ich wusste nicht, ob ich mich ärgern oder freuen sollte – aber wir waren durstig und bereits jetzt vom Rucksackgewicht und der Hitze erschöpft. Irgendwann wurden wir nachlässig im Suchen der Pfadmarkierungen und verloren die Spur. Anstatt bis zum letzten markierten Punkt zurückzugehen, liefen wir einfach weiter durch den Wald und orientierten uns mit Kompass und Karte. Die Vegetation wurde immer dichter, der Boden hügeliger und bald wurde uns klar, dass wir einen groben Fehler gemacht hatten. Wir konnten nicht mehr zurück – dafür waren wir zu erschöpft, und für eine längere Pause war dies kein guter Ort. So folgten wir nervös dem alten Kompass und dem fernen Rauschen eines Flusses. Eine Elchkuh mit Jungem tauchte auf, sodass wir einen großen Bogen im Wald gehen mussten um sie nicht zu provozieren. Irgendwann, nach viel zu langer Zeit, trafen wir auf eine Forststraße und waren froh, endlich wieder eine sichere Orientierung zu haben und aus dem schier endlosen Wald zu entkommen. Meine Achillessehne drückte zunehmends und es war klar, dass es sich um eine beginnende Sehnenscheidenentzündung handelte, die eigentlich geschont werden müsste. Julias Blase war ebenfalls noch nicht richtig verheilt.

DSC03943Wir erwarteten so etwas wie einen Ortskern; ein Siedlungsgebiet, einen Supermarkt; wir hörten Stimmen von einem Sportplatz und standen direkt an der Straße, die auf der Karte fett markiert war. Rätselnd studierten wir den Busfahrplan an der Haltestelle, die als Coop Marked bezeichnet war. Anhand der Haltepunkte wollten wir herausfinden, in welche Richtung der Markt liegen würde – und liefen daraufhin noch einen Kilometer bis aus dem Ort heraus. Kein Coop; aber ein Fussballplatz auf dem gerade ein Spiel stattfand. Jeder Meter wurde für uns zuviel und wir mussten wieder zurück zur Haltestelle und die andere Richtung absuchen. Die Füße und Schultern schmerzten, wir waren genervt und erschöpft; nahmen uns jedoch zusammen um jemanden freundlich nach dem Weg zum Markt zu fragen. Weit sollte es nicht mehr sein, „nur offen hat er heute nicht, weil Sonntag ist.“ Wenige Meter nach der Haltestelle erreichten wir ein verlassenes, nicht mehr bewirtschaftetes Marktgebäude und glaubten in unserem nervlichem Zustand, dass dies nun das letzte Fragment der Pechsträhne sei. Unsere Angst, keinen Markt zu finden, brachte uns diese Schlussfolgerung. Tiefe Enttäuschung, Abbruchgedanken, Motivation und Laune am Tiefpunkt. Die einzige Option wäre mit einem der beiden täglichen Busse in die nächstgrößere Stadt zu fahren. Dies hier war mehr ein verstreutes Dorf als eine Stadt. Wir fragten an der gegenüberliegenden Tankstelle, was mit dem Markt passiert sei und erfuhren, dass der neue Markt wenige hundert Meter weiter zu finden ist. Nach der Freude begann die Suche nach einem Zeltlagerplatz für diese Nacht. Es war Sonntag und wir konnten erst am nächsten Tag einkaufen. Die Schwierigkeit war, einen Platz zu finden, der außerhalb der Sichtweite von Wohnhäusern aber dennoch nicht unnötig weit vom Markt entfernt und Trinkwasser in der Nähe zu war. Die Karte im Maßstab 1:100 000 war dafür noch öfter zu grob. Wir hatten noch immer nicht richtig gegessen und schleppten uns, von Mücken geplagt, weitere 2-3 km die Straße entlang aus dem Ort raus und verschwanden im Wald; wo wir in Eile das Zelt aufbauten und schnell Couscous kochten um den lästigen Mücken zu entgehen.

Wir planten den nächsten Tag in der Nähe von Ljørdalen zu verbringen um meine Sehnen zu schonen, denn inzwischen machte sich auch der andere Fuß bemerkbar. Der Einkauf bescherte uns endlich Brot und Käse, sowie eine neue Wurst und Haferflocken und stockte die Reis, Couscous und Nudelvorräte für geplante 10 Tage auf. Die Rucksäcke waren entsprechend schwer. Nachdem vor dem Markt alle Einkäufe verstaut und in Tüten umgefüllt waren, orientierten wir uns anhand der Karte nach einem neuen Zeltlagerplatz mit Bach zurück in Richtung Fulufjället.

DSC03945Als wir am Dienstagmorgen um 5 Uhr aufstanden, machten meine Sehnen noch immer Probleme, sodass wir entschieden, auch diesen Tag noch zu ruhen und noch nicht auf das Fjäll aufzusteigen. Nichtstun fiel uns schwer; war aber dringend notwendig. Die Heidelbeeren waren leider noch nicht reif aber wir hatten Gelegenheit unsere Wäsche zu waschen und während des sonnigen Tages zu trocknen. Um den zusätzlichen Ruhetag auszugleichen, ging Julia nochmal in den Ort zurück um einzukaufen. Am Abend färbte sich der Himmel lila und ein heftiger Regen setzte ein. In der Ferne Donnergrollen. Schnell zogen wir die Regensachen an und bereiteten uns vorsichtshalber darauf vor das Zelt zu verlassen und auf den Isomatten hockend in Blitzschutzstellung zu gehen. Glücklicherweise zog das Gewitter vorüber und wir blieben im Trockenen.

Mittwochmorgen, bereits der 10.07., wurden wir von einem Sturm geweckt der bedenklich am Zelt zerrte. Schäden entstanden nicht. Der Blick auf das Fjäll war von Nebel verdeckt. Die Sehne verursachte zwar beim Gehen ohne Gepäck keine Schmerzen mehr, rieb aber noch aufgrund der Schwellung.

DSC03967Donnerstag. Das Handy weckte uns 4:30 Uhr; es war bereits hell und wir bauten nach dem Morgenmüsli das Zelt ab. Die neue Planung sah vor, den Tag durch frühes Aufstehen besser zu nutzen, dafür mehr Pausen einzulegen und sich nicht mehr überanstrengen. Durch den Einkauf waren die Rucksäcke zwar eine enorme Belastung; jedoch hatten wir nun die Möglichkeit mittags Brot zu essen. Eine kilometerlange Schotterstraße führte uns durch schwedischen Nutzwald bis zu einem markierten Pfad am Fjällanstieg. Um meine Sehnen zu schonen liefen wir sehr langsam und ich versuchte schonend aufzutreten soweit es möglich war. Der Gedanke, die Tagestouren ruhiger anzugehen gefiel mir und motivierte mich zur Konzentration auf die schönen Erlebnisse und Eindrücke. Es war ein heißer Juli-Sommertag aber wir waren gut ausgeruht und hatten mit dem Anstieg trotz des Gepäcks keine großen Probleme. Bald nach Überschreiten der Baumgrenze konnten wir in der Ferne Wanderer sehen und den Kungsleden ausmachen; den wir bald darauf erreichten. Dessen rote Kreuzmarkierungen gaben uns das Gefühl  „wieder auf dem richtigen Weg“ zu sein.

DSC03985Das Fjäll hatte während diesen Sommertages etwas von einer Savanne; die Hitze ließ die Luft über dem mit Sträuchern karg bewachsenen, rissigen Torfboden flimmern. Vereinzelte, niedrige Kiefern und Birken in teils bizarren Wuchsformen behaupteten ihr anspruchsloses Dasein zwischen trockenen Geröllfeldern.

DSC03982DSC03988Heutiges Tagesziel war die Tangåstugan, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, der ein fruchtbares, grünes, idyllisches Tal mit dem für die Baumgrenze typischen Wäldern aus kleinen, verwachsenen Birken mitten im Fjäll geschaffen hat. Wir zelteten nicht weit von der Hütte entfernt am Fluss. Die neu gekaufte Spinatsoße für die Spaghetti brachte etwas kulinarische Abwechslung in den Abend.

DSC03996DSC03991Der Tag begann kurz nach 5 Uhr morgens und das gestern noch so paradiesische Tal hatte sich in eine Mückenhölle verwandelt. In routinierter Eile bauten wir nach dem Müsli ab und folgten dem Kungsleden leicht ansteigend dem Fluss entlang allmählich aus dem Tal heraus. Unsere Motivation war sehr niedrig; wir fühlten uns abermals, trotz Mückenschutzmittel, wie auf der Flucht und sahen kein Ende in dieser morastigen Gegend. Die Rucksäcke waren aufgrund des großen Einkaufs noch immer zu schwer und nach einer glimpflich abgelaufenen Bachdurchwatung verteilten wir das Gewicht etwas um. Nachdem wir das Tal verlassen und die offene Fjällebene erreicht hatten, besserte sich die Motivation. Wir konnten zahlreiche Tiere beobachten; am auffälligsten die monoton piepende Fjällmöwe, Enten, einen Hamster, Mäuse und sogar eine Kreuzotter. An einem klaren See mit Sandstrand legten wir die Mittagspause ein und entschieden uns noch spontan zum Haarewaschen. Um das Ökosystem nicht zu gefährden und der eigenen Gesundheit wegen, verwendeten wir natürliche Haarseife bzw. mineralölfreie Pflegemittel.

DSC04011Nach wenigen Kilometern erreichten wir durch zunehmend sumpfiges Gelände die Tangsjöstugan am gleichnamigen See. Die Übernachtung kostet 100 SEK pro Person und wir entschieden uns, dieses Angebot für eine Nacht anzunnehmen. Wir kochten in der urigen Hütte auf einem alten Holzofen, ich hackte einige Holzscheite und es war Zeit zum Wäschewaschen. Hierfür verwendeten wir für unsere Schafwollsachen Gallseife und für die reguläre Kleidung aus Synthetikfasern oder Baumwolle Pflanzenölkernseife. Der Ausblick aufs Fjäll war traumhaft: Zwei große Seen, zwischen denen die Hütte lag, glitzerten in der späten Nachmittagssonne; ein gelbes Ruderboot lag am Ufer. Umsäumt von flechten- und moosbedeckten Fjällhöhen und weiten Tälern mit unzähligen Teichen und Tümpeln in denen Sumpfgräser und Sträuche gediehen. Nach dem Abendessen erstellten wir eine Liste der Dinge, auf die wir aus Gewichtsgründen verzichten oder umpacken konnten. Im nachhinein ist mir klar, dass die Maßnahmen größtenteils moralische Entlastungen waren aber diesen Faktor sollte man nicht unterschätzen. Trotz der Anstrengungen nach den Ruhetagen besserten sich meine Sehnen leicht; was ebenfalls die Laune hebte. Julia rechnete die bisher zurückgelegten Kilometer auf dem Kungsleden aus: 67,5 km – ohne die Umwege.

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DSC04016In der Nähe der Stugan sollte laut unserer Karte eine frühgeschichtliche Stätte existieren. Sie war als „Altarringen“ bezeichnet und ließ meine Phantasie auf beeindruckende Runensteine hoffen. Mit leichtem Gepäck legten wir am Abend die etwas langatmigen 2 km zurück und fanden auf einer Anhöhe einen nüchternen Steinkreis vor, in dessen Mitte sich eine Art steinerner Schrein befand. Wieder in der Tangsjöstugan angekommen, stellten wir den Wecker auf 4 Uhr um genügend Zeit für die morgige große Etappe zum Wasserfall Njupeskar zu haben. Die schönste Belohnung der letzten Tage war wohl, endlich wieder einmal in einem Bett schlafen zu können.

DSC04027Aus 4 Uhr wurde 6 Uhr; zu gemütlich war die warme Bettdecke. Wir gingen den Tag dennoch ruhig an und gönnten uns ein warmes Müsli und sogar das Tütchen Instant-Kaffee, welches Julia seit Anfang der Reise aufhob. Die Stimmung erlebt auf so einer Reise Höhen und Tiefen in manchmal stündlichen Abschnitten. Unsere Laune war so gut wie lange nicht und wir kamen schnell voran. Der Weg war leicht begehbar und schwach bergab führend.

DSC04028Nach 6 km erreichten wir die Särnmannskojan, die in ihrer Bauweise etwas an eine Samenkote erinnerte. Mittagspause mit Brot und Käse bzw. Salami und einigen Trockenfrüchten. Nach wenigen Kilometern konnten wir schon aus weiter Entfernung die Rosjönstugorna erkennen, von der aus wir einen Abstecher zu Schwedens höchstem Wasserfall Njupeskar machen wollten. Die Hüttensiedlung liegt an einem großen, für Angler attraktiven See und der Hüttenwart verkauft neben Angelscheinen und Booten auch kleine Snacks und Knäckebrot. Wir nahmen die Gelegenheit wahr und stockten die Brotreserven etwas auf. Nach einer zweiten Mittagspause stiegen wir bei sonnigstem Wetter und Hitze steil vom Fjäll ab und erreichten den Touristenmagnet des Fulufjällets.

DSC04040Seit langem trafen wir an diesem Tag auf ungewohnt viele Wanderer; teils auch mit schwerem Gepäck. Im Imbiss-“Restaurant“ aßen wir herrlich ungesund und fettig – ein Genuss, den man nur während so einer Wanderung verstehen kann. Im anliegenden Naturkundehaus erkundigte ich mich nach der nächsten Einkaufsmöglichkeit am Kungsleden, um sicher zu gehen, nicht wieder in das Dilemma kurz vor Ljørdalen zu geraten. Wie geplant, war der Ort Flötningen die Auskunft. Mit gutem Gefühl besichtigten wir den beeindruckenden Wasserfall, dessen Gewalt sich auf 90 m vom Fulufjället ins Tal ergießt.

DSC04044Der Wiederaufstieg aufs Fjäll war sehr steil und steinig und mit den Rucksäcken in dieser Sommerhitze quälend. Oben verloren wir die Orientierung trotz Karte und waren nicht sicher, auf dem richtigen Pfad zu sein. Mehrmals liefen wir ein paar hundert Meter zurück, jeder Irrtum kostete unnötig Kraft. Schließlich fanden wir den Weg zur Rosjönstugan wieder und pausierten, während sich die allmählich aufziehenden Wolken zu einem Sturm mit Regen wandelten. Glücklicherweise war das Unwetter bald vorbei, sodass wir den Weg von 3 km zum heutigen Tagesziel, der Harjöstugan, fortsetzen konnten. Es dämmerte bereits und zum Sonnenuntergang waren wir wieder allein im Hochmoor zwischen stillen Seen, in denen sich die Wolkendecke bläulich spiegelte. Wir brauchten keine Lampe, da es nicht richtig finster wurde, aber es war bereits spät am Abend als wir die Stugan am See erreichten. Leider war sie bereits von Anglern besetzt und wir schlugen müde in der eisigen Kälte der frühen Nacht unser Zelt am See Hosjön auf.

Da der Handyakku leer war, funktionierte die Weckfunktion nicht mehr und wir verschliefen den Morgen bis 9:20 Uhr. Über anstrengende Blockfelder, die Knie und Füße belasteten, ging es über das verbleibende Fulufjället und schließlich bergab durch die Baumgrenze in den Wald hinein ins Tal nach Gördalen. Dort sollte es nach einem Reisebericht ein kleines Lokal geben. An der Hauptstraße gelegen, fanden wir es schnell und tankten dort Kalorien für uns und Strom für die Akkus. Vor uns lag nun das letzte Fjäll der ersten Karte.

DSC04057Der Anstieg war laut dem Höhenprofil 300 Höhenmeter verteilt auf 4 km. Wir hatten ausreichend gegessen, waren ausgeruht und starteten motiviert in den Wald auf der anderen Seite des Tals. Der Weg war zunächst breit und gut ausgeschildert und kreuzte nach wenigen hundert Metern eine Waldstraße. Ab da verloren wir den Kungsleden, da der auf der Karte verzeichnete Ganzjahresweg nicht aufzufinden war. Lediglich ein karg markierter Trampelpfad wies in die richtige Richtung. Unsicher aber alternativlos folgten wir den farbigen Bändern an Zweigen tiefer in den Wald. Irgendwann verlor sich jede Spur und wenig später auch die Markierungen und wir suchten sicherlich eine halbe Stunde nach Bändchen an Zweigen und Ästen. Ich fand nur -vermutlich- Bärenlosung. Umkehren stand nicht zur Option – welchen anderen Weg sollten wir einschlagen? Nachdem wir abermals die Karte studiert hatten, entschieden wir, den vor uns liegenden steilen Hang direkt zu gehen – nur per Kompass nach Nordwesten – in der Hoffnung nach Durchqueren der Baumgrenze auf dem Fjäll wieder auf den Kungsleden zu treffen. Als wir schließlich abgekämpft in einem Wald aus halbhohen Birken und Kiefern standen und die Bergrücken des weiten Fjälls in der Ferne auftauchten, wurde uns in der unheimlichen Stille und Einsamkeit wieder bewusst, wie verloren wir in dieser Landschaft waren.

Ein Zentimeter auf der Karte – kaum der Rede wert – konnte der kraftraubendste Abschnitt einer ganzen Tagestour sein, ohne dass sich dies vorher kalkulieren ließe. Wir erreichten eine Lichtung sumpfiger Wiesen mit den roten Wegkreuzen. Leider nur für den Winterweg – nahezu unpassierbar als Wanderer im Sommer. Eigentlich wollten wir nur bis zu einer verzeichneten Windschutzhütte gehen und am Aufstieg zelten. Unsere Orientierungsmöglichkeit anhand der Karte und Landschaft war zu grob um den genauen Standort bestimmen zu können – wir verfehlten die Hütte weit. Hier gab es kein Trinkwasser und der Himmel ließ auf baldigen Regen schließen. Weiter nach Nordwesten. Nach einer Verschnaufpause und einigen hundert Metern weiter stießen auf einen kleinen Bach, der auch auf der Karte eingezeichnet war. Wir folgten ihm flussaufwärts und konnten bald die Markierungen des Kungsleden erkennen. Endlich wieder auf dem richtigen Weg; eine klare Richtung! Vom untersten Stimmungstief zu neuer Motivation – diese Wanderung war äußerlich wie innerlich ein Auf und Ab. Der gute alte Kompass hatte uns nicht im Stich gelassen. Wir überlegten noch, das Drevfjället am selben Abend zu überqueren – ließen die Idee aber fallen. Erholung war notwendig. Wir zelteten etwas abseits des Weges windgeschützt zwischen hohen Sträuchern und freuten uns über Kartoffelbrei aus der Pulvermischung.

DSC04059Mo, 15.07. Der Morgen im Fjäll war kalt und bewolkt als wir 6 Uhr aus den warmen Schlafsäcken krochen. Die Mücken vom Vorabend waren verschwunden, viel Zeit ließen wir uns zum Frühstück jedoch ohnehin nicht. Zum ersten Mal zog ich die warme Unterhose und das Unterhemd an; die Socken und Schuhe waren noch etwas feucht. Der Weg über das Drevfjället war leicht zu wandern; wir kamen schnell voran. An vielen kleinen Seen vorbei ging es bald wieder hinunter in ein dicht bewaldetes Tal wo wir gegen 10 Uhr die Drevfjällstugan erreichten. Julia ließ dort ihr Buch zurück um Gewicht einzusparen. Ohne nennenswerte Anstiege liefen wir weitere 7 km in 4 Stunden durch teils morastigen Wald entlang eines langgestreckten Sees zur Rasthütte Id Persätern. Die Hütte befand sich auf einer Lichtung an einem kleinen Bach und ist für eine Rasthütte sehr komfortabel ausgestattet. DSC04068Küche mit Herd, eine Stube mit Sitzbänken, zwei Tischen und großem Heizofen. Da die nächste Hütte weitere 12 km entfernt lag und meine Sehnen wieder Probleme machten, entschieden wir heute nicht weiterzugehen und hier zu übernachten.

Den ganzen Tag trafen wir auf keine anderen Wanderer; die Hütte wirkte verlassen. Nachdem nach langem Qualmen der Küchenofen endlich heizte, wärmten wir uns Waschwasser, kochten Abendessen und verbrachten den Abend mit Überlegungen und Kartenstudien.

DSC04073DSC04070Meine Sehnenscheidenentzündungen hatte ich zu lange unterschätzt, wir mussten einsehen, dass der geplante Zeitplan mit unserer Kondition und dem notwendigen Rucksackgewicht nicht einhaltbar schien. Ich kämpfte noch mit dem Gedanken, den Weg nicht komplett zu gehen; vielleicht eine Teilstrecke mit dem Bus zu fahren um wenigstens noch bis in die schönen Gebirgsregionen am Helagsfjäll zu kommen. Grob überschlugen wir die Tageskilometer und noch verfügbaren Wochen. Knapp würde es werden – vielleicht schaffbar, aber zu welchem Preis – kaputte Sehnen? Schließlich wollten wir danach auf der Farm arbeiten… Hin und her gerissen zwischen Ehrgeiz, Stolz und Vernunft schliefen wir auf den Holzbänken ein.

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