Kreation, Poesie
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Gipfelsieg

Suchend nach Ferne, Grenzüberschreitung, Überwindung und Ruhe – erklomm ich meinen ersten 3000er Gipfel am Furkapass in der Schweiz. Diese Landschaft wirkt so abweisend, menschenfeindlich und tödlich – nur Felsen, Geröll, Schnee und Eis. Keine Menschen weit und breit – jedenfalls nicht zu dieser Jahreszeit. Verlassene Gebäude an der Passstraße zeugen vom Begängnis und Trubel des Sommers. Mahnend, wie postapokalyptische Ruinen, gähnen die Fenster und Türen in die Kälte der Morgendämmerung.

Die ersten Schritte sind die Schwersten, Zweifel an der eigenen Ausdauer kommen auf; die abweisende Unmenschlichkeit der Landschaft hemmt den Willen. Knirschend drücke ich Abdrücke in den Schnee. Schritt für Schritt. Gleichmäßig. Wortlos stapfend, rythmisch atmend – Atemnebel beschlägt meine Sonnenbrille – der Puls steigt. Der Gletscher nur noch ein Überbleibsel ehemaliger majestätischer Größe, jedoch nicht weniger heimtückisch auflauernd mit schneeverhangenen Gletscherspalten, die wie Trichterfallen auf unachtsame Opfer warten.

Wir legen Steigeisen an unsere Bergschuhe an, verbinden uns mit Gurt und Seil und zeichnen Schritt für Schritt eine geschickte Spur in den weißen Mantel des Eises. Vor uns baut sich eine erhabene Schattenwand auf; an ihrer höchsten Stelle der Gipfel – unser Ziel. Messerscharfe Grate, schwarze Blöcke recken spitze Klingen in den tintenblauen Himmel. Der Atem wird schneller, schon wenige Schritte verlangen eine Pause.

Nicht nach unten schauen – klettern, greifen, treten. Metall kratzt auf Stein, bohrt sich in Eis. Sehnige Finger umklammern den Fels. Der Berg kämpft gegen seine Herausforderer. Das Gipfelkreuz schon zum Greifen nah, scheinen die letzten Höhenmeter kein Ende zu nehmen. Und doch gab er sich geschlagen – der Gipfel – sicherlich beschämt durch das eiserne Kreuz auf seinem Haupt, gibt er den phantastischen Blick von seinem Throne preis. 3099m.. Berg-Heil!

Bis zum Horizont ragen Felsenspitzen aus Tälern heraus, durchbrechen Wolkendecken unter denen Menschen ihrem kleingeistigen Alltag nachgehen, irgendwie am Leben sind  – existierend für einen winzigen Augenblick; gemessen am Dasein der Berge.

Ein eisiger Wind schneidet durch die Höhe. Ich falte meine 6×9 Rollfilmkamera auf. Die Kälte hat das Schmieröl der Gewinde schwergängig gemacht. Den Schiebehebel auf Blende 11 1/2, den Drehring auf 1/250s, Fokus einstellen, die Verschlussfeder spannen. Durch den glaslosen Rahmen begrenze ich das Bild. Meine Erinnerung, den Ausblick – den Augenblick hier oben. klack Vorspulen.

(von 2011)

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