Jotunheimen, Trekking
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Jotunheimen

Jeg reiser alene…

 

4 Uhr in der Nacht zum Samstag – ich sitze völlig übermüdet seit mehreren Stunden vor meinem Rechner und drucke nun endlich erleichtert, aber mit einem unangenehmen Gefühl der Unsicherheit meine Buchungsbestätigung. Die Planung der letzten Wochen – über den Haufen geworfen. Wir werden nicht mit dem Auto fahren; wir werden nicht mit der Fähre durch den Oslofjord treiben – wir werden nicht nach Norwegen reisen.

Nein, ich reise nach Norwegen, koste es was es wolle! Schon seit mehreren Jahren hege ich diesen Reisetraum; nun soll er sich erfüllen. Es wird mein zweiter Flug sein und der erste mit Zwischenhalt – über Amsterdam nach Bergen.
Bergen… der Name dieser Stadt löst Gefühle aus, wie auch allein schon „Norwegen“ oder „Jotunheimen“. Mir drückt es die Kehle zu, eine seltsame Ehrfurcht, aber vor allem auch fast tränentreibende Vorfreude erfassen mich. Sorgen mischen sich bei: „Wird mit dem Gepäck alles gutgehen? Wie komme ich überhaupt nach Jotunheimen? Werde ich rechtzeitig wieder zurück in Bergen sein, ohne den Rückflug zu verpassen? Und vor allem, schaffe ich es allein?“

Eine kurze Nacht; ich hatte noch den Samstag Zeit für diverse Neubesorgungen. Die Ausrüstung war noch komplett; vor allem war ich im Besitz des 1kg Ultraleichtzeltes, dessen bisher enges Platzangebot mir nun reichlich Raum bieten sollte. Ich entschied, spontan vom geplanten Gaskocher auf einen Alkoholbrenner umzusteigen und besorgte mir daher noch einen Trangia, für den ich bereits eine Dreifuss-Halterung besaß. Ich rechnete damit, den sogenannten Rødsprit in Norwegen leichter zu bekommen als passende Gaskartuschen. Ein weiteres Argument war auch das Gewicht der Gasflaschen und die Entsorgungsproblematik. Keinen der beiden Brennstoffe durfte ich im Flugzeug mitführen, ja sogar ein Feuerzeug habe ich mir in Norwegen kaufen müssen. Eine neue Müslimischung, Nüsse und einige Essenszutaten mussten wieder her; mit meinem Fahrrad fuhr ich die verschiedenen Märkte an und verbrachte so den Samstag mit einkaufen und packen.

Das „Fallen“ Album von Burzum schallte aus den Lautsprechern und steigerte mich in helle Vorfreude, Reise- und Entdeckungslust. Schon am nächsten Vormittag würde ich an dem Ort sein, wo diese Klänge ihren Ursprung haben – ja, nur dort überhaupt entstehen konnten. „Jeg vil reise“ sagte ich zu mir, und bekam dabei wieder dieses Drücken im Hals, wenn die Emotionen aufsteigen.

 

…til frihet

 

Der Wecker klingelte 2 Uhr am Sonntagmorgen; der 21. Juni – Sommersonnenwende. Ein schönes Datum um nach Skandinavien zu reisen. 4 Uhr plante ich am Flughafen zu sein. Wenigstens wenn man selbst fliegen möchte, ist es angenehm, in der Nähe desselben zu wohnen. Ein kleines Frühstück, letzte Sachen einpacken, ein kurzer Check und dann schulterte ich mit Elan den vollbepackten Rucksack, schloss die Tür und ging hinaus ins kühle Dämmerlicht des frischen Morgens. Ich atmete tief ein und stimmte mein Gemüt auf die Freiheit, die nun mit jedem Schritt ihren Lauf nahm. „Es wird schon alles gutgehen.“ Es war ein wunderbares Gefühl, alles dabei zu haben, was ich in den nächsten zwei Wochen benötigen würde. Nun konnte ich mich treiben lassen, ließ mich ein auf den Lauf der Dinge und vertraute dabei auf eine optimistische Grundeinstellung.
Nach wenigen hundert Metern erschien eine Dreiergruppe offensichtlich betrunkener junger Männer. Eine potenziell gefährliche Situation um diese Uhrzeit. Niemand sonst war auf den Straßen und ich schwer bepackt. „Ein Backpacker!“, rief der eine erstaunt. „Ok“ – nun galt es klug zu reagieren, das Rudel nicht unnötig zu provozieren, obwohl sie mir innerlich absolut gegen den Strich gingen und ich sie als Bedrohung oder wenigstens Hindernis betrachtete. Ich beschloss, ein wenig auf sie einzugehen um Konflikte zu vermeiden. Erzählte, wohin ich gehen werde und bemühte mich dabei um ein freundliches, aber besonders selbstsicheres Auftreten um nicht in eine Opferrolle zu geraten. Es wirkte; sie schienen beeindruckt von meinem Reisevorhaben, konnten mit Norwegen zwar nur schöne, blonde Frauen verbinden – aber immerhin, ich wurde nicht angepöbelt oder ausgeraubt. Vielleicht bin ich zu menschenscheu, aber ich fühle mich in jedem dunklen Wald allein bei Nacht sicherer, als unter fremden Menschen in einer Stadt. Immerhin eine gute Voraussetzung für das Trekking.

Die Flughafenangestellten nahmen ihren Job sehr ernst. Ich musste meinen Rucksack als Sperrgepäck aufgeben und öffnen – um den Sicherheitsmann vom unbefüllten Zustand meines Trangia-Brenners zu überzeugen – er roch daran; meine Wanderstiefel ausziehen (roch niemand daran) und kontrollieren lassen. Zu guter Letzt wurde ich in einen abgesonderten Raum begleitet, wo man meine aufgerollte Isomatte vermutlich einem Drogentest unterzog. Ich verstand nicht worum es ging, aber man sagte mir, es sei alles in Ordnung. Nachher, im Wartebereich des Gates, ließ mich jede Durchsage in der Befürchtung, man habe noch irgendetwas Verdächtiges in meinem Gepäck gefunden, aufhorchen. Dem war glücklicherweise nicht so und ich durfte das Flugzeug der „Royal Dutch Airline“ nach Amsterdam betreten. Die Crew, zwei Afrikaner – ein Mann und eine Frau – strahlten bis über die Ohren um mich an Bord willkommen zu heißen. Ich war skeptisch: Innen war es enger als ich es vom letzten Flug in Erinnerung hatte, was aber angesichts der Unterbesetzung dann doch nicht so unangenehm auffiel. Ursprünglich wollte ich nicht fliegen. Diese Form des hilflosen Ausgeliefertseins in lebensfeindlichen Sphären; dieses zwingende, unbedingte Vertrauen in die hochkomplexe Technik und nicht zuletzt in die Person am Steuer – die eben Mensch ist, mit allem, was dies an individuellen Fähigkeiten und Fehlern bedeutet – ist mir unangenehm. Ich wechselte in eine schicksalszentrierte Sichtweise und nahm gelassen hin, was auch kommen sollte. Ich übergab meine Sorgen dem Fluss der Dinge und ließ geschehen. So wollte ich überhaupt an die bevorstehenden zwei Wochen und kommenden Eindrücke herangehen. Während der Blechvogel gemächlich zur Startbahn rollte und die weiterhin glücklich strahlenden Exoten ihre gut einstudierten Sicherheitshinweise aufführten, freute ich mich gespannt wie ein kleiner Junge auf den Moment des Triebwerkvorschubs. In meiner Vorstellung sah ich den Piloten im Cockpit konzentriert einen großen Hebel nach vorne schieben, der die gewaltige Kraft der Turbinen freisetzen und dieses tonnenschwere Stahlgetüm samt seiner lebendigen Fracht zu den erhofften Zielen katapultieren würde. Und mich in die Freiheit! Es schien mir fast unheimlich, wieviel PS, wieviel hundert Liter Kraftstoff – was für eine gewaltige, geballte Kraft freigesetzt werden muss um mich endlich aus dem Alltag herauszuschießen und loszureissen. Jetzt!

Nur wenige Augenblicke später erblickte ich aus dem Fenster die Schwäbische Alb in Vogelperspektive und noch einen Moment danach durchpflügte unser Luftschiff die wattegleiche Wolkenschicht um bald darauf von strahlender Sonne der blauen Himmelswelt empfangen zu werden. Monoton brummten die Triebwerke und versetzten die Passagiere in einen Dämmerzustand. Das leichte Vibrieren und dahinfahren – ja, man nimmt es kaum als fliegen war – tat das Übrige.

Nieselregen in Amsterdam; ich hatte fast 2 Stunden Umsteigezeit. Am liebsten wäre mir natürlich ein Direktflug gewesen; wieder dachte ich an meinen Rucksack, der nun hoffentlich in die richtige Maschine verladen wurde. Ein Schild mit der Aufschrift „Baggage Transfer“ ließ mich grübeln, ob Handlungsbedarf bestand oder tatsächlich alles automatisiert ablief. Ich fragte nach und wurde freundlich informiert, dass ich mich um nichts zu kümmern brauche. Beruhigt schlenderte ich durch die Hallen und Gänge, sah mir die Angebote der zahlreichen kleinen Shops an und ließ mich zum Zeitvertreib mit dem Förderband von einem Ende zum Anderem transportieren. Kein Stress, keine Aufregung, nur Abwarten, Sitzen und die Zeit bis zur Ankunft in Bergen vergehen lassen. Wie bequem, wie schnell Flugreisen doch sind; die nervigen Sicherheitskontrollen mal außen vor gelassen. Ich war froh darüber, kein Zugticket nach Oslo gebucht zu haben; auch wenn mir diese Reisemöglichkeit anfangs vertrauter und sicherer schien.

Der Flug über die Nordsee war unspektakulär, von kleinen Turbulenzen abgesehen. Ab und an gab die Wolkendecke einen lückenhaften Blick auf die dunkelblaue Tiefe frei; schöner waren da die gleißenden Sonnenstrahlen, die durch die kleinen Fenster in die Kabine fluteten. Der Schlafmangel vergangener Nacht ließ mich bald ins Zeitlose fallen. Als ich wieder erwachte, vernahm ich von den Plätzen vor und hinter mir Kamerageräusche diverser Telefone. Ein Blick aus dem Fenster – ich hatte glücklicherweise einen Platz an selbigem – offenbarte mir den guten Grund: Wir überflogen soeben bei absolut klarer Sicht die Schärenküste Südnorwegens. Ich war ergriffen und konnte kaum begreifen, tatsächlich in solch kurzer Zeit so weit gereist zu sein.

Nur wenige Zeit später erschien glitzernd am Horizont eine undefinierbare weiße Fläche. Zuerst dachte ich an eine riesige Stadt; wissend, dass dies nicht wahr sein konnte. Erst beim Überflug tat sich die ganze Pracht einer schneebedeckten Gebirgswelt auf, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Fjordähnliche Seen ließen sich ausmachen, Täler – und darüber vereinzelte, weiße Wölkchen. Was für ein Bild! Ich griff in meinen Stoffbeutel im Fußraum und zog die Kamera heraus. Der Blick durch den Sucher lässt mich für solche Momente alles um mich herum vergessen; ein Gefühl von Zeitlosigkeit – als ob nur mein Geist allein über dieser Landschaft schweben würde. Die Fahrt ging dann in den Sinkflug über; der Pilot kündigte die baldige Ankunft in Bergen an. Wie Darmzotten in der Vergrößerung – nur schöner – tat sich die Küstenlandschaft auf. Bald ließen sich kleine Hütten am Wasser erkennen, die Sicht war noch immer gut genug für einige letzte Aufnahmen vor dem Landeanflug.

 

i Bergen

 

Gespannt und leicht nervös lief ich vor den Transportbändern der Gepäckausgabe auf und ab. Nun sollte sich zeigen, ob wirklich alles gut gegangen war. Und da, endlich – mein roter Rucksack sprang aus der Luke aufs Band; auch das Zelt war noch dran. Ich war erleichtert. Ein Automat wechselte mir Euroscheine in Norwegische Kronen und mit dem „Flybussen“ ging es nun Richtung Stadtzentrum zur „Jernbanestasjon“ – dem Bahnhof in Bergen. Die Sprache begeisterte mich von Anbeginn; selbst alltägliche Dinge bekamen einen großartigen Klang, irgendwie etwas Besonderes anhaftend. Ich möchte an dieser Stelle sogar behaupten, dass es der europäischen Seele entspricht, von Großem, von Bedeutsamen und Gewaltigem instinktiv fasziniert zu sein und diese Kräfte herauszufordern.

Wie ich jetzt weiß, war ich falsch informiert, in der Annahme, eine Busfahrt von Bergen nach Jotunheimen würde länger dauern, als mit dem Zug über Oslo zu fahren. Ich hätte viel Geld sparen können, aber Ärger und Vorwürfe sind zwecklos – es kam eben alles anders als gedacht und mir blieb kaum Zeit für intensive Neuplanung. Mit dieser Entschuldigung konnte ich für mich selbst gut leben und ging zielstrebig zum Fahrkartenschalter, mit der Bitte um ein Ticket nach Otta, dem nächstgelegene Bahnhof in der Nähe von Jotunheimen. Wenigstens diese Info hatte ich bereits.
Der Fahrkartenverkäufer wies mich noch freundlicherweise auf die Busreisemöglichkeit hin; das war mir in dem Moment aber zu kompliziert. Ich verstand schon daheim am Rechner die Fahrpläne nicht so ganz, und hier vor Ort in Norwegen schien es mir zu schwierig. Vielleicht war ich durch den unkomplizierten Flug auch einfach nur bequem geworden aber ich wollte ohne großen Zeitverlust ins Gebirge. Auf der berühmten Strecke über die Hardangervidda, dem weißen Gebirge, welches ich aus der Luft kannte, sollte es zunächst nach Oslo gehen. Leider war nur noch der Nachtzug frei, sodass ich von der grandiosen Landschaft nicht viel sehen würde. Ich buchte trotzdem und hatte nun noch den ganzen Tag bis in den späten Abend Zeit, Bergen zu entdecken.

Neugierig und offen für Neues trabte ich, nun wieder mit schwerem Gepäck, bei bestem Sommerwetter durch die Gassen und Straßen; sah mir Schaufenster an, beobachtete die Menschen und nahm begierig all die frischen Eindrücke in mich auf. Ich fühlte mich wunderbar frei, denn alles Weitere war geregelt. Der Fischmarkt fand statt und zahlreiche Verkaufsstände lockten mit maritimen Delikatessen; unter anderem auch Stockfisch oder noch lebenden Riesenkrabben in Schauaquarien. Die Preise waren enorm; ich genehmigte mir dennoch eine Mahlzeit. Die Bedienung sah norwegisch aus, das Essen hingegen eher nicht – paniertes Filet, von welchem Fisch weiß ich nicht, dazu Pommes und Salat. Nicht wirklich lecker, machte aber ziemlich satt. Gierig kreisten die Möwen über den Gästen, um in jedem noch so kurzem Moment der Unachtsamkeit nach Futter zu haschen.

Unweit des Fischmarktes befindet sich das Weltkulturerbe „Bryggen“, der ehemalige Handelskontor der Hanse mit seinen wunderschönen, farbigen Holzhäusern und der interessanten Architektur. Zahlreiche Handwerks,- und Souvenirgeschäfte sowie Museen haben heute darin Platz; Führungen – auch auf deutsch – bringen dem Touristen die Geschichte Bergens näher. Segelschiffe und kleine Rundfahrtsboote fuhren im Hafen ein und aus; frischer Meeresgeruch lag in der Luft. Unzählige Touristen bevölkern diesen Teil der Stadt – vor allem Deutsche auf Kreuzfahrt (Hurtigruten). Im Park der Festung Bergenhus, direkt vor den ankernden Kreuzfahrtschiffen, nahm ich für eine Weile Platz um mich vom schweren Rucksack zu entlasten und die Sonne zu genießen. Ich hatte noch so viel Zeit; es gab noch viel zu sehen – aber das Gepäck lastete enorm und schränkte meine Beweglichkeit doch unangenehm ein. Vielleicht hätte ich den Rucksack am Bahnhof in einem der Sicherheitsschränke einschließen sollen; die Idee kam mir leider erst hinterher.

Die Fantoft-Stabkirche wollte ich noch gern besuchen, fand sie aber nicht auf dem Stadtplan, der zum Mitnehmen an einem Geschäft auslag. Ich fragte ein Paar deutsche Touristen – es kam zu einem kurzen Gespräch über die Reiseziele – aber auch sie wussten nicht, wo sich die hölzerne Kirche befindet. Ich schob die Suche gedanklich etwas nach hinten; der Tag würde noch lang genug sein, es herauszufinden. Dann kam mir plötzlich eine andere Idee: Die Grieghallen! Zugegeben, ich war mir zunächst unsicher, ob sie sich in Bergen oder Oslo befindet – nach kurzer Suche im Stadtplan hatte ich die Antwort: unweit des Bahnhofs in Bergen steht diese bedeutende Konzerthalle, in dessen „Lydstudio“ zahlreiche klassische Black Metal Alben der damaligen norwegischen Szene aufgenommen wurden.

Bis auf unten genannte, ist für mich keine dieser Gruppen von Bedeutung; aber dennoch. Der Tontechniker Eirik Hundvin, besser bekannt als „Pytten“ arbeitete mit den bekannten Bands zusammen; so auch mit Varg Vikernes Ein-Mann-Projekt „Burzum“. Diesen Ort wollte ich wenigstens von außen besuchen. Da sein, wo die magischen, vielschichtigen und teils transzendenten Klänge des Künstlers festgehalten wurden (man suche einmal nach „Hvis lyset tar oss“ oder „Filosofem“ in einem bekannten Videoportal). Bereits seit nunmehr zehn Jahren höre ich diese Musik und kann mich bis heute immer wieder in ihr verlieren. Sie ist auch der Anstoß für mein Interesse in die norwegische Landschaft gewesen. Ich sage bewusst nicht „Norwegen“, denn von der heutigen Gesellschaft und Kultur ist diese Musik weit, weit entfernt. Es sind Klänge wie Zeitfenster in eine andere Epoche, einen anderen Zeitgeist.

 

Morgenrøde

Første vårens søndagsmorgen
kan vi igjen se den skare.
Er endelig slutt på sorgen,
over åker løper hare.

På det høyeste fjell i øst
kan du se solen den røde.
Du kan se, og nyte den trøst,
fra varden se jorden føde.

Solen har fått sin kraft tilbake.
Eikeånden er født påny.
Solen har fått sin makt tilbake.
Sommeren har kommet.

-Burzum, Quelle: www.burzum.org

Eine Tourismusbroschüre verriet mir den Weg zur Fantoft Stabkirche. Sie ist nach dem gleichnamigen Stadtteil von Bergen benannt, welcher vom Hauptbahnhof mittels Straßenbahn innerhalb 15-20 Minuten erreicht werden kann. Von der Haltestelle führt ein ausgeschilderter Weg wenige hundert Meter auf eine Anhöhe im Wald. Dort befindet sich das 1992 niedergebrannte und wieder errichtete christliche Gotteshaus. Ursprünglich wurde die Kirche im frühen 13. Jahrhundert andernorts in Fortun erbaut; 1883 demontiert und – respektlos – auf eine heidnische Kulturstätte nach Fantoft versetzt.

 

veien til Jotunheimen

 

Gegen halb Elf abends – es war noch immer hell – stieg ich in den Nachtzug der Bergensbanen nach Oslo; hoffend, wenigstens in den frühen Morgenstunden noch etwas von der Landschaft sehen zu können. Außerdem wünschte ich mir einen halbwegs erholsamen Schlaf, soweit dies in einem normalen Sitz möglich sein würde. Die Fahrt sollte acht Stunden dauern; dafür lagen am reservierten Platz eine in Plastikfolie eingeschweisste Fleecedecke und Augenmaske samt Ohrenstöpsel für eine warme, geruhsame Nacht bereit. Durch die einsetzende Dämmerung schlängelte sich der Zug durch Täler allmählich hinauf bis auf 1237m zur größten Hochebene Europas, der Hardangervidda. Nach einigen Stunden mit etlichen Schlaf/Wachphasen konnte ich kaum mehr sitzen, nickte aber dennoch immer wieder ein. Mein Platznachbar hingegen schlief die ganze Fahrt ruhig durch. Die Nachtfahrt war eine Notlösung; zu empfehlen ist sie mit Sicherheit nicht. Die Bergensbanen sollte man unbedingt bei Tag erleben. Aber ich hatte ja noch eine Rückreise vor mir…

Am Morgen in Oslo informierte ich mich zuerst einmal über die Abfahrt des nächsten Zuges nach Otta und hatte dann noch zwei Stunden Zeit. Die wollte ich nutzen, um mir den Rødsprit für meinen Kocher zu besorgen. Leider hatte noch kaum ein Geschäft geöffnet, abgesehen von kleinen Snackläden und der Apotheke im Bahnhof. Ich fragte die Apothekerin und nachdem ich endlich vermittelt hatte was ich wollte, gab es nur ein „Tut mir leid, soetwas führen wir nicht“. Ich bedankte mich trotzdem und zog weiter: zwei nette Schweden mit ähnlich großen Rucksäcken wie ich – gerade mit dem Fernbus aus Göteborg angereist – meinten, ich solle es in der Stadt probieren. Gut, das wäre ohnehin mein nächster Versuch gewesen; also verließ ich den Bahnhof um eine Tankstelle zu suchen; wurde aber im näheren Umkreis nicht fündig. Ich kannte mich kein Stück aus; hatte keine Karte und konnte auch kein Smartphone zu Rate ziehen. Die Öffnungszeit eines Sportgeschäftes war mir zu spät. Ich wollte nicht erst nachmittags abfahren. So hoffte ich, den Brennstoff in Otta oder Gjendesheim, meinem letztendlichen Ziel, kaufen zu können.

Am Gleis sammelten sich allmählich die Reisenden für den Zug Richtung Trondheim. Auch eine Gruppe kleiner Pfadfinder; Kinder zwischen geschätzt 7 und 12 Jahren, kamen hinzu. Ich staunte nicht schlecht, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre verhältnismäßig großen Rucksäcke trugen. Sie waren, entsprechend ihrem Alter, genauso schwer bepackt wie ich. Ohne Reservierung – der Zug war bereits ausgebucht – wurde die Isomatte im Gang bald zu meinem Sitzplatz. Die Fahrt zog sich ewig hin, obwohl sie nur etwa drei Stunden dauerte. Mir war regelrecht langweilig und ich sehnte mir die Ankunft in Jotunheimen herbei – endlich anfangen zu können; nicht immer bloß sitzen und warten. Die Betreuerin der Pfadfindergruppe, eine kleine Frau im fortgeschrittenen Alter, trommelte ihre Schützlinge zusammen, die sich die Fahrt über auf mehrere Abteile verstreut hatten. Sie zeigte dabei keine Anzeichen von Überforderung oder Entnervung, obwohl es mit Sicherheit keine leichte Aufgabe war, diesen Haufen unter Kontrolle zu halten. Von Otta nach Gjendesheim gab es eine Busverbindung, das wusste ich. Wann diese stattfinden sollte, war mir bei der Ankunft noch nicht klar. Ziemlich sicher war das Ziel der Pfadfinder ebenfalls Jotunheimen; ich fragte einfach mal nach – und bekam Recht. Ich solle mal die Busfahrer fragen; falls keiner fahren sollte, könne ich eventuell auch mit ihnen im Kleinbus mitfahren – den sie bestellt hatten. Aber das war gar nicht nötig; wenige Minuten später saß ich nämlich schon gut informiert, mit einer Fahrplanbroschüre in der Hand, im Bus nach Vågåmo. Einmal umsteigen, dann nach Gjendesheim. Insgesamt also noch knapp ein-einhalb Stunden Busfahren…

 

Die Landschaft nahm mehr und mehr gebirgige Züge an; es war sehr warm, die Wiesen frisch und grün; kleine Bauernhöfe lagen entlang der Straße. Und in der Ferne schon schneebedeckte Berge! Diese Idylle verzückte mich; man hätte durchaus auch schon hier starten können, so schön war es. In Vågåmo gab es tatsächlich ein kleines Sportgeschäft; meine Umsteigezeit war allerdings zu kurz, um hineinzugehen. Eine Haltestelle später hielt der neue Bus direkt an einer Tankstelle; ich ärgerte mich, nicht hier umgestiegen zu sein – der Rødsprit wäre gesichert gewesen. Nun blieb mir nur, auf Gjendesheim zu hoffen. Ein junger Mann, der ebenfalls mitfuhr um in selbigem Ort im Touristenkiosk zu arbeiten, verriet mir schon, dass der Brennstoff in seinem Laden nicht zu haben sei. Der Campingplatz Maurwangen, zwei Kilometer entfernt, hätte sicher welchem im Verkauf; oder vielleicht gar das Wanderheim des DNT? So langsam machte ich mir Sorgen; was wäre, wenn es keine Möglichkeit gäbe? Zurückfahren? Zur nächsten Tankstelle trampen? Auch da schaltete ich auf Optimismus und genoß erstmal weiterhin die vorbeiziehende Landschaft auf dem Weg zum See Gjende.

„We only have gas“, antwortete die freundliche Dame an der Rezeption des DNT Wanderheims in Gjendesheim. Und tatsächlich, der kleine Shop bot Gaskartuschen für Campingkocher an; das hätte ich nicht erwartet. Ich solle es doch beim Campingplatz in Maurwangen versuchen, die hätten ein größeres Angebot. Ok – meine letzte Chance. Nach zwei Kilometern Straße erreichte ich denselben und betrat den tatsächlich gut sortierten Laden. Von Trekkingnahrung über Kleidung und Campingausrüstung bis hin zu: Gaskochern und Gaskartuschen. Rødsprit? Fehlanzeige. Wieder fragte ich nach, wieder wurde ich enttäuscht. Ich fand zwar eine Flasche mit einem brennbarem, flüssigen Inhalt; dieser sei aber nicht für Kocher geeignet; so die Auskunft der älteren Dame. Die norwegischen Aufschriften konnte ich nicht selbst lesen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, sie verstand nicht – oder ich konnte mich nicht klar ausdrücken – welcher Bauart mein Kocher war. Daher fragte ich einen der Gäste vorm Café und zeigte ihm gleich dazu meinen Trangia; mit der Bitte, sich den fraglichen Brennstoff im Laden doch einmal anzusehen. Hilfsbereit und freundlich nahm er sich meinem Anliegen an und ging mit mir hinein ins Geschäft. Als er die besagte Flasche sah, war seine Antwort unmissverständlich: „No! … No! Not! this!”. Es war anscheinend Grillbeschleuniger; damit hätte ich wohl ein Inferno im Trangia samt Umfeld und mir verursachen können – also gut, dann eben nicht. Er hätte normalerweise immer etwas Rødsprit im Gepäck, nur dieses Mal nicht, weil es nur ein Wochenendtrip sein sollte. Es tat ihm sichtlich leid; für die Tour die ich vorhatte, würde ich den Brennstoff dringend brauchen, meinte er.

Der Himmel bedeckte sich, es wurde grau und begann zu nieseln. In Regenhose, Jacke und mit aufgezogener Schutzhülle über dem Rucksack trabte ich, noch immer mit dem Trangia in der Hand, über den gut besetzten, aber derzeit menschenleeren Zeltplatz. Meine letzte Möglichkeit hier an Brennstoff zu kommen war, direkt danach zu fragen. Eventuell hatte ja einer der Wohnwagenbesitzer etwas zum Verkauf übrig oder vielleicht konnte mich jemand in die nächste Stadt mitnehmen. So langsam verließ mich der Mut und die Lust Menschen anzusprechen; zu bitten und zu fragen. Ein Gefühl von Allein- und Verlorensein machte sich in mir breit. Aber es half nichts und ich versuchte es daher bei einem älteren Herr, der mit seinen kleinen Enkeln gerade vom Fluss, der Sjoa, hinaufkam. Dann sprach ich einen Mann im Wohnmobil an; er hätte mir sogar seinen Kocher ausgeliehen – in der Annahme, ich würde auf dem Campingplatz bleiben. Aber Rødsprit hatte auch er nicht. Sonst war niemand da.

Ein Fahrzeug nach dem Anderem rauschte an mir vorbei. Ich sah ihnen nach und senkte meine Hand. Der Himmel noch immer grau, der Asphalt feucht und tiefschwarz. Manchmal nahm ich direkt Blickkontakt auf und erntete nur eine mitleidige Mimik; als sei ich jemand, der in eine schiefe Situation geraten ist, aber wohl selbst Schuld sei. Und irgendwie war dem auch so; dennoch hoffte ich weiterhin auf Hilfsbereitschaft. Ganz gleich ob Wohnmobil mit älterem Ehepaar, Handwerkertransporter oder Familienauto – niemand hielt an; manche schienen sogar noch zu beschleunigen um dieser unangenehmen Situation zu entrinnen. Denn das war mir bewusst, dass ich Auslöser für eine Unannehmlichkeit, einen inneren Konflikt war. Jedenfalls für die meißten – bis auf Einen:

Er stellte sich als der Besitzer der „Turisthytte Memurubu“ vor – ich glaube mich zu erinnern, sein Name war Egil, aber soetwas konnte ich mir noch nie gut merken. Die Wanderstiefel bat er mich auszuziehen, dann nahm ich auf der Rückbank Platz. Seine kleinen Kinder saßen ebenfalls im Auto und wirkten nicht sonderlich überrascht, nun einen weiteren Mitfahrer bei sich zu haben. Als im Laufe des Gesprächs nach nur wenigen hundert Metern klar wurde, dass ich tatsächlich nur den Rødsprit und sonst nichts benötigte; bot mir – ich nenne ihn einfach weiterhin Egil – eine andere Art der Mitfahrt an. Diesen Abend würde er nach Gjendesheim zurückkehren und könne mich in seinem Motorboot über den See nach Memurubu mitnehmen. Im Wanderheim habe er Rødsprit, den könne ich kaufen. Das klang großartig und ich sagte zu; wir tauschten die Handynummern und verabschiedeten uns vorerst. Somit blieb mir erspart, eine Stunde ins 60 Kilometer entfernte Vågåmo zu reisen und mit dem Bus wieder zurückfahren zu müssen. Mit einem der zwei Busse am Tag, wohlgemerkt. Eine Mitfahrgelegenheit würde ich nicht finden, sagte Egil. „Niemand hier nimmt Anhalter mit.“

Auf dem Fußweg von Maurwangen zurück nach Gjendesheim fragte ich mich dann doch, warum ich mir mein Leben oft derart kompliziert gestalte. Ich könnte es so einfach haben, immer aber wähle ich die Umwege. Andererseits erschließen sich mir auf diese Weise eben auch verborgene Dinge und Möglichkeiten, wie diese: fern von den Touristen mit einem Privatboot über den Gjende zu fahren, während all jene, die es einfach mögen, am nächsten Morgen Schlange stehen und eben das tun, was alle tun.

Zwischen 22 und 23 Uhr wollte sich Egil melden; so war mal wieder viel Zeit zu überbrücken. Ich informierte mich, wieviel die Überfahrt mit dem regulären Schiff kostete, um später einen angemessenen Preis für das private Motorboot zu zahlen. Rentiere grasten in den oberen Hanglagen. Mein kleines Feuer gegen Abend, am Ufer des grün-blauen Gjende, sollte für diesen Tag den Trangia ersetzen. Es funktionierte gut, meine erste Trekkingmahlzeit für diese Tour brodelte bald im Topf. Der Anruf hingegen ließ auf sich warten – geduldig positionierte ich mich am vereinbarten Treffpunkt und schaute immer wieder auf das Handy. Dennoch zweifelte ich nicht, dass er noch kommen würde. Kurz vor Elf – es wurde bereits dunkel – fuhr schließlich ein bekanntes Auto auf den Parkplatz vorm Kiosk. Egil stieg aus und rief mir zu: „I couldn’t call you!“. Irgendwas muss mit der Nummer nicht gestimmt haben – aber es hatte ja trotzdem geklappt. Mir tat natürlich unangenehm leid, dass er wohl mehrmals versucht hatte, mich zu erreichen. Noch ging es nicht los; mein Kapitän hatte noch wichtige Dinge zum bevorstehenden Saisonstart mit dem Besitzer der Gjendeboote und des Kiosks zu besprechen, sodass ich weitere zwanzig Minuten Geduld haben musste. Zwischenzeitlich kam mir schon der Gedanke, das ich das Angebot auch hätte abschlagen, wie viele andere in Gjendesheim am See zelten und den darauffolgenden Morgen mit dem regulärem Schiff nach Memurubu zur Turisthytte hätte fahren können. Vielleicht war sein Angebot eine einfache Gelegenheit etwas nebenbei privat zu verdienen – ich weiß es nicht und es spielt eigentlich auch keine Rolle.

Gemeinsam luden wir die Fracht in Form von mehreren, schweren Kartoffelsäcken in das kleine, weiße Motorboot. Wir unterhielten uns nebenbei ein wenig; mit Stuttgart verband er sofort den Hersteller seines Autos: Mercedes. Egil fragte mich, ob meine Kleidung warm genug sei, während er in seinen wasserdichten Anzug schlüpfte. Es würde sehr kalt werden. Mein Rucksack fand zwischen den Kartoffelsäcken Platz und dann ging es endlich los. „Are you ready for full-speed?“, grinste er und beschleunigte den Außenborder, den er im festen Griff hielt. So fuhr ich im Dämmerlicht mit dem Besitzer der Memurubu Turisthytte und einem Dutzend Kartoffelsäcke über den langgestreckten Gjendesee. Der Fahrtwind blies eiskalt; meine Kapuze hatte ich tief ins Gesicht und die Hände in die Ärmel gezogen. Eine Viertelstunde lang dröhnte das laute Knattern des Motors; steil aufragende, schroffe Felswände mit Schneekronen schälten sich aus der Dunkelheit. Mir wurde bewusst, welch einmaliges Erlebnis gerade stattfand.
In Memurubu wartete bereits ein Kollege mit dem Traktor am Ufer, um die Kartoffeln auszuladen. Ich half noch dabei und errichtete mein Zelt dann auf der nahegelegenen Campingwiese. Bezahlung und Rødsprit sollte bis nächsten Morgen Zeit haben, so Egil.
Hinter dem Zeltplatz rauschte und dröhnte ein Gebirgsfluss derart, dass sich eine angeschlossene Turbine zur Stromerzeugung vermuten ließ. So stopfte ich mir die Ohrenstöpsel aus der Bergensbanen in die Lauscher um seit Tagen mal wieder geruhsamen Schlaf zu finden. Und den bekam ich auch.

 

Besseggen

 

Am Morgen zeigte sich im Sonnenlicht die ganze Pracht der Landschaft: Eingebettet im Auslauf des Memurudalen, befindet sich dieser Ort, der eigentlich nur aus der Turisthytte besteht, ziemlich genau in der Hälfte des Gjendesees. Der Hausberg „Sjugurdtinden“ (wieder so ein Kraftname!), sah reizvoll aus. Hinter ihm lag noch alles im kalten Griff des Winters; Schneefelder bedeckten Norden wie Westen, während man hier unten im T-Shirt bereits schwitzen konnte. Das erste Gjendebåten legte am Kai an und entlud die motivierten Wanderer, die sich mit Sicherheit alle den Besseggen Grat vorgenommen hatten. Der sollte auch mein Ziel sein. Zunächst ging ich aber in die Wirtschaft, um zu bezahlen und den langersehnten Brennstoff zu kaufen. Der Wart riet mir von ganz West-Jotunheimen ab – selbst Utladalen; es sei unpassierbar ohne Schneeschuhe. Bis zu 2 Metern türmte sich noch die weiße Pracht. Ich solle mir doch den Osten ansehen; bis Glitterheim, am Fuße des zweithöchsten Bergs Norwegens, wäre vielleicht auch noch möglich. Damit war klar, dass der geplante Rundweg, für den ich extra zwei Karten bestellt hatte, nicht machbar sein würde. Ich nahm’s gelassen.

Meine Sehnen an den Füßen schmerzten bereits jetzt; selbst beim Gehen ohne Rucksack. Auch auf dem ebenen Gelände des Zeltplatzes humpelte ich fast. Die letzte große Tour war zwei Jahre her und in der Zwischenzeit hatte ich unter der Woche in einem Vollzeitjob fast ausschließlich am Rechner gearbeitet. Abgesehen von einigen Tageswandertouren und meinen täglichen 12 Kilometer Radfahren hatte ich keinerlei Training. Langsam wollte ich es angehen, ausreichend Pausen machen, nichts überstürzen und genau auf die Signale des Körpers achten. Mich drängte nichts, ich musste innerhalb dieser zwei Wochen zu keiner Zeit an einem bestimmten Ort sein und es bestand keine Notwendigkeit etwas nachkaufen zu müssen. Der Nase nach Treiben lassen war die Devise. Schauen was kommt. Genießen und Entdecken. So motiviert schritten die schweren Lederbergstiefel hinauf; ein Fuß nach dem Anderen stampfte dumpf in den aufwirbelnden Staub. Das Himmelsfeuer brannte erbarmungslos; es bestand hohe Sonnenbrandgefahr, das war mir klar. Leider war keine Schutzcreme in meinem Gepäck; die hatte ich vergessen.

Frisches Gebirgswasser plätscherte den Hang hinab, alle paar hundert Meter bestand die Möglichkeit zu trinken, sodass kein Wasser mitgeführt werden musste. Auch das bedeutet höchste Freiheit: einfach die Trinkflasche in den Strom zu halten und das kühle Nass genießen. Es schmeckte so lebendig, so frisch und fließt einfach von allein und kostet kein Geld. Gegen die Sonne rieb ich mir die Arme zeitweise mit Schlamm ein, was das Schlimmste vorerst verhindern sollte. Es war viel zu heiß, um Langärmliges anzuziehen.

Auf einer ersten Anhöhe befand sich ein imposant freistehender Felsen direkt vor dem eindrucksvollen Panorama im Westen Jotunheimens. Unten glitzerte der See in wunderschönem Tiefblau. Wieder überkam mich ein Gefühl beinahe überwältigendem Glücklichseins und Entdeckungslust. Hier bin ich frei, hier lebe ich wirklich!

Nach einer Verschnaufpause und ein paar Handvoll energiereichem Nuss-Mix ging es weiter Richtung Besseggen-Grat. Ihn noch heute zu begehen, schien mehr und mehr unrealistisch; war ich doch erst gegen Mittag aufgebrochen. Und selbst nach dem Grat war der Weg bis in tiefere Ebenen oder gar zurück nach Gjendesheim noch weit. So setzte ich mir bald als Ziel, am berühmten Auslauf des Bessvatnet zu nächtigen; an der Stelle wo die beiden Seen in einem Höhenunterschied von 400 Metern aus der Luft gesehen fast aufeinandertreffen. Wenige Wanderer kamen mir entgegen, manche fragten, wie weit es noch bis Memurubu sei. Einer hüpfte fast über die Geröllfelder, mit nichts als einem Beutel in der Hand. Andere hatten schwere Rucksäcke auf; wie die Gruppe junger Engländer, die meiner Art des Wanderns scheinbar Respekt entgegenbrachten, so allein und ohne Hüttenübernachtung. Und doch war mir klar, dass jeder von Ihnen mehr tragen konnte als ich; ja, mehr leisten könne. Aber es ist auch alles eine Frage des Willens und der Einstellung. Ich messe mich mit niemandem; nur die eigenen Leistungen zählen.

Der Wanderweg ist wirklich empfehlenswert; einen schöneren Start in die Tour hätte ich mir kaum wünschen können. Es gab nur wenige kleine Schneefelder zu überqueren und der einzige größere Fluss konnte trockenen Fußes über zahlreiche Steine überwunden werden. Eindrucksvoll auch der Blick gen Süden zur Senke des Øvre Leirungen und der Erhebung des Knutshøe direkt gegenüber des Besseggen auf der anderen Seite des Sees. Leider führte laut meiner Karte kein ausgeschilderter Wanderweg dahin; nur ein Pfad. Und unmarkierte Pfade können tückisch sein, das sollte ich bald wieder feststellen.
Allmählich spürte ich die Erschöpfung, als der Bessvatnet fast vor mir lag. Ein letztes Schneefeld, ein steile Steigung hinab und mein Weg für heute sollte beendet sein. Ein Täfelchen dunkle Schokolade gab noch einmal Energie; ich studierte die Karte. Nein, noch heute über den Besseggen wäre wirklich zu viel. Die nachfolgende Hochebene mit Sicherheit unwirtlich und angesichts des schwer kalkulierbaren Wetters im Gebirge sogar gefährlich. Ich registrierte nämlich aufmerksam das Halo; diesen dunstigen Farbenschein, der sich um die Sonne gebildet hatte. Ich fragte noch die Engländer, ob sie etwas über das kommende Wetter wüssten; ob es gut bleiben würde bis in den Abend – angesichts des gleißenden Lichtes und blauen Himmels war die Reaktion eher ein irritiertes Lächeln: „I think so!?“, als ob meine Frage vielleicht nicht ernst gemeint war. Tatsächlich zogen später am Abend bedrohlich wirkende, dunkle Wolken auf und es wurde plötzlich kalt. Zunächst aber suchte ich nach einem geeigneten Platz am Ufer des Sees. Überraschenderweise war dieser noch zugefroren; mir bot sich ein faszinierender Kontrast aus eisblauem Elemente, warmen Farbtönen des sonnengetrockneten Gebirgsgrases und der kargen Geröllblöcke mit ihrem Flechtenbewuchs. Fotografischer Eifer stellte sich ein, noch bevor an Zelt oder Essen zu denken war. Überhaupt war die Kamera eine wichtige Begleiterin; ohne dieses Gerät wäre meine Motivation eine geringere gewesen.

Ein strikter Ablauf sollte ab jetzt während der Tour für Halt und Sicherheit sorgen: immer zuerst das Zelt aufbauen, egal wie hungrig oder erschöpft. Fängt es plötzlich an zu regnen und hat keine Rückzugsmöglichkeit; gibt es Probleme. Das Zelt immer sicher abspannen, auch an windgeschützten Orten und auch wenn das Wetter zunächst freundlich scheint. Man weiß schließlich nie was nachts heranzieht und kann so in Ruhe schlafen; ohne sich Gedanken machen zu müssen. Bei jeder Rast und nach jedem Öffnen des Rucksack prüfte ich, ob alle Reißverschlüsse wirklich geschlossen waren; die Zubehörteile des Zeltes wurden vor dem Einpacken nochmals abgezählt. Alles hatte seinen Platz und wurde dahin zurückgetan, wo es entnommen wurde. In Abständen prüfte ich das Vorhandensein meiner Brusttasche, die ich immer am Körper trug, da sie alle wichtigen Ausweise und Karten sowie das Bargeld enthielt. Jeden Abend würde eine kurze Zusammenfassung ins Notizbuch fließen und um Strom zu sparen sollte man in keinem Fall der starken Verlockung erliegen, die Bilder auf der Kamera anzuschauen. Ich hatte drei Akkus dabei, aber kein Ladegerät. Zusätzlich verzichtete ich auf den Autofokus und schaltete den Monitor generell ab. Im Prinzip fotografierte ich wie Analog und kam damit tatsächlich mit der mitgeführten Ladung in den zwei Wochen gut aus.

Direkt neben dem Zelt gurgelte ein kleiner Bach seine letzten Meter zum See hinab; Felswände schützten diesen Platz vor Nord- und Westwind. Es war eine gute Entscheidung gewesen, das Zelt frühzeitig aufzubauen; von Süd-Osten her zogen die finsteren Wolkenwände auf. Der obere Teil des Besseggen-Grates lag nun in grauem Schleier. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits alles erledigt und konnte mich entspannt in meinen warmen Schlafsack verkriechen. Das Abendessen war gut gewesen; es gab Buchweizen mit Chiasamen, gewürzt mit gemahlenen Sesam und Sonnenblumenkernen, vermischt mit Brokkoli-Tütensuppe. Satt und zufrieden lauschte ich dem Rauschen des Wassers; vom Gjendesee herauf kreischte eine Schar Möwen. Im Gefühl, wieder zu mir selbst gefunden zu haben und meinen eigenen Rythmus zu leben, schlief ich bald ein.

 

Zwei Uhr nachts war es so hell, als sei Morgendämmerung; der Nebel hing tief über dem Bessvatnet. Ein schnelles Foto im schlaftrunkenen Zustand und gleich zurück ins Zelt. Als ich halb acht morgens wieder erwachte, war es noch immer grau und kalt – Unterhose und Handschuhe hatten ihre Berechtigung. Leichter Nieselregen kam hinzu. Hoffend, es würde noch aufklaren, packte ich nach einem warmen Frühstück den Rucksack; zog die Regenhose über und stapfte hinauf zum Grat, der jährlich von über 30.000 Wanderern begangen wird. Dementsprechend entspannt sah ich dem Aufstieg entgegen – selbst mit meinem 19kg-Rucksack.

Anfangs mäßig steil und mit lediglich großen Schritten ohne Klettereinlagen zu überwindende Geröllfelder – wandelte sich der Berg später in eine Wand aus übereinandergeschichteten Felsblöcken, feucht von Regen und Nebel. Die Sicht betrug nur wenige Meter; von der grandiosen Aussicht aus den Wanderführern war nichts zu erkennen. Immerhin wiesen die roten Markierungen des norwegischen Touristenvereins den richtigen Weg. An zwei, drei Stellen wurde mir wirklich mulmig zumute; da ich fürchtete, abzurutschen oder mit dem Rucksack das Gleichgewicht zu verlieren. Es gab keine Tritte oder Haltestangen, nur die von Naturgewalten aufgehäuften Steinquader. Vorsichtig klammerte ich in Zeitlupe um einen solchen; hochkonzentriert prüfte ich die Sicherheit des Trittes. Unter mir führte es ins bodenlose Grau des Nebels. „Bloß nicht wegrutschen und keine Panik…“, sprach ich mir innerlich zu. Es gab kein Zurück; es wäre mir unmöglich gewesen, den Grat bergab zu gehen. Unter diesen Bedingungen stieß ich an eine Grenze und warf mir selbst schon Leichtsinnigkeit vor; mit einem kühlen Kopf kam ich aber durch und erreichte den weniger anspruchsvollen oberen Abschnitt. Jeden Griff, jeden Tritt nahm ich ernst, auch wenn scheinbar nichts passieren konnte. Der Aufstieg und die Konzentration zehrte an den Kräften, ich fühlte mich bald müde und hatte Mühe, weiterhin aufzupassen. Zeit für eine Pause; noch immer in Wolken gehüllt.

 gjennom vinteren

 

Für kurze Momente eröffneten sich hier und da Blickfenster durch den Schleier, eine Aussicht als Belohnung für die Mühe blieb zunächst aus. Mit entgegenkommenden Wanderern ließ sich darüber scherzen; ich war nicht der Einzige, der sich dieses Wetter für die Gratwanderung ausgesucht hatte. Durch immer ausgedehntere Schneefelder schritt ich gemächlich über das „Veslfjellet“ bis zu einer Wegkreuzung. Von da sollte laut Karte ein Weg hinab zum nord-östlichen Ufer des Bessvatnet führen; zum anderen Ende des gefrorenen Sees. Keine Spuren führten durch die blendend weiße Weite. Vorsichtig betrat ich die Schneedecke, aber bereits die ersten Schritte ließen mich bis zu den Knien versinken. Kein Vorankommen möglich, der Kraft- und Nervenaufwand hätte mich ausgezehrt. Also blieb doch nur der Umweg zurück nach Gjendesheim um von da wieder aufzusteigen, so wie die Rundwanderung ursprünglich geplant gewesen war. Warum auch nicht – ich hatte Zeit. Wie aus dem Nichts tauchte ein riesiger aufgeschütteter Steinhaufen aus dem Nebel auf. Dieser markierte wohl den höchsten Punkt der Hochebene – Gelegenheit für ein Selbstportrait.

 

Nach einer weiteren Pause mit toller Aussicht auf die Sjoa, dem verzweigten Abfluss des Gjende, führte der Weg stetig bergab. Mir kamen immernoch Wanderer entgegen, obwohl es bereits Nachmittag war und das letzte Boot in Memurubu zwischen 16-17 Uhr zurück nach Gjendesheim fährt. Eine exponierte Stelle war mit einer Kette versehen, an der man sich halten konnte. Unter normalen Umständen problemlos; kam mir wieder die Angst, wegzurutschen und mein Gewicht samt Rucksack nicht halten zu können. Gedanklich sah ich mich schon mit beiden Händen festklammernd über der Tiefe hängen; ich weiß nicht woher diese Furcht kommt; alles ging gut und von unten betrachtet sah der Abschnitt nur halb so gefährlich aus.

Die Thermo-Unterhose war schon längst wieder im Rucksack verstaut; es wurde sonniger und warm. Generell sollte man mit einem leichten Frösteln starten; nicht zu viel anziehen, um ein Schwitzen und darauffolgendes Abkühlen während der Pausen zu vermeiden. Denn meißtens wird einem unterwegs doch schneller warm als man glaubt. So dachte sich das wohl auch eine weitere Gruppe junger Engländer, gekleidet in kurzen Hosen, T-Shirts und Turnschuhen. Mit nur leichtem, teils auch gar keinem Gepäck, wollten sie so über Schneefelder zum Besseggen bis nach Memurubu. Nahm ich jedenfalls an; einen anderen Weg gab es ja nicht. Ich fasste mir innerlich an den Kopf angesichts dieser Leichtsinnigkeit – vielleicht war ich aber auch nur zu vorsichtig? Sollte das Wetter plötzlich umschlagen, ein Sturm aufziehen – wären sie völlig hilflos und ohne Schutz im Gebirge. Wobei die Bergrettung in Norwegen ja kostenfrei ist… Dafür muss man allerdings erstmal Handyempfang haben.

Obwohl schon recht erschöpft, nahm ich mir vor, die noch verbleibenden drei bis vier Kilometer zum Bessvatnet zu gehen. Östlich in der Ferne leuchtete die Erhebung des „Trollbotthaugen“ in allen Spektralfarben; ein besonderes Naturereignis.

Rentierherden grasten auf den kargen Wiesen; über Wasserfälle und zahlreiche kleine Bäche floss der Winter aus den Höhen. Oben am See wehte ein kalter Wind; ich hielt Ausschau nach einem geschützten Ort für das Zelt. Nicht weit entfernt ergoss sich der See in den Fluss „Bessa“ und rauschte dabei durch regelrechte Schluchten der aufgebrochenen Schneedecke. Um nachzuschauen, ob tatsächlich bereits eine Brücke montiert war, hatte ich keine Motivation – vielleicht wollte ich es an diesem Abend auch einfach nicht mehr wissen.

Es herrschte eine bedrückende Ruhe; der Himmel war wolkenverhangen, die Gegend schien lebensfeindlich und abweisend. Nachdem das Zelt gut abgespannt und mein Hunger gestillt war, erkundete ich meine Umgebung durch den Sucher der Kamera und fand Aspekte der Schönheit in dieser trostlosen Szenerie. Eine Herde Rentiere tauchte auf; das blau schimmernde Eis im See; kontrastreiche Spiegelungen in Pfützen; eigenartige Gewächse – auch hier gab es viel zu entdecken.

Nachts fröstelte mir etwas; es wurde nicht so recht warm im Winterschlafsack; ich schlief aber dennoch ausreichend gut. Der Wind fuhr unten durch die Außenhaut des Zeltes; das hätte sich mit einer Anhäufung von Steinen rundherum der Lücken mindern lassen. Jede Bewegung im Schlafsack ließ kalte Luft durch das winzige Atemloch über mein Gesicht hinein strömen. Verkroch ich mich ganz, wurde die Luft schnell knapp. Also raus in den Tag! Der Wind blies noch eisiger als gestern; der Trangia köchelte vorsichtig im Vorzelt. Beim Abbauen ließ ich zwei Heringe an der windzugewandten Seiten bis zum Schluss im Boden, damit meine Behausung nicht davonwehte. Die Abläufe waren schon jetzt wieder routiniert und zügig erledigt. Es sollte weitergehen – zum nächsten See, dem Russvatnet. Mir war unklar, ob und wie weit der Weg passierbar sein würde. Bis nach Glitterheim glaubte ich aber nicht zu kommen und mir war auch nicht danach, weitere Tage in dieser Kälte zu verbringen. Denn eigentlich war dies mein Sommerurlaub.

tilbake i sommeren

 

Der schmale, aber umso reissendere Strom der Bessa unterbrach schon nach wenigen Metern den Weg Richtung Russvatnet. Tatsächlich war noch keine Brücke montiert worden; überqueren unmöglich. Selbst der seichtere, obere Abfluss des Sees bot keine Möglichkeit, von Stein zu Stein zur anderen Seite zu gelangen. Dieses Eiswasser durchwaten – nicht heute…
So stieg ich, etwas genervt vom Terrain, querfeldein über Feuchtwiesen und Strauchheiden den Hang entlang des Flusses hinab, um nach einer besseren Stelle zu suchen. Viel Hoffnung machte ich mir nicht; die Schneewächten im Flussbett waren hoch und unkalkulierbar; die durfte ich keinesfalls betreten. Auf einem großen Stein ließ sich zwar nah herankommen; überqueren aber auch hier nicht möglich. Zwei Wanderer stiegen auf der anderen Seite von Bessheim kommend auf und schauten zu mir, als befürchteten sie eine bevorstehende Leichtsinnigkeit meinerseits. Diesen offiziellen Wanderweg vom Tal aus zu nehmen, wäre eine Versuch gewesen, doch noch nach Glitterheim zu gelangen – ob aber eine Brücke über den nächsten Fluss am Russvatnet führen würde, war mehr als fraglich. Daher entschied ich, die große, weithin sichtbare Senke des Sikkilsdalen im wärmeren Osten anzusteuern, dort den gleichnamigen See zu umrunden und weiter südlich über Heimdalen zurückzukehren. Leider würde meine Karte nicht den kompletten Teil abdecken.

Ein alter Trampelpfad – kaum sichtbar, wies mir den Weg und führte mich zu einem wunderschönen Aussichtspunkt mit Blick auf mein nächstes Ziel. Gleich nebenan brauste das Wasser der Bessa in eine enge Schlucht hinab. Der perfekte Platz für eine Rast; ganz egal, ob ich schon weit gekommen war oder nicht. Ich kochte mir eine Müslimahlzeit auf – was bei Wind und kaltem Wasser etwas dauerte – und genoss die Aussicht. Alles was da unten in der Ferne lag, stand mir offen.

Durch einen naturbelassenen Birkenwald nahmen die Höhenmeter rasch ab. Der Pfad hatte sich inzwischen verloren; ich folgte einem kleinen Bach, der durch urwüchsige, grüne Senken führte. Nun wieder hier zurück im Wald – da, wo das Leben auf jedem Quadratzentimeter florierte, fühlte ich mich wieder in meinem Elemente. Diese Idylle überhäuft das Auge mit naturgewachsener Schönheit und erfüllt den aufmerksamen Beobachter mit einem Gefühl von Geborgenheit. Das „Paradies“ befindet sich hier auf Erden; nirgendwo sonst – da wo wir Menschen hingehören und zuhause sind. Es eröffnet sich nur für flüchtige Momente und ist eng mit dem eigenen Leben, der Persönlichkeit und momentanen Stimmung verknüpft. In diesen besonderen Zeiträumen wandelt man – in der Außenwelt – durch seinen eigenen Geist. Die Natur grundsätzlich zu romantisieren wäre aber ebenso falsch, wie sie als Umstand oder gar feindlich zu betrachten.

Unten angekommen, kurz vor der Straße Richtung Fagernes, machte ich noch einige Aufnahmen des nun breit ausfließenden Stromes bis es schließlich zu nieseln begann. Es kümmerte mich wenig; mit der passenden Kleidung kann auch solches Wetter reizvoll sein – vor allem fotografisch. Am Campinplatz Maurwangen vorbei, folgte ich nun auf der anderen Seite des Tales einem Weg ins Fjell. Entlang eines weiteren Zuflusses der Sjoa boten sich immer wieder schöne Ausblicke zurück auf die Berg- und Felsenwelt um Gjendesheim. Allmählich drückte das Wetter nun doch aufs Gemüt und brachte ein flaues Gefühl von Einsamkeit mit sich. So zog ich mich beim Wandern in innere Dialoge und Ideen zurück; plante und formte die Zukunft. Vor allem dachte ich über meine Fotografie nach; welchen Stellenwert sie weiterhin haben wird, welche Ziele, Zwecke und Formate möglich wären.

Immer wieder zieht es mich fort; länger an einem Ort zu verweilen bereitet mir auf Dauer Unbehagen, macht mich träge und unkreativ. Aber bin ich vom Blute her ein Reisender – wie Odin der Wanderer, mit einem Auge in der äußeren und einem in der inneren Welt – oder ist es eine bisher unerfüllte Suche und Flucht, die mich treibt? Eine Antwort fand ich bisher nicht.

Ein freistehender Stein bot guten Windschutz; unter seinem überhängenden Dach wäre es möglich gewesen, die Nacht auch ohne Zelt trocken zu verbringen. Glücklicherweise nieselte es seit einer Weile schon nicht mehr und am nächsten Morgen empfingen mich warmer Sonnenschein, zwitschernde Vögel und das Summen der Insekten. Nach dem späten Frühstück, denn der Wecker hatte nicht funktioniert, zog eine Herde Rentiere in nächster Nähe vorbei. Heute sollte es um den Sikkilsdalsvatnet gehen, bis über den Kartenbereich hinaus.

Erwartungsvoll wanderte ich quer durchs Fjell auf die weithin sichtbare Senke zu und hoffte auf einen grandiosen Blick zum See. Und tatsächlich, ich stieg auf einen erhöhten Felsen – dann tat sich das Tal vor mir auf – eine Kulisse, mindestens so schön wie ich sie mir vorgestellt hatte. In zarten Grüntönen umwand ein frühlingserwachter Birkenwald das dunkelblaue Gewässer, das sich, geschützt hinter einer schroffen Felswand, gen Osten erstreckte. War ich noch am letzten Morgen am zugefrorenen Bessvatnet erwacht, würde mich heute eine laue Sommernacht erwarten.

Mit den Höhenmetern konnte ich in Jotunheimen innerhalb eines Tages drei Jahreszeiten durchqueren. Der Wald an der Baumgrenze besticht mit kurzgewachsenen, krummen Birken, die oft gerademal Strauchhöhe erreichen. Fast Schritt um Schritt verändert sich bergauf-bergab die Vegetation und bietet jenem, der sie durchschreitet ein besonderes Naturerleben. Eine große Wiese am See lud zum Verweilen im Schatten ein. Bis auf einem Paar Wanderer begegnete ich an diesem Tag bisher niemandem, sodass sich die Landschaft gänzlich ungestört genießen ließ.

Sechs Kilometer führt der markierte Wanderweg am Sikkilsdalvatnet entlang – entspanntes, leichtes Wandern durch märchenhaften Wald. Zwei größere Geröllfelder waren die einzigen anspruchsvolleren Stellen, danach gelangte ich zu einer Bootshütte am Ende des Sees. Zeit für eine Pause und einen dieser Eiweiss-Energieriegel, von denen ich von nun an jeden zweiten Tag einen essen wollte. So sollte es „Riegel-Tage“ und „Tütensuppen-Tage“ geben, da ich mich abwechselnd mit einem von beiden bei Motivation und Laune hielt. Am „Tag des Riegels“ gab es abends dann eben nur Brühwürfel im Essen; statt Brokkoli-Sahne-Soße o.ä….

Erwartungsvoll ging ich dem unbekannten Abschnitt entgegen. Mir blieb nur noch eine grobe Übersichtsdarstellung auf der Rückseite meiner Jotunheimen-Ost-Karte. Majestätisch ragte der Gipfel des Sikkilsdalhornet im Licht des späten Nachmittages über dem See. Bald erreichte ich ein Wandererheim und der Weg wandelte sich in eine breite Schotterstraße. So kam ich gut voran, fühlte mich aber schon etwas geknickt darüber, dass die idyllische Waldstrecke vorüber war. Weit wollte ich an diesem Tag ohnehin nicht mehr gehen und suchte die Landschaft links und rechts der Straße nach einer geeigneten Stelle für das Zelt ab. Außerhalb der Sichtweite zum Wandererheim bog ich schließlich in den Wald ab und fand am Hang einen ebenen Platz im Gras, nebst einem Bach.

Sobald die Luft kühler und frischer wird, ziehen am Abend die Mücken auf und werden zur regelrechten Plage. Die oberste Regel im Umgang mit den gierigen Blutsaugern ist: Ruhe bewahren. Sich nicht verrückt machen lassen. Diese Viecher sind derart zahlreich, dass es absolut sinnlos ist, nach ihnen zu schlagen – es sei denn man erwischt sie direkt beim stechen. Am Besten ist es, sich weitestgehend mit langer Kleidung zu bedecken und Hände, Hals und Gesicht mit einem vorzugsweise natürlichem Schutzmittel einzureiben. Hilfreich ist auch, in Bewegung zu bleiben. Im Sitzen oder Stehen ist man bald am ganzen Körper mit den Insekten übersäht. Das Schutzmittel gibt genügend Zeit, um zunächst das Zelt aufzubauen und gegebenfalls draußen zu kochen. Danach verkriecht man sich in seine Schutzbehausung, isst entspannt darin und beobachtet die durstigen Vampire hinter dem sicheren Netz. Die Aktivitäten sind durch diesen Umstand leider sehr eingeschränkt; den Abend gemütlich sitzend draußen im Wald zu verbringen, ist undenkbar. Ich ging daher immer recht zeitig schlafen. Ich fragte mich: da die Mücken derart auf fremdes Blut für die Sicherung ihrer Fortpflanzung angewiesen sind, wie können sie angesichts der relativ geringen Wildbestände im Fjell derart zahlreich sein? Ich bin sicher: würde man sich regungs- und wehrlos in den Wald legen, wäre der Tod durch Blutverlust die Folge. Hinzu kommen die äußerst aggressiven, großen Ameisen, deren Straßen wie lebendige Bänder, wie die verlängerten Arme eines Superorganismus den Waldboden durchziehen.

Alles, was keine Kraft mehr zum Leben hat, sich zu lange ausruht, stehenbleibt, krank geworden ist – wird kompostiert. Die Natur hat auch eine unerbittliche, grausame Seite und ist dennoch um ein Gleichgewicht bestrebt. Sie besitzt eine ungeheure Macht, nicht nur auf diesem Planeten – Natur ist alles, was ist. Der Mensch wird, falls es überhaupt soweit kommt, auch in weiteren tausend Jahren sogenannten Fortschritts und technischer Entwicklungen niemals Herr über die wirkenden universellen Gesetze und Vorgänge werden. Wir müssen unser Überleben sichern, aber in Generationen denken. Nichts lebt ewig – nichts stirbt aber auch auf Ewig. Das „Alles was ist“ ist selbst ein lebendiger Organismus, dessen Teil wir sind. Das höchste Gesetz, welches ich in der Natur erkenne, lautet: „Wandel und Wiederkehr“. Auf dieser Erkenntnis basiert die europäische Tradition, Religion – die Mythen und Überlieferungen. Es ist der Kernstamm im heidnischen Weltbild, den die christlichen Invasoren mit ihrem fremden Glauben zu fällen versuchen.

 

ukjent territorium

 

Nackt stand ich am nächsten Vormittag am Bach im Wald und wusch mich. Die Mücken waren fort; niemand störte. Das sonnige Wetter ließ auch die ebenfalls gewaschene Kleidung schnell trocknen. So eine Gelegenheit sollte man nutzen, auch wenn es vielleicht Überwindung braucht. Nach Heimdalen sollte es nun weitergehen; so ganz ohne zu wissen wie – auf welchem Wege – fühlte sich nicht so gut an. Ich fürchtete, die Kontrolle zu verlieren. Nicht nur über die Navigation, sondern auch über meine Gelassenheit, die ich bisher auf dieser Reise aufrechterhalten konnte.
Die Schotterstraße nahm kein Ende. Ab und zu staubte ein Fahrzeug vorbei, die Landschaft wurde weniger sehenswert flach und die Sonne brachte neben der Hitze noch höchste Sonnenbrandgefahr mit sich, sodass ich irgendwann in die Jacke gehüllt schwitzte, um meine Haut zu schützen. Die Piste schlängelte sich ohne jegliche Abwechslung durch schier endlose, forstwirtschaftlich genutzte Wälder. Die Luft flimmerte in der Hitze und es roch hochsommertypisch nach trockenen Kiefernnadeln und Zapfen. Wenigstens Wasser gab es in regelmäßigen Abständen, sodass keine Durststrecken wie auf dem Kungsleden aufkamen. Mir war langweilig; es gab auch nichts mehr nachzudenken und ich bereute die Entscheidung von der Karte abzuweichen, schon jetzt. Ein absoluter Tiefpunkt der Reise war erreicht, ich spürte, wie mir die Sache entglitt.

Eine Herde Kühe mit Jungtieren kreuzte in aller Ruhe die Straße. Mir war es nicht geheuer hindurch zu gehen. Man hört selten von Angriffen auf Menschen; dennoch hielt ich Abstand und lief im großen Bogen um die gehörnten Tiere herum, obwohl mir an diesem Tag ohnehin schon jeder weitere Schritt auf dieser verfluchten Schotterstraße zuviel war. Der Schweiß lief unter der schwarzen Gore-Tex Jacke – ohne Sonnencreme wurde das vermeintlich „schöne“ Wetter zum Problem. Ein schattiger Uferplatz am See brachte Abkühlung und ein Stück Schokolade hob die Motivation etwas – denn die lag recht tief. Das Feriendorf Slangen war erreicht. Von da führte der Jotunheimvegen, eine für PKW mautpflichtige, unasphaltierte Straße in den Süden des Gebirges zum großen See Bygdin, der mit seiner speer-artigen Form an den Gjende erinnert, aber um einiges größer ist. Die winzige Übersichtskarte zeigte nach einem Viertel der Strecke einen Abstecher zum Heimdalsvatnet, der sich zweigeteilt durch das gleichnamige Tal zieht. Zwischen dem oberen und unteren See liegt ein drei Kilometer langes Feuchtgebiet, durch welches ein unmarkierter Pfad führen sollte. Danach schließt sich ein markierter DNT Wanderweg an, der direkt nach Gjendesheim führt. Von Heimdalen war mir außer der Karte nichts bekannt; der Name klang aber vielversprechend.

Mich packte für Momente ein beinah sportlicher Ehrgeiz als es wieder bergauf ging. Ein paar Kilometer sollten heute noch machbar sein. Zäh schlängelte sich der Jotunheimweg an alten Bauernhöfen vorbei – hinauf aufs Fjell. Bald wurde das Wasser knapp. War es unten im Tal noch im Überfluss vorhanden, gab es hier oben nur ausgetrocknete Straßengräben. Ab und zu rauschte ein Auto vorbei und ließ mich den aufgewirbelten Staub schmecken. Wie gern hätte ich mich an Ort und Stelle hingelegt; erschöpft und mit schmerzenden Füßen nach diesem langen Tagesmarsch, schleppte ich mich von einer Kurve zur nächsten. Schritt um Schritt einfach weiter – ohne Wasser konnte ich nicht lange verweilen oder gar das Zelt aufschlagen. Allmählich rutschte ich in eine Situation, die nach dem Kungsleden nicht mehr auftreten sollte; nämlich Etappen stur abzukämpfen zu müssen. Der tieferstehenden Sonne entgegen; auf den Schatten eines Berges hinzu, fand sich auch bald wieder das kühle Nass; welches in kleinen Bächen durch eine Feuchtwiese floss. Im angrenzenden Birkenwald verzog ich mich zur Nachtruhe. Der Zeltaufbau musste besonders schnell gehen; die Mücken waren aggressiver als zuvor. Zum Kochen fehlte mir der Appetit und die Motivation. Endlich – im sicheren Zelt, ließ ich die Glieder ruhen, hielt inne und gönnte mir noch einen Riegel. „Was für eine Strecke!“

Der nächste Tag begann früh; das Zelt musste ebenso eilig wieder eingepackt werden, wie es aufgebaut wurde – die Mücken waren noch allgegenwärtig. Ich versuchte, mich dennoch nicht zu hetzen, sondern wieder zu entspannen und Energie für den weiteren Weg zu finden. Nachdem die Füße mit neuem Blasenpflaster versorgt waren, setzte sich der gestrige Marsch zunächst fort und auch die Sonne begleitete mich wieder mit ihrer ganzen Kraft. Ein entgegenkommender Motorradfahrer grüßte freundlich, als zolle er meinen Anstrengungen gewissen Respekt. Wenig später stand ich vor einer Infotafel über den altertümlichen Fang von Greifvögeln, mit dem Hinweis auf eine rekonstruierte Fanganlage, die sich in der Nähe befinden sollte. Das las sich vielversprechend und abwechslungsreich. Noch besser war, dass der Weg zur Anlage durchs Fjell führte und die Straße somit für mich ein Ende hatte. Vielleicht war dies auch der richtige Weg nach Heimdalen? Die Richtung stimmte. Erwartungsvoll, aber mit etwas müder Kondition, ging es vorwärts.

Die Anlage bestand aus zwei Beobachtungsposten, die aus Steinwällen, angelegten Ästen und Grasbedeckung errichtet waren. Darin harrten die Vogelfänger damals stundenlang aus; beobachteten durch die engen Fenster unter dem niedrigen Dach ihren aufgestellten Pfahl; an dem eine Lock-Beute angebracht worden war. Ein weiterer Pfahl wurde mit Vogelattrappen versehen, um dem Raubvogel ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Attackierte der Falke oder Habicht nun die Beute, rutschte sie am Pfahl zu Boden, woraufhin der Angreifer nun ebenfalls in Bodennähe gelangte. Auf diese Gelegenheit wartete der Fänger und warf ein Netz aus. Mit solch einem Fang wurden Höchstpreise an Königshöfen erzielt; weshalb die aufwändige Methode von der Gilde der Vogelfänger streng geheim gehalten wurde.

Da ich immernoch nicht genau wusste, wo ich mich befand, wurde mir der nächstgelegene Berg zum Ziel. Von oben würde sich die Lage besser beurteilen lassen. Eifrig trieb ich mich den Hang hinauf; weiter oben relativierte ein kühler Wind die sengende Mittagshitze. Sogar ein Schneefeld hielt sich noch an diesem sonst dürrem und trockenem Ort. Der Gipfel,überraschend flach auf der anderen Seite abfallend, gewährte einen großartigen Rundblick über die Ebenen. Der Jotunheimvegen zog sich in die Ferne. Nun konnte ich mir der Richtung einigermaßen sicher sein. Dennoch war es noch ein ganzes Stück Weg, zurück bis in den Kartenbereich. Den ausgeschilderten Pfad hatte ich verlassen; von oben betrachtet, schien mir die Fjelllandschaft wie ein sanfter Teppich.

Es war so heiß, dass ich mich selbst zu einem kurzen Bad in einem Schmelzwasserteich überredete. Schmerzen – wie Nadelstiche, trieben mich prustend sofort wieder raus…
Spürbar erfrischt lief es sich nun leichter und dank meiner robusten Bergstiefel waren auch feuchte Passagen, kleine Bäche und niedrige Strauchheiden gut zu überwinden. Bergauf – Bergab – durch Täler und Höhen voran einem Ziel entgegen. Natur und Weite bis zum Horizont. Absolute Stille und Einsamkeit – traumhaft.

 

Nach der Ebene folgte ein regelrechter Panoramaweg knapp über der Baumgrenze mit schönen, weiteren Schmelzwasserseen und Blick auf das gestrige Tal. Hinter jeder Biegung ließ sich eine weite Aussicht auf Heimdalen vermuten. Irgendwann war es schließlich soweit; vor mir tat sich ein neues Panorama auf; der Nedre Heimdalsvatnet ruhte wie ein silberner Spiegel vor schneebedeckter Bergkulisse. Der Abstieg führte entlang eines Flusses durch zugewachsenen Birkenwald über eine sumpfige Wiese direkt zum Abfluss des Sees, der glücklicherweise nicht breit war. Nun bestand die Möglichkeit, einem markierten DNT Wanderweg übers Gebirge zurück zum Sikilsdalsvatnet zu folgen – ich aber wollte durch Heimdalen zurück und entschied, mir selbst einen Weg entlang des Sees zu suchen oder gar den unmarkierten Pfad zu finden. Da das Ufer bei näherer Betrachtung dicht bewachsen war, hielt ich mich oberhalb im Fjell auf und fand einen ebenen Platz zum zelten, direkt neben einem plätschernden Bach. Dunkle Regenwolken zogen vom Süden her auf; Eile war geboten.

utfordret gigantene

 

Der Morgen präsentierte sich, nach einer feuchten Nacht, wieder in strahlendem himmelsblau. Erst spät trieb mich die zunehmende Wärme aus dem Zelt – hier oben hoch über dem See wehte noch ein kühles Lüftchen; unten in Ufernähe hingegen, wurde die sommerliche Hitze schnell wieder unangenehm. Streckenweise ließ sich ein verwachsener Pfad durch die krautige Heidelandschaft erahnen; von einem Wanderweg gab es keine Spur. So stapfte ich in Ufernähe über Feuchtwiesen und durch Strauchwälder; ein forderndes Gelände – auch nervlich, ich kam nur langsam voran und war noch nichteinmal in der Hälfte des unteren Heimdalsvatnet angelangt, als mir spürbar die Energie zur Neige ging. Ein Gefühl von Kraft- und Motivationslosigkeit ließ mich in savannengleich flimmernder Hitze im spärlichen Schatten eines Busches niedersinken.

Instinktiv verlangte mein Appetit nach schnellen Kohlenhydraten; Sofortenergie, um das Leistungstief überwinden zu können. In solchen Situationen – und nur dann; entfernt der Zivilisation ohne fremde Hilfe weiterkommen zu müssen, ist Zucker ein wichtiges Hilfsmittel um sich wieder befreien zu können; nicht festzustecken, an einem Ort, der keine längere Rast zulässt. Ganz unten, tief im Rucksack lagerte die zweite Nussmischung, die noch vollständig mit Rosinen angereichert war. Gierig pickte ich diese zuckersüßen Trauben aus den Nüssen heraus; steckte eine nach der anderen in den Mund, bis sich eine gewisse Sättigung einstellte. Walnüsse, Haselnüsse lockten mich überhaupt nicht mehr. Die Signale des Körpers sind der beste Ratgeber. Es wirkte; bereits nach kurzer Zeit fühlte ich mich gestärkt. Auch die Motivation kam zurück und der weitere Weg durch die wilde Vegetation schien wieder machbar.

Immer wieder durchzogen kleine Bäche die Wiesen und Heiden; Schmelzwasser aus den Bergen suchte sich Wege hinab in den See. Waren diese anfangs noch mit beherzten Sprüngen zu überwinden; wandelten sie sich nunmehr in reißende Ströme – zu tief zum Waten – hindurch der dichten Büsche und Sträucher, deren Äste manchmal wie Speere dem Menschen entgegen ragten, der meinte, er könne sich einen Weg durch die Natur bahnen. So redete ich mir siegessicher zu; nach ersten Erfolgen und überwundenen Wassern: „Ich bin ein Mensch und gelange überall hin!“ Dieser Gedanke muss Jotunheimens Riesen herausgefordert haben; diese Elementarwesen; natürliche Energien und Vorgänge, gebunden in Fels, Wasser, Eis und Schnee. In wachsenden Pflanzen und wachenden Tieren; wie auch dem Wind und Wetter – ein lebendiger Gesamtorganismus der regiert, sich regt und – reagiert…

Die Schuhe waren nass, trockneten in der Sonne aber schnell wieder. Ein Objektivdeckel war leider unauffindbar verloren gegangen, als ich mich durch die Äste der Birkenheide über die Ströme hangelte und dabei Sorge hatte, mich mit dem Rucksackgewicht nicht halten zu können. So trieb es mich wieder hoch in die Hanglagen, raus aus der dichten Vegetation und Hitze.

Ich verlangte nach kühlem Wind; ja Kälte wäre mir gerade recht gewesen, so schwitzte ich. Dem Berg floss das Wasser in unzähligen kleinen Rinnsalen über die vergilbte Gräserhaut; was vor der Kulisse des nun wieder weit unten liegenden Sees besonders schön anzusehen war. Schroff erhob sich die dunkle Felswand des „Neveråtunga“ aus der Tiefe. Auf dessen Plateau überraschte eine karge aber erstaunlich farbige Geröllebene, die nach Norden Richtung Sikkilsdalen leicht abfiel. Die geplante Rückkehr zum Heimdalsvatnet war hier nicht mehr möglich; zu stark verschneit war die Senke zwischen den beiden Bergrücken, die den oberen und unteren See nach Norden flankierten. So blieb mir nur, einen Weg über das Gebirge zurück zu meinem Startpunkt, dem Sikkilsdalsvatnet zu finden. Auf der Hochfläche wehte ein angenehm frischer Wind; vereinzelt lagen verblichene Rentiergeweihe zwischen den von Flechten farbig bemalten Steinen.

Über Schneefelder geriet ich in eine Senke, die der Winter noch immer in fester Hand hielt. Mehrmals sank ich bis zu den Knien in den Schnee; weshalb an einen Rückweg nicht mehr zu denken war. Ein Fluss durchschnitt die weiße Decke mit seinem Schmelzwasser und tückische Schneewächten machten sein Ufer schwer zugänglich. Hinter dem Grat auf der anderen Seite des Flusses lag Sikkilsdalen. So schien mir dieses feucht-kalte Hindernis zunächst als letzte Herausforderung dieses Tages. Schon von weitem war klar, dass ein Übergang des Gewässers nur schwer zu finden sein würde. Ich suchte das Ufer ab; sank mehrmals in den Schnee und bekam feuchte Füße. Hinter mir lagen die Schneefelder und weiter die Uferwildnis von Heimdalen – Zurückgehen war keine Option. Dem Fluss weiter der Senke nach zu folgen, um eine günstigere Stelle zu finden, wäre im Schnee ohne entsprechende Ausrüstung ebenfalls enorm kräftezehrend geworden. Ich steckte fest, hier gab es kein Weiterkommen. Die Riesen stellten mich vor eine weitere Herausforderung; als wollten sie prüfen, welche ihrer Mächte ich noch bewältigen könne.

Um keine weitere Kraft mit der Suche zu verlieren, fasste ich schließlich den schweren Entschluss, trotz des eisigen Wassers direkt durch eine breite aber relativ seichte Stelle im Fluss zu gehen. Die Kamera im Rucksack verstaut und die Gurte gelöst – um im Falle eines Sturzes nicht vom Gewicht unter Wasser gehalten zu werden – hielt ich, noch auf trockenem Stein, inne. Es war ein Warten auf den richtigen Impuls, denn ich wollte entgegen der allgemeinen Hinweise fürs Waten, sehr schnell durchs Gewässer und hatte keinerlei Stöcke oder Äste als Stützen zur Verfügung. Dann schnellte ich los; zuerst von Stein zu Stein, schließlich direkt durch den Strom. Alles ging wie von selbst und irgendwie unbewusst; immer wieder sanken die Stiefel tief in den Fluss und doch spürte ich nichts davon. Und auf einmal stand ich auf der anderen Seite; hatte diese Barriere der Natur und in mir selbst – überwunden.

Allmählich kroch die Kälte zu den Füßen, obwohl überraschend wenig Wasser in die Schuhe gedrungen war; vermutlich weil ich die Hose weit über den Stiefelschaft gezogen hatte. Mir war klar, dass ich in Bewegung bleiben musste um nicht zu frieren; so ging es gleich weiter hinter die Felskuppen, um zu sehen, ob sich wirklich Sikkilsdalen und damit ein sicherer Wanderweg dahinter befand. Der Euphorie folgte abrupt eine bittere Enttäuschung. Eine subtile Furcht vor den Gewalten und Launen der Berge keimte auf, als mir ein steiler, schneebedeckter Abgrund entgegen gähnte, der unmöglich zu passieren war. So flankierte ich den Hang an flacheren Stellen Richtung Westen; verlor allmählich und Stück für Stück Höhenmeter über Schneefelder, die mir sicher genug erschienen. Immer steckte mir die Gefahr eines Schneerutsches oder einer Lawine im Hinterkopf und immer wieder sanken die Stiefel ein. Prüfend tasteten meine Augen über die lebensfeindliche Bergwelt, suchten nach dem sichersten und kürzesten Weg nach unten, ins bekannte Tal.

Erleichtert brachte ich irgendwann das letzte große Schneefeld hinter mich und war heilfroh, nun aus der Gefahr zu sein. Inzwischen war mein Übermut verflogen; die Kräfte der Riesen; ihr Spiel in ihrem Reich – ist unvorhersehbar und übermächtig. Ein launenhafter Fingerwink der Natur und der Mensch steckt in Schwierigkeiten, denen er in seiner Isoliertheit nicht gewachsen ist. Und doch fordert gerade der Europäer diese Kräfte immer wieder heraus; weil er sich an ihnen misst, weil er entdecken will, die Einsamkeit sucht und mit Ehre zurückkehren möchte. Ihm geht es nicht darum, sich die Riesen Untertan zu machen; er braucht sie mit all ihrer Über-Macht um die Qualität seiner eigenen Art zu sichern; auch wenn es des Ein oder Anderen Schicksal ist, dabei zu fallen.

Noch immer war es ein weiter Weg durch den schneebedeckten Hang und zunehmenden Strauchbewuchs. Mit zaghaften Schritten käme man nicht voran; die schweren, robusten Bergstiefel waren ihr Geld mehr als wert. Sie verzeihen Fehltritte, schützen vor dem Umknicken und entlasten dadurch den Kopf; was sich positiv auf die Aufmerksamkeitsspanne auswirkt. Inzwischen war diese schon sehr strapaziert; müde und hungrig sehnte ich mich nach dem Tal. Dem anschließend vergleichsweise leicht zu begehenden Waldabschnitt folgte darauf eine sumpfige Wiese, die am besten schnellen Schrittes zu überqueren ist. Die Schuhe klebten regelrecht am matschigen Boden fest und benötigten nocheinmal letzte Energiereserven. Inzwischen waren die Füße nach dem Gebirgsfluss aber wieder trocken, da kam – wie erwartet – der brückenlose Abfluss des Sikkilsdalsvatnet als weitere und hoffentlich letzte Hürde dieses anstrengenden Wandertages.

Abermals suchte ich das Ufer dieses zwar schmalen aber hüft-tiefen Gewässers nach einer geeigneten Stelle zum Überspringen ab. Auch die Wiese war stellenweise von erstaunlich tiefen Bächen durchzogen, was das Vorankommen zusätzlich erschwerte. Schließlich stand ich nur wenige Meter hinter dem Seeabfluss an einer sehr flachen, breiten Stelle mit geringer Strömung und freundete mich mental erneut mit nassen Füßen an. Es ging nicht anders; irgendwie musste ich hinüber zum Wanderweg gelangen. Auf den letzten Meter, kurz vorm trockenen Ufer, sank ich noch knietief ein und schöpfte damit zwei gut gefüllte Stiefel Wasser aus dem Strom. Aber es war geschafft; endlich zurück im sicheren Tal; wieder auf dem offiziellen Wanderweg, der mir bereits bekannt war.

 

Nun blieb nur noch, einen schönen Platz fürs Zelt zu finden und zu entspannen. Der Abend war schon fortgeschritten und doch zog es mich trotz der Erschöpfung noch weit am See entlang. Kein Platz war mir gut genug; denn im Hinterkopf erschien mir das idyllische Bild der großen, ebenen Wiese direkt am Ufer zu Beginn des Sees. Dort zu zelten wäre am schönsten; vielleicht etwas geschützt am Waldrand, direkt neben dem Bach – so lief ich immer weiter; überquerte zum zweiten Male die Geröllfelder; lief mit einer aktivierten Reservemotivation und durchnässten Schuhen die gesamten sechs Kilometer Uferweg in der Abenddämmerung zurück. Gleich nachdem das Zelt stand, genoss ich zuallererst den wohlverdienten Energieriegel – ganz langsam – und fiel nach dem Abendessen gegen halb eins in den Schlaf.

 

rekreasjon og tilbakekomst

 

Der nächste Tag lud zum Verweilen ein: die Schuhe waren ohnehin noch feucht, mir taten Füße und Beine weh. Das sommerliche Wetter war ideal um mal Haare, Körper und Wäsche zu waschen; ich entspannte beim Mittagsschlaf, lauschte den Vögeln und dem Plätschern des Baches. Dabei kamen mir eine Fülle von Gedanken und Zukunftsplänen; einer davon hat sich bereits in Form der neuen Internetseite realisiert. Als diese schließlich auch notiert waren, richtete sich mein Denken so sehr darauf aus, dass ich am liebsten sofort mit deren Umsetzung begonnen hätte. So sollte die Rückkehr und der bevorstehende Abschied von Norwegen leichter fallen. Man muss Ziele setzen und sich selbst Aufgaben auftragen; sich – und das eigene Leben ernst nehmen; in die Hand nehmen – wenn etwas in einem brennt und drängt. Die nötige Luft und den Raum dafür konnte ich in Norwegen erfahren. Diese Landschaft mit Zelt und Rucksack zu erleben, ist wie ein Gesundbrunnen für Körper und Geist. Die eigene Kreativität, Zuversicht und der Glaube ans Selbst entfalten sich mit der Weite; steigen mit hinauf in die Höhen; erfrischen und erneuern sich. Trotz – oder vielleicht gerade wegen der Anstrengungen und Entbehrungen, tritt eine Erholung ein, die nach längerer Zeit in der Zivilisation dringend notwendig ist und auch nirgends im Sumpf der Zwänge und sozialen Anforderungen gefunden werden kann. Und es ist mehr als nur Urlaub, mehr als nur Erholung von der Arbeit: hier findet man neue Perspektiven, gewinnt Abstand und kehrt gestärkt für Veränderungen zurück.

Noch war es nicht soweit; es verblieben noch zwei Tage bis zur Abreise. In die Berge zog es mich jedoch nicht mehr, denn der Vortag wirkte noch lange nach. Bei anhaltend schönem Wetter kehrte ich am darauf folgendem Tag nach Maurwangen zurück. Für größere Touren war die Zeit zu knapp; so wollte ich die verbleibende Zeit am Gjende verbringen. Gjendesheims Hausberg, der Gjendehøe erscheint fast wie eine Insel imposant vor dem Tal und war mir einen Abstecher wert. Da ich unmarkierte Pfade von nun an mied, kam es nicht zu einer Besteigung. Dafür fasziniert die Wiesen- und Seenlandschaft um den Berg mit einem idyllischem Bauernhof und grasenden Schafherden. Die Schilder des offiziellen Wanderweges führen zwar nach Gjendesheim; jedoch endet der Weg in einer Sackgasse, da keine Brücke über die Sjoa führt. Kein offizielles Boot setzt über. Das ist etwas schade; so muss man erneut ein Stück der E51 zurücklaufen. Dort hielt überraschenderweise sogar ein Auto; die Fensterscheiben wurden heruntergefahren – und drei junge Deutsche fragten, ob ich mitfahren möchte. Zu dem Zeitpunkt wussten weder sie noch ich, dass wir Deutsche waren – so blieb es bei Englisch. Ich lehnte freundlich ab; mein Weg war schließlich nicht mehr weit. Beim Abfahren erkannte ich dann das Karlsruher Nummernzeichen. Einheimische hingegen hielten nicht.

Auf einer leichten Anhöhe am Ufer des glitzernden Gjende fand sich ein perfekter Platz zum Zelten; um auch den morgigen Tag noch am See verbringen zu können. Gegen zwei Uhr in der Nacht erwachte ich und staunte ein weiteres Mal, wie hell es noch immer war. Der Mond lugte hinter dem Gjendehøe hervor und illuminierte den ruhenden Spiegel mit seinem fahlen Licht. Orangefarben leuchteten die Laternen der Gjendeboote im See. Mit Offenblende, hoher Empfindlichkeit und spezieller Nachbearbeitung gelang mir eine Panoramaaufnahme dieser Szenerie mit meinem 50 Millimeter Objektiv sogar aus der Hand.

Unsicher, ob die Bilder gelungen waren, kroch ich müde zurück in den Schlafsack und schlief, bis die warme Morgensonne das Zelt erneut aufheizte. Auch am letzten Tag zeigte sich das Wetter hochsommerlich warm und sonnig – viel zu heiß; sodass ich mich etliche Stunden schwitzend im Zelt aufhielt, um nicht zu verbrennen.

Dennoch folgte ich für einige Kilometer dem Weg Richtung Memurubu; las die angebrachten Infotafeln zur Flora und Fauna Jotunheimens, fotografierte und genoss die wunderschöne Uferlandschaft. Trotz der Hitze war das Wasser des Gjende eiskalt und nur wenige Mutige wagten sich unter Quieken und Aufschreien hinein – und ebenso schnell wieder heraus.

Freitag, der 03. Juli – Tag der Abreise aus Jotunheimen. Es fiel mir nicht schwer, denn ich hatte viel gesehen und erlebt. Außerdem überwog ein großer Appetit auf abwechslungsreicheres Essen und ich gierte regelrecht nach meiner derzeitigen Lieblingsspeise: Erdnussmus mit Joghurt und Honig… All die Samen, Linsen, Nüsse und Tütensuppen hingen mir nun zum Halse raus; auch wenn sie bis dahin eine gute Wahl waren. Das Zelt frühzeitig abgebaut und in Ruhe gepackt; vertrieb ich mir die Zeit bis zur Abfahrt des Busses im Kiosk, schlenderte am Ufer entlang, sah der wartenden Menschenschlange an den Booten zu und verschenkte zuletzt den restlichen Rødsprit und mein Feuerzeug; da die Mitnahme im Flugzeug ohnehin verboten war.

Der Bus nach Otta fuhr ein und wartete noch einige Zeit bis zur Abfahrt. Da kam ein weiterer Bus; eine Fernfahrt direkt zum Osloer Hauptbahnhof – das war die bessere Gelegenheit! Spontan entschied ich mich um und durchfuhr bald die karge, noch immer verschneite Hochlandschaft; vorbei am See Bygdin nach Fagernes. Ab da flachten die Berge ab; weite Nadelwälder und zahlreiche Seen dominierten das Landschaftsbild. In Fagernes ließ sich eine Umsteigemöglichkeit nach Bergen vermuten; ungeplant wie meine Reise war, entging mir so sicherlich eine geld- und zeitsparende Abkürzung und so setzte sich die Fahrt nach Oslo fort. „Aber gut, dann eben beim nächsten Mal.“ Immerhin stand mir nun noch eine Rückkfahrt mit der fantastischen Bergensbahn bevor, die unbedingt bei Tag erlebt werden sollte. Es passte perfekt: Die Ankunft in Oslo war zeitlich so getaktet, dass eine beinah nahtlose Weiterreise nach Bergen möglich war. Mir blieb eine gute Viertelstunde für Fahrkartenkauf und Umsteigen; schon nahm ich auf dem reservierten Platz in der berühmten Bahn für die nächsten acht Stunden Platz. Der Gedanke hingegen, erst abends in Bergen anzukommen; so ganz ohne sichere Übernachtungsmöglichkeit in Norwegens zweitgrößter Stadt, verweilte unangenehm im Hinterkopf. „Mal schauen, was kommt.“ Und da gab es nach einiger Zeit viel zu Schauen: die Abendsonne streifte mit goldenen Strahlen über die endlose, schneeweiße Gebirgslandschaft der Hardangervidda; durch zahllose Tunnel schlängelte sich der Zug durch karge Hochebenen; dunkle, mystische Täler und vorbei an nebelumwobenen Seen. Wanderer freuten sich auf ihre bevorstehenden Touren, als der Zug in den beliebten Ausflugzielen hielt. Besonders eindrucksvoll erschien mir im Dämmerlicht der Ort „Dale“, nur um die 40 Meter über dem Meeresspiegel an einem langgestreckten, von geisterhaften Nebelschwaden bedeckten See gelegen. Trotz der Fülle an Sehenswürdigkeiten und Anreize beließ ich die Kamera im Rucksack. Diese Eindrücke im Vorbeifahren durch eine Scheibe zu fotografieren, wäre der Schönheit unwürdig gewesen. So empfehle ich jedem interessierten Leser, die Fahrt mit der Bergensbahn mit eigenen Sinnen zu erleben.

Das Wochenende stand bevor und Bergens Nachtleben erwachte in den Gassen der lebendigen Hafenstadt. Musik drang aus zahlreichen Bars; die Straßen waren voller Menschen in Feierlaune. Kurz vor Ladenschluss, gegen 22 Uhr, kaufte ich noch etwas Proviant – ein Glück, dass noch Geschäfte offen hatten. Dann begann die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das Laufen fiel mit zunehmend schmerzenden Füßen bereits schwer, als ich müde und erschöpft die Straßen zunächst nach günstigen Hostels absuchte. Vergeblich – und der Abend wurde immer später; die Stadt für meine Begriffe immer unsicherer. Letztendlich kamen nur noch die großen Hotels in Frage. An den Rezeptionen hieß es immer wieder: „leider ausgebucht“. Man verwies auf das nebenstehende Hotel; gab mir aber keine große Hoffnung; in der Urlaubszeit sei wohl nichts mehr frei. Es war bereits kurz nach Mitternacht; da bot man mir ein Zimmer für umgerechnet über 100€ die Nacht an und rechtfertigte den Preis mit der fortgeschrittenen Uhrzeit. Ich lehnte ab. Aber wohin in Norwegens heimlicher Hauptstadt, wie sie von manchen genannt wird? Ich fürchtete ernsthaft, überfallen zu werden, sollte ich hier verweilen. Ringsum thronten die bewaldeten Berge, an deren Steilhängen die weißen Holzhäuser der wohlhabenderen Einwohner wie übereinander gestapelt nach oben wuchsen. In dem bewachten Bahnhof wollte – und durfte ich vielleicht auch nicht – übernachten. Schlaf hatte ich aber dringend nötig; so stiefelte ich durch die Schatten aus dem Gedränge, hin zu besagtem Stadtrand am Berge; erklomm die endlosen Serpentinen im Schein der Straßenlaternen und hoffte, bloß nicht angesprochen zu werden – wie hätte ich mich in dieser Gegend erklären sollen? Dass ich oben im Wald schlafen wollte? Ich fühlte mich wie ein Vertriebener.
Bis weit nach oben drang der Lärm des Partyvolkes durch die Nacht. Von einer Parkbank aus blickte ich über die flackernden Lichter der illuminierten Stadt, die keine Ruhe fand. Ihr gelblicher Schein, gebunden im Dunst des Nebels, schien wie ein letztes Aufglühen ihrer überhitzten Bewohner und des Verkehres. Brennt sie irgendwann aus?
Endlich Wald – feuchte Luft; schützende Dunkelheit. Meine Flucht vor der Zivilisation, vor dem Nachtleben meiner eigenen Generation, erreichte notwendige Höhen und war doch noch nicht abgeschlossen. Eine Asphaltstraße wand sich Kurve um Kurve hinauf und fand kein Ende. In der Nacht herrschte eine unwirkliche Stimmung; noch verstärkt durch meine Müdigkeit. Da! – Stimmen?! In der Furcht entdeckt zu werden, bog ich in einen Pfad ab und flüchtete ins Dickicht des Hanges; kletterte über einen Felsen und gelangte schließlich auf ein Plateau mit verlassenem Grillplatz und einer zertrümmerten Bank. Hier war niemand. Die kahlen Stämme hoher Nadelbäume standen wie Säulen in der Finsternis. Da war eine Ruine aus Beton – oder was war es eigentlich? Mir wurde unheimlich. Ein Streifzug durchs feuchte Gras; innehalten, umsehen – kann man hier schlafen? Hier, hoch oben über der Stadt, weit über den Lichtern – fern genug, um sicher zu sein? Wie geborgen habe ich mich doch in der Einsamkeit und ewigen Weite des Fjells gefühlt! Ich legte mich zur Ruh‘ und schloss die Augen; auf meiner Matte und dem feuchten Nadelboden. Es war bereits nach zwei Uhr in dieser warmen Sommernacht; der Mond schien aus beinah vollem Kreise. Dann begann es zu Summen; Mücken schwirrten ums Gesicht, suchten nach ungeschützter Haut. Ich sprang auf; es machte keinen Sinn. Wie ein rastloser Geist streunte ich durch den Wald; lief vor und zurück, tauchte unverhofft fast vor anderen Leuten auf – rannte zurück und versteckte mich, verfolgt geglaubt, in den Büschen am Hang. Nach ein paar Minuten verstimmten die Laute der offensichtlich Betrunkenen, sodass ich mich wieder auf die Straße wagen konnte, um weiter bergauf zu gehen und einen anderen Schlafplatz zu suchen. Der Wald war von einem Wegenetz aus Jogging-Pfaden durchzogen; nirgends war es sicher, unentdeckt bleiben zu können. Irgendwann – es muss zwischen drei und vier Uhr gewesen sein – konnte und wollte ich nicht mehr weitergehen; baute völlig erschöpft das Zelt direkt neben einem Pfad auf und verzog mich darin, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu finden.
Am nächsten Morgen, gegen sieben Uhr, ließen sich in der Ferne die Tritte eines Läufers vernehmen. Nachdem das Zelt schnell wieder abgebaut und der Wald verlassen war; genoss ich die frühe Morgensonne beim Frühstück an einem Teich; der in der Hauptsaison mit ausgeliehenen Ruderbooten befahren werden kann. Eine Möwe flog heran und leistete mir Gesellschaft; beäugte mein Essen mal von links, mal von rechts und wartete geduldig auf eine günstige Gelegenheit. Auch eine Entenfamilie mit Küken schwomm herbei und wurde bald zur Hauptattraktion der Menschen, die diesen Samstagmorgen mit einem Spaziergang begannen und sich allmählich hier oben am See einfanden. Meine Füße schmerzten beim Gehen, dass ich etwas humpelte und nur langsam den Berg hinab stieg. Von der Stimmung vergangener Nacht war auf dem Weg nun nichts mehr zu spüren.

Dafür bot sich eine grandiose Aussicht auf die Stadt am Meer. Über Häuserdächer hinweg sah man nun auf die Küste, mit ihren ein- und ausfahrenden Schiffen; eine Schienen-Seilbahn fuhr durch ein Meer aus Blumen und brachte die ersten Touristen auf den Berg. Wieder zu Fuß unten angekommen, schlenderte ich ein zweites Mal über den Fischmarkt und durch die hölzerne Altstadt; schaute mich in den Geschäften um und verbrachte so den gesamten, sonnigen Tag bis zum Abend in der Stadt.

Mein Flug sollte erst sechs Uhr morgens abgehen; so stand mir noch eine weitere ungewisse Nacht am Flughafen bevor. Am Abend ging es mit dem Flybussen zurück zum Lufthafen, wo mir auf den Bänken des Wartesaals glücklicherweise ein paar Stunden Schlaf zuteil wurden – es war unglaublich langweilig, soviel Zeit an diesem Ort zu verbringen. Hätte ich gewusst, wie unkompliziert die Rückreise ab Gjendesheim verlaufen würde; wäre die Abreise aus dem Gebirge auch einen Tag später möglich gewesen. Ab vier Uhr morgens nahm das übliche Prozedere am Flughafen seinen Lauf: das Gepäck wurde aufgegeben – ich musste noch in Bar nachzahlen – immerhin verliefen die Sicherheitskontrollen weniger aufwändig als auf der Hinreise. Noch vor Mittag befand ich mich – irgendwie kaum zu begreifen – wieder in Stuttgart. Vor wenigen Stunden noch frische Meeresluft an Norwegens Westküste geatmet – nun wieder hier in schwüler Hitze; zurück im Alltag des Gefangenseins – daheim, aber nicht wirklich zuhause.

Und es wird mich wieder in die Ferne ziehen; freiheitssuchend, wahrheitssuchend; auf zu neuen persönlichen Abenteuern und Grenzgängen in der Weite Skandinaviens. Ich möchte es immer wieder erleben; dieses Aufbrechen und Sich-Losreissen; das Auf-Sich-Allein-Gestellt-Sein – Eintauchen in ein Lebensgefühl, das zeitlos überdauert.

 

 

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3 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deinen mitreißenden Bericht. Besonders Deine Reise allein, sich der Natur und allen Schicksalsgewalten auszusetzen, läßt diesen Artikel zu einer lebenden Impression, ja zur Beschreibung einer „Sehnsuchtslandschaft“ (innen wie außen) werden. Es ist eine Kunst, verknüpft mit diesen Bildern, so tieffühlend und auf gewisse Weise weltabgewandt zu schreiben. In etwas hineinzutreten, das all unser Alltäglichkeit fern ist… dafür kann ich nur Danke sagen, daß Du mich daran teilhaben läßt…

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