Reise 2016, Trekking
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II. Von Begegnungen im Gebirge und den „Unterirdischen“

Falls du Teil 1 noch nicht kennst, den findest du << hier >>.

„Einmal umdrehen noch, dann wird es wirklich zu warm im Schlafsack.“ Hellgrün erstrahlen Sonnenflecken auf der Innenhaut des Zeltes; ein Reißverschluss surrt und frische Luft strömt herein. Es ist Sonntag 8 Uhr morgens in einem lichten Birkenwald in Norwegen.

Auf dem Stor Svuku

Tiefziehende Wolken steigen auf, streichen über Bergkuppen und verlieren sich in einer löchrigen Decke aus weiß-grauer Watte, die hier und da Blicke ins Blau freigibt. Teppiche aus Licht ziehen über die Ebene und umspielen die Berge einer Landschaft wie seidene Tücher einen Körper, der noch nicht weiß, welches Kleid ihm heute gefällt.

Das taufrische Gras wiegt sich sanft im Wind. Die Tropfen funkeln dabei wie Sterne.

Die Kleidung trocknete auf Ästen – dann eine halbe Stunde Regen und wieder Sonne im unvorhersehbaren Wechsel. Aufbruch zum Stor Svuku.

Mit gesamten Gepäck zum Gipfel und auf der anderen Seite des Berges wieder herunter – soweit das Vorhaben für diesen Tag. Die Motivation fühlte sich hervorragend an und schon nach kurzer Zeit traf ich auf einen anderen Wanderer. Der Engländer vom Vortag war es nicht, sondern ein junger Schwede, der für diese kurze Gipfeltour sein Zelt unten in Svukuriset gelassen hatte. Unsere Gespräche taten nach den Tagen des Alleinseins mal wieder richtig gut.

Sein nächstes Ziel sei der See Rogen; er mache eine Rundwanderung zurück nach Grövelsjön, erzählte er.

Heute würde ich selbst den Rogen vom Gipfel aus wiedersehen und konnte es kaum erwarten. Mir kamen dabei die Bilder und Erinnerungen an diesen wundervollen Ort ins Gedächtnis: Wie ich auf dem Kungsleden diesem Ziel entgegengefiebert hatte, auf einem der umliegenden Berge stand und in das weite Blau hinabschaute. Stille Seitenarme des Sees greifen weit in die trockenen Fichtenwälder hinein und noch ehe man einen der Sandstrände am Ufer erreicht, fühlt es sich an, als habe man ein vergessenes Paradies entdeckt. Mit den kleinen Fischerhütten und Ruderbooten, dem klaren Wasser unter blauem Himmel und dem weißen Sand, wirkte dieser Ort auf mich damals ein wenig wie eine karibische Pirateninsel.

Bis nach oben konnte ich nicht schritthalten und so ließ ich meinen Gesprächspartner ziehen. Noch ehe sich mir die Aussicht auf den Rogen und den Femundsee bot, stieg er bereits wieder ab. Wandern mit leichtem Gepäck ist eben etwas völlig anderes. Jeder sollte sein eigenes Tempo gehen.

 

Auch eine Herde Rentiere besuchte die Geröllwüste auf dem Plateau des Stor Svuku, obwohl dort oben nur Steinflechten wachsen. Ein hoher Wall aus aufgeschichteten Steinen bot Schutz vor dem kalten Wind, der auch immer wieder Nieselregen aus Nord-West brachte. Wie schon am Vortag waren die schnell wechselnden Wetterschauspiele über dem Nationalpark beeindruckend. Die Aussicht von diesem Berg sollte man sich angesichts des relativ kurzen, einfachen Aufstieges und der Nähe zur Übernachtungshütte nicht entgehen lassen.

Blick auf den Rogen und das Skedbrofjället:

Eilig wechselte ich das Objektiv an der Kamera und schlich mich hinter einen der größeren Felsbrocken um nicht aufzufallen. Eine Herde Rentiere kam immer näher und fühlte sich sichtbar ungestört. Es war die richtige Entscheidung gewesen, das Teleobjektiv mitzunehmen. Allein diese Begegnung hier oben war die Schlepperei der Fotoausrüstung wert. „Genau für solche Momente…“, dachte ich und blickte durch den Sucher auf das Zusammenleben der Tiere inmitten dieser kargen Landschaft.

 

Zwei erfahrene Wanderer hatten mir gerade eben von der Nord-West-Seite abgeraten und ein neugieriger Blick hinunter bestätigte ihren Hinweis. Der Abstieg über die Rückseite wäre zu gefährlich gewesen. Die Entfernung bis ganz nach unten ist eine trügerische Illusion; sie wirkt aufgrund der Perspektive verlockend kurz und zieht sich doch in Wirklichkeit über Kilometer. Es wäre leichtsinnig gewesen, über das weglose, rutschig-nasse Geröll hinunter gehen zu wollen. Feucht, kalt und windig war es; die Sicht im Nebel schlecht. Ich ging zurück nach Svukuriset.

Am Wegesrand kurz vor den Hütten stieg Dampf aus dem Wald. Direkt am Bach stand ein Zelt und davor hockte ein schlanker Mann im karierten Hemd. Er rührte im Topf seines Trangia-Sets und als er mich kommen sah, ging er lachend auf mich zu. Es war der junge Schwede vom Aufstieg. Mit Begeisterung tauschten wir unser Gipfelerlebnis aus und während wir so sprachen, vergaß er beinahe sein kochendes Wasser. „Ob er die Rentiere auch gesehen hätte?“, fragte ich und wir rätselten, was sie da oben wohl suchten.

Vom Wir und seinen Eindrücken

Der märchenhaft verwunschene Wald bei Svukuriset offenbarte sich an diesem Abend zwar als Mückenbiotop, punktete aber mit einem frischen Gebirgsbach und jede Menge großer Stücken Birkenrinde für meinen Holzkocher. Gierig fraßen sich die Flammen durch das knisternde Brennmaterial und der anfängliche Qualm verzog sich rasch.

Ziel des nächsten Tages war das Gebiet um die Selbstbedienungs-Übernachtungshütte Røvollen in einem ausgedehnten Waldgebiet mit zahlreichen kleinen Seen. Ich entschied mich wieder einmal für die Route über das Fjell, um eine auf der Karte markierte Falkenfang-Anlage zu besichtigen.

Leider fand ich weder eine Beschilderung, noch die Anlage selbst, weswegen auch ein alternativer Abstecher zur bedienten Hütte Haugen Gård am Ufer des Femundsee lohnenswert gewesen wäre. Nichtsdestotrotz genoss ich einen sonnigen Wandertag über weite, waldlose Ebenen um den Stor Svuku und bewunderte große, weiche Moospolster, deren leuchtendes Grün auffällige Akzente in die von unzähligen Steinblöcken geprägte Heidelandschaft setzte.

An einem See inmitten eines trockenen Kiefernwaldes, noch etwa 2 Kilometer von Røvollen entfernt, spürte ich, dass es genug für heute war. Die Anstrengungen der letzten Tage – und besonders der gestrige Aufstieg zum Stor Svuku mit vollem Gepäck – wirkten spürbar nach. Ich hatte wenig Appetit und fühlte mich etwas kraftlos und unmotiviert.

Gerade letzteres hatte mit dem Alleinsein zu tun, denn es gab niemanden, um die Erlebnisse unmittelbar zu teilen und sich gegenseitig voranzubringen. Jede Entscheidung, Freude oder Sorge lag zu jedem Zeitpunkt bei mir allein. In solchen Momenten entwickle ich eine besondere Fürsorge um mich selbst und spreche innerlich vom ‚Wir‘.

‚Ich‘ sind ein Team.

So legte ich mich früh schlafen und lauschte bis in die Dämmerung den kreischenden Rufen der Vögel vom See.

Der idyllische Weg zur Hütte sowie das sonnige Wetter weckten die Lust aufs Fotografieren. Allmählich kehrte die Energie zurück. Ich war spät aufgestanden und hatte die Nacht unbequem gelegen. Aber nun schien die Sonne und es ging weiter.

Røvollen besteht aus drei kleinen Holzhütten auf einer Lichtung in etwa 4 Kilometer Entfernung zum Ufer des Femundsees. Beinahe wie in einem Märchenfilm stolzierte ein majestätisches Rentier mit respekteinflössendem Geweih über den Hof und verschwand schließlich im Wald. Ohne die Kamera anzurühren ließ ich das Tier vorbeiziehen und blieb selbst einfach stehen.

Heidelbeersträucher, saftige Gräser und das junge Birkenlaub umsäumen in üppigem Grün den Weg. Feuchtes Moos bedeckt den gesamten Waldboden und farbige Flechten überziehen die zahllosen Steine. Insekten umschwirren die gelben Farbtupfer der Butterblumen und das Mittagslicht der Sonne verleiht allem einen lebendigen Glanz. Hier ist die Natur frisch und rein.

Über ein ausgedehntes Sumpfgebiet und vorbei an namenlosen Seen führte der Weg wieder bergan auf das Fjell. Wollgras schaukelte sanft in den Wellen und eine graue Wolkendecke überzog nun das spiegelnde Wasser.

Entgegenkommende Wanderer machten mich auf die Anwesenheit eines Elches aufmerksam. Von da an blieb die Kamera, ausgerüstet mit dem Teleobjektiv und voreingestellten Belichtungswerten, griffbereit in der Hand. Immer wieder hielt ich inne, machte einen großen, halb springenden Schritt über den Morast zum nächsten Stein und sah mich in ständiger Erwartung um. Der König der skandinavischen Wälder könnte in all seiner Pracht und Anmut unverhofft auftauchen. Tat er aber nicht – jedenfalls nicht an diesem Tag.

 

In feurigen Farben verabschiedete sich am Abend die Sonne mit einem malerischen Sonnenuntergang. Das Streiflicht ließ Gräser, Baumwipfel und Felsen aufglühen; ein ferner Gipfel erstrahlte in romantischen Rottönen als sei er ein dampfender Vulkan. Die Bühne dieses Naturschauspiels würde diese Nacht mein Schlafplatz sein. Bis hierhin bin ich gegangen und hier lasse ich mich nieder. Auf einer kleinen Anhöhe, im Halbkreis von einem Gebirgsbach umflossen, stand das Zelt.

Kein Mensch und keine Spuren von Zivilisation weit und breit. Zu Fuß allein hierher gekommen zu sein und zu erleben, wie die Natur ihre schönen Künste einem einzigen Zuschauer darbietet – ja, keinen Eintritt oder Applaus verlangt, sich nicht verneigt und einfach scheint und singt und sich bewegt, auch wenn niemand zusieht und bewusst erlebt – das ist Wahrnehmung eines unendlichen Reichtums.

 

Wege und Vegetation

Zielpunkt des nächsten Tages war die von meinem Übernachtungsplatz etwa 13 Kilometer entfernte Hütte Løsnåvollen. Die Alm befindet sich knapp außerhalb der Nationalparkgrenze an einer privaten Zufahrtsstraße, die entlang des Sees Feragen in ein gleichnamiges Dorf führt. Feragen ist über die E31 von der nächstgrößeren Stadt Røros zu erreichen. Diese Verbindung spielte für meine Reise freilich kaum eine Rolle; ich prüfte nur vorsorglich die nächstgelegenen Ausstiegsmöglichkeiten, falls irgendetwas passieren sollte.

Daran war an diesem schönen, sonnigen Morgen jedoch nicht zu denken. Bereits gegen halb sieben erwacht, startete ich ungewohnt zeitig in die bevorstehende Tagesetappe. Dem strahlend blauen Himmel nach zu urteilen, würde das Wetter sogar ausnahmsweise beständig bleiben. Die bevorstehende Strecke erwies sich als besonders sehenswert und abwechslungsreich.

Mein Übernachtungsplatz und Startpunkt war eine Weggabelung am Seengebiet des Volsjøan – nur 5 Kilometer von der norwegisch-schwedischen Grenze entfernt. Dahinter befindet sich in Schweden das Skedbrofjället mit einer gleichnamigen Übernachtungshütte im Gebiet des Rogen. Das gut markierte Wegenetz lässt also viel Freiraum zur individuellen Tourenplanung und ist meiner Einschätzung nach auch für reine Hüttenwanderungen geeignet.

Aufgrund des rauhen Klimas und der kurzen Vegetationsperioden wachsen die Bäume hier nur sehr langsam. Dafür haben einige der Kiefern ein Alter von bis zu 500 Jahren erreicht. Abgestorbene Stämme sind oftmals von einer leuchtend grün-gelblichen, büschelartigen Flechte bewachsen, die mit Ausnahme dieser Region hier im Gränslandet ansonsten in Skandinavien sehr selten vorkommt und außerdem vom Aussterben bedroht ist: die Wolfsflechte. Wie ich erst im Nachhinein erfuhr, enthält sie die hochgiftige Vulpinsäure. Dieses Gift lähmt die Atmungsorgane. Also gilt: Fotografieren ja, aber auf keinen Fall anfassen!

Nach 1,5 Kilometern, kurz vor dem See Nedre Muggsjøen, war eine Furt zu queren. Glücklicherweise erwies sich das Gewässer als flach genug, um trockenen Fußes das andere Ufer zu erreichen. Meine schweren Leder-Bergstiefel hielten absolut dicht. Ein über den Fluss gespanntes Seil hilft dem Wanderer bei höheren Wasserständen das Gleichgewicht zu halten.

Und dann war der eben genannte See erreicht. Direkt und unverfehlbar am Weg gelegen, umsäumte ein weißer, einladender Sandstrand das Ufer und verlockte bei gleißendem Sonnenschein mit seinem seichten, absolut klaren Wasser zum Bade. Es war mir zu kalt für ausgedehntes Schwimmen – die Erfrischung nach dem tagelangen Schwitzen aber sehr willkommen; da sollte man nicht lange zögern. So nutzte ich die Gelegenheit auch gleich zum Wäschewaschen.

Die verlassene Alm

Auf halber Strecke erschien auf einer blühenden Sommerwiese die verlassene Alm Muggsjølia mit ihren urigen Blockhütten. Diese befindet sich als Denkmal in Staatseigentum und darf betreten und als Rastplatz für eine Pause oder eine einzelne Nacht genutzt werden. Die Geschichte dieser mit Grassoden gedeckten Hütten ist geprägt vom einfachen, abgeschiedenen Bauernleben und damit verbundenen Naturerlebnissen, die wir heute ignoranterweise vielleicht als Aberglauben bezeichnen würden.

 

Ihre Kühe galten den hier lebenden Bauern als der wertvollste Besitz. Vermutlich maß sich daran ihr Reichtum, wie die in den Türbalken des Stalles eingeritzten Namen der Weidetiere verraten. Der Hof wurde bis in das Jahr 1895 bewirtschaftet und schließlich aus Angst vor den hier lebenden „Unterirdischen“ aufgegeben. Zum Schutz vor diesen Geistern war es Brauch, ein Messer in die Wand über dem Bett zu rammen – so tat es Hans Olof Hansson, der sich 38 Jahre bis zu seinem Tod 1946 in der Femundsmarka aufhielt, als er gezwungenermaßen eine Nacht in Muggsjølia verbringen musste.

Nahe der umliegenden Moore fanden die Bauern ergiebige Mähwiesen vor, deren Heu in gesonderten Scheunen als Winterfutter für die Kühe aufbewahrt wurde. Leider brannte die Almhütte in den 1950er Jahren ab. Die staatliche Forstverwaltung setzte die Wirtschaftsgebäude in Stand und ließ 1982 auch die Almhütte schließlich wieder aufbauen. Dabei wurden teilweise sogar alte Materialen wiederverwendet.

Die Frage, ob mit dem Feuer damals auch die „Unterirdischen“ verschwunden sind, muss jeder Besucher selbst herausfinden. Ich hatte – noch bevor mir der Text mit der Geschichte vorlag – das Gefühl, mich nicht allzu lange hier aufhalten zu wollen.

Übrigens wird in diesem Teil der Femundsmarka eindringlich vor Moschusochsen gewarnt. Diese bis zu 400 Kilogramm schweren Pflanzenfresser werden dem Menschen in der Regel nicht gefährlich, können jedoch – wie viele andere Tiere auch – angreifen, wenn sie erschreckt werden, Junge haben oder sich bedroht fühlen. Sie gelten als unberechenbar. Stets sollte ein Sicherheitsabstand von 200 Metern eingehalten werden. Im Falle eines Angriffs trage der Mensch die volle Verantwortung für alle Konsequenzen, so heißt es auf den Warnhinweisen. Es kann meiner eigenen Erfahrung nach jedoch Situationen geben, in denen man unverhofft auf ein solch großes Tier treffen kann, ohne vorher von ihm Kenntnis genommen zu haben. Später dazu mehr.

Ljøsnåvollen

Nach den Pausen am See und der Alm sollte es nun wieder etwas zügiger voran gehen. Ich entschied mich, die verbleibenden 7 Kilometer etwas straffer durchzuwandern. Nicht zuletzt auch wegen der brennenden Sonne über dem schattenlosen Abschnitt oberhalb der Baumgrenze, der den Großteil des Weges zwischen Muggsjølia und Ljøsnåvollen ausmachte. Nichtsdestotrotz begeisterte die Aussicht auf zahlreiche kleine Seen und Sumpfgebiete inmitten ausgedehnter Nadelwälder vor der Kulisse des nördlich gelegenen Gebirge um den Storviglen (1561m).

Hinter dieser Bergkette verbirgt sich das Tal des Tännån und die Fortführung der bereits angesprochenen E31 von Røros auf schwedischer Seite (E84). An dieser Straße lag auch mein angestrebtes Ziel für die nächsten ein bis zwei Tage: die Kleinstadt Funäsdalen. Von meiner Kungsleden-Wanderung wusste ich, dass es dort eine Einkaufsmöglichkeit geben würde. Dementsprechend entspannt sah ich auch den schwindenen Vorräten entgegen; hatte dies doch den angenehmen Nebeneffekt eines leichteren Rucksacks.

Schon die ersten Blicke durch das Geäst des Waldes auf die noch heute bewirtschaftete Alm Ljøsnåvollen wirkten wie eine Zeitreise. Dann, am Weidezaun stehend, konnte ich beobachten, wie gerade Heu geerntet und zum Trocknen aufgehangen wurde. Ein uralter, roter Traktor knatterte über die Wiese; dennoch schien vieles hier pure Handarbeit zu sein. Mit kräftigen Hieben schwang der Bauer einen Hammer, um neue Pfähle zu setzen. Das aufgestapelte Feuerholz vor der Scheune gab eine Ahnung der dahinterstehenden Arbeit.

Die urigen Übernachtungshütten wirkten umgeben von frischem Grün, den liebevoll dekorierten, blühenden Blumen umsäumt von sonnenbeschienenen Steinmauern beinahe unwirklich idyllisch. Das Muhen der Kühe von der Wiese, der Duft nach trockenem Heu. Die Wärme und friedliche Ruhe. Wer hundert Jahre alt werden will, der lasse sich hier nieder.

Auch wenn die Hütten noch so gemütlich und einladend waren, verbrachte ich die Nacht wie gewohnt im Zelt – ein paar hundert Meter bergauf im Wald über Ljøsnåvollen. Am nächsten Tag sollte es dann in einer langen Gebirgsetappe zurück nach Schweden in den Ort Fjällnas an der bereits erwähnten Fernstraße gehen.

 

Plagegeister

Der Einfachheit halber kam an diesem Abend mal wieder der Spiritusbrenner zum Einsatz. Das ging einfach schneller und die Mücken hatten weniger Zeit, mir auf die Nerven zu gehen. Sobald ich nicht mehr unterwegs war, verbrachte ich die Zeit überwiegend im Zelt um zu essen oder zu schlafen. Gewisse Bedürfnisse müssen jedoch draußen geregelt werden und zur Freude der sechsbeinigen Vampire auch mit heruntergelassenen Hosen. Das kann richtig nervenaufreibend werden, seine Geschäfte inmitten eines solchen Schwarmes zu verrichten. Nicht, dass die Stellung an sich mit müden Beinen schon strapazierend genug wäre, so ist der notbedürftige Waldbesucher unentwegt damit beschäftigt, nach diesen erbarmungslos gierigen Biestern zu schlagen, ehe sie ihm in die entblößte Haut stechen. Oft erwischt man eines der erfolgreicheren Tiere und kommt mit Blut an den Händen aus dem Wald zurück.

Grenzgänger im Gränslandet

Man kann sich nicht vor allem gleichzeitig schützen. Der nächste Morgen empfing mich mit brennender Sonne und noch immer: Mücken. Auf lange Sicht gesehen war mir die Sonnencreme in diesem Fall lieber und so versuchte ich, wie in ‚Corpse-Paint‘ Manier, weiß eingecremt an Armen und Gesicht, ständig in Bewegung zu bleiben. Irgendwann musste ich dabei den ohnehin schlecht markierten Weg aus den Augen verloren haben und war nicht mehr sicher, dem offiziellen Weg oder einem der zahlreichen, irreführenden Wildpfade zu folgen. Nach dem Durchschreiten der Baumgrenze versuchte ich zunächst, meinen ungefähren Standort mithilfe von Kompass, Karte und der umliegenden Landschaft zu bestimmen, was nicht so recht gelang. Die Entfernungen waren einfach zu groß und der Kartenmaßstab zu klein. So querte ich den Hang zunächst mit nur geringem Höhengewinn – in der Hoffnung, noch auf den offiziellen Weg zu treffen. Nach einiger Zeit wurde die Vermutung jedoch Gewissheit und so entschied ich, mir selbst einen geeigneten Weg über das Fjell zu suchen.

Sobald die Baumgrenze mit ihren niedrigwachsenden, üppigen Sträuchern passiert war, wanderte es sich auch in weglosem Gebiet recht mühelos und die grandiose Fernsicht ließ eine vorausschauende Routenplanung zu. Weiter oben am Berg, kurz vor dem Plateau, nahm der Hang jedoch Formen einer terrassenartigen Abstufung an, sodass die Sicht immer nur bis zur nächsten Erhebung reichte. Gelegentlich wuchsen Teppiche aus satt-grünem Farn wie kleine Oasen aus der weiten Geröllwüste. Und an einer solchen stand unverhofft ein Tier, welches ich nicht identifizieren konnte. Ich wanderte gerade nichtsahnend über die Kante einer dieser Terassen und erblickte in bedrohlich naher Entfernung – ich kann es im nachhinein nicht mehr genau angeben – einen großen, braunen, etwas plump und dick aussehenden Rumpf, oder jedenfalls dessen Hinterteil.

„Ein Bär!“, dachte ich erschrocken und kehrte sofort um. Die Sichtung dauerte weniger als 3 Sekunden, da ich sofort und gewissermaßen aus der laufenden Bewegung heraus den Rückzug angetreten hatte. Den Gedanken, ein Foto zu machen verwarf ich geistesgegenwärtig sofort. Und während ich mich zügig in entgegengesetzte Richtung fortbewegte – solange, bis ich mich wieder in Sicherheit fühlte und kurz verschnaufen konnte – dachte ich darüber nach, wie aussichtlos eine Angriffssituation gewesen wäre. Es gäbe keine Möglichkeit zur erfolgreichen Flucht oder Gegenwehr. Ein völliges Ausgeliefertsein.

Was es nun genau gewesen ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Für ein Rentier war es zu breit; außerdem hätte ich ein solches sofort erkannt. Ein Elch wäre in dieser Höhe im Gebirge unwahrscheinlich; zudem wirkte das Tier wesentlich rundlicher und hatte kürzere Beine. Hier im Grenzgebiet gab es Mitte der 1980er Jahre ca. 30 Moschusochsen; allerdings hatte sich diese Herde aus nur 5 Tieren gebildet, die aus dem norwegischen Dovrefjell hierher ins sogenannte Gränslandet zwischen Norwegen und Schweden gewandert sind. Deren Zahl ist – vermutlich aufgrund der Inzucht – auf heute 7 gesunken. Über die Anzahl der dort lebenden Bären habe ich keine Information gefunden aber allein die Tatsache, dass ich ein einzelnes Tier und keine Herde gesichtet habe, weist eher auf einen Bären hin.

Von nun an suchten meine Augen das umliegende Gelände in ständiger Voraussicht ab, um eine weitere überraschende Begegnungen dieser Art zu vermeiden. Ich hatte einfach Glück gehabt nicht bemerkt worden zu sein. Hier allein – und fernab der Wege in einer Welt, in der die Regeln von anderen Wesen gemacht werden.

Über karges Gebirge zurück nach Schweden: hier gehts weiter zu Teil 3.


Liste der verwendeten AusrüstungTestbericht zu meinem Daunenschlafsack

1 Kommentare

  1. Eine raue Landschaft ist das, dann aber auch wieder farbenfroh. Ich denke die Farbenjagd war erfolgreich, man ist wie bei der Wanderung dabei.

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