Fotografie, Gedanken
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Eine Radtour nach Bebenhausen

Wochenende – was nun?

Was für ein schöner, sonniger Samstag im Februar – perfekt für eine Radtour! Da nichts im voraus geplant war, musste vormittags zunächst schnell ein Ziel gefunden werden. Zur Wahl standen die Schwäbische Alb oder der Naturpark Schönbuch. Beides hatte seinen Reiz, letztendlich entschied ich mich für das Kloster Bebenhausen bei Tübingen und somit für eine Fahrt durch die Waldgebiete des Schönbuchs.

Mein Startpunkt ist der Ort Stetten in der Nähe des Stuttgarter Flughafens. Auf einer Anhöhe über der fruchtbaren Filderebene gelegen, komme ich somit jedes Mal zunächst in den Genuß einer schnellen Abfahrt hinunter ins idyllische Siebenmühlental, welches bei schönem Wetter viele Wanderer anzieht und mit einigen Einkehrmöglichkeiten in ehemalige Mühlen aufwartet.

Radfahren und Lebenseinstellungen

Die „Alte Poststraße“ ist, da asphaltiert, angenehm zu befahren. Nur sehr wenige Autos verkehren, was man als Radfahrer insbesondere beim Anstieg sehr zu schätzen weiß. Was ist schlimmer, als Abgase inhalieren zu müssen, wenn man der Anstrengung wegen tief einatmen muss?! Die Fortbewegung allein durch Muskelkraft, Nahrung und Wasser als Treibstoff – wie dekadent, faul und egoistisch erscheint dagegen das beinah untätige Sich-Tragen-Lassen einer Autofahrt, wo der Wille zum Hinfortkommen allein mit einem Druck auf das Gaspedal umgesetzt wird; in Ignoranz der Tatsache, welche unverhältnismäßige Belastung dabei Mitmenschen und Umwelt zugemutet wird. Beim Thema Automobil wird dem Einzelnen derartig viel Freiheit zugesprochen, dass es für die Allgemeinheit schon schädlich wird. Sicher, eine logische Konsequenz unseres Zeitgeistes, der mit Verboten und Regulierungen allein nicht beizukommen ist.

Bei Sonnenlicht, blauem Himmel und dennoch frischer Temperatur radelt es sich am besten. Kein Frieren, kein Schwitzen. Auch nicht, wie im Sommer, Sonnenbrandgefahr. Sportliche Ambitionen sind mir weitestgehend fremd. Als sinn- und zweckgebunden handelnder Mensch ist mir das Fahrrad in erster Linie ein Mittel der Fortbewegung und das Ziel der Antrieb meines Willens. Sich seiner Art bewusst zu sein; sie zu bejahen und zu erkennen, ist in vielen Belangen des Lebens von großer Bedeutung. So auch in scheinbar unbedeutenden Dingen, wie eine Radfahrt oder Wanderung.

Gleichgewicht und Mitte ist Harmonie – und um dies zu erreichen, ist ein sensibles Navigieren und Gegensteuern von Nöten, um auf Kurs zu bleiben und nicht aufzulaufen. Darum nehme ich mir Zeit, ohne dabei zu trödeln. Ich steige vom Rad und schaue grasenden Schafen zu. Hole die Kamera aus dem Rucksack und mache ein paar Fotos.

Die Uhrzeit ist von geringerer Bedeutung als die gefühlte Zeit, die sich durch das Erleben definiert.

„Ist zu wenig Luft auf den Reifen oder fehlt es mir an Kondition?“ Ein geprächiger Schwarm bunter Trikots zieht an mir vorbei. Für sie steht das gemeinschaftliche Erleben im Vordergrund; der soziale Austausch in Verbindung mit körperlicher Betätigung. Ich hingegen war nie in einem Verein und würde mich in einer solchen Gruppierung bald wieder nach mir selbst sehnen und die Flucht ergreifen.  Weil es die Art so will; es ist der germanische Schicksalgedanke, dass man unweigerlich erfüllt, was man ist. Daher „sensibles“ Gegensteuern – wer das Ruder gewaltsam und in Furcht gebannt herumreisst, zerbricht es und geht unter.

Ein hochseetüchtiges Schiff braucht Tiefgang, um in den Wellen der rauhen See nicht zu kentern.

Vom Schäferhund und einem Raubvogel

Ein schwarzer Hütehund wacht in ruhender Aufmerksamkeit auf die grasende Herde Schafe, die sich wie ein beige-weißer Wollteppich über das noch matte Grün der Flurlandschaft legt. Selbst mein Vorbeifahren kann seinen scharfen Blick nicht ablenken, er geht völlig in seine Aufgabe auf. Eine verdichtete Instanz an Konzentration und Disziplin. Sicherlich, dieser Hund ist abgerichtet und erzogen worden. Aber im Sinne, wie man einen Diamanten schleift – die Veranlagungen des Hundes werden mit der Aufgabe des Schafehütens zu einer höheren Vollkommenheit gebracht. Dieses Tier erweckt Ehrfurcht und ist trotz seiner Domestizierung frei, weil es das Schicksal seines ureigenen Wesens erfüllt.

Der Radweg nach Tübingen ist gut ausgebaut und führt entlang der Landstraße durch den Laubwald des Schönbuchs. Ein imposanter Raubvogel observiert auf einem Zaun sitzend die unter ihm liegende Wiesenfläche. Mein Herannahen veranlasst ihn zur Flucht und mir kommt die Frage, wie sich der Antrieb dafür in diesem Vogel gestaltet. Ist da ein bewusster Widerwillen, ist da Furcht ums Leben oder handelt es sich um einen Instinkt, der die Schwingen ausbreiten und das Tier hinfortgleiten lässt. So majestätisch und anmutig fliehen nur wenige Wesen. Und doch weiß der Gefiederte, ohne darüber nachdenken zu können, um die schleichende Präsenz des Todes – ist in unbewusster Sorge um das Fortbestehen seiner Art. Ständiges Vetriebenwerden kostet ihn Kraft. Für uns ist sein Flug ein Inbegriff von Freiheit. Für seinen Organismus ist es unbewusste Berechnung; er fliegt nur, wenn es Erfolg auf Beute und damit Energie verspricht – oder eben, wenn Gefahr droht.

Ankunft in Bebenhausen

Ein Schild mit der Aufschrift „Neubau des Radweges“ veranlasst mich, die asphaltierte Strecke zu verlassen und in den Wald abzubiegen. Auf Schotterwegen führt die Strecke vorbei an einem Wildgehege direkt nach Bebenhausen. Bald zeichnen sich im Dunst der Ferne und des Gegenlichts Fachwerk, alte Mauern und Türme ab. Dort hinter dem Birkenweiher und Wiesenhängen steht das imposante Relikt einer vergangenen Zeit ohne befremdlich zu wirken. Eingebettet in die Idylle der umgebenden Landschaft ergibt sich ein stimmiges Bild.

Reisen ist vor allem Bewegung des Geistes.

Das Rad kette ich an eine Laterne am Parkplatz und steige mit der Kamera in der Hand durch steinernen Torbogen und engem Gang auf die burgähnliche Anlage. Die Geschichte des Kloster, all die Daten und Fakten sind mir nicht von Interesse. Meine einzige Sorge ist es, wie sich die überwältigende Flut von schönen Winkeln angemessen fotografisch abbilden lässt.

Ich muss gegensteuern – ruhiger werden. Erstmal stehenbleiben, anschauen, wirken lassen. Es gibt keinen Grund, sich zu hetzen. Als besondere Herausforderung und einfach des Gewichts wegen, habe ich lediglich eine 50 mm Festbrennweite dabei. Die fehlende Zoommöglichkeit führt unweigerlich zu einer intensiveren Befassung mit dem Motiv und lässt mich vor und zurück gehen, bis das Bild endlich erfasst ist.

Statt detaillierter Beschreibungen, für die es mir ohnehin teils an Fachwissen mangelt, lasse ich die Bilder sprechen, um Euch einen Eindruck von der Architektur des ehemaligen Klosters zu geben. Das facettenreich in grün beziegelte Dach des südlichen Turmes erinnerte mich an Beschreibungen der Smaragdstadt in einem Buch meiner Kindheit: „Der Zauberer von Oz“. Eine Besichtigung der Innenräume des Klosters Bebenhausen habe ich versäumt, hole dies aber vielleicht später nach.

Die Klosteranlage in Bildern

Mit Holzfeuer kochen

Nach dem Rundgang fuhr ich noch einen Kilometer weiter zu einer Stelle, wo der sogenannte „Olgahain“, ein naturnaher Waldpark, der als besonders idyllisch angespriesen wurde, zu finden sein sollte. Jedoch war der Lauf der Sonne schon fortgeschritten und die Natur Ende Februar noch nicht erwacht, weswegen ich vom Besuch abließ und stattdessen eine Feuerstelle aufsuchte um eine warme Mahlzeit zu kochen.

Für diesen Zweck hatte ich meinen neuen, leichten Titan-Holzvergaser-Kocher dabei (meinen ausführlichen Test mit Video findet Ihr hier). Dessen Handhabung bedarf aufgrund seiner geringen Größe einige Übung, die ich bei dieser Gelegenheit etwas vertiefen wollte, bevor es auf große Tour geht. Dabei ließ sich feststellen, dass bei einer solch kleinen Brennkammer im Gegensatz zum großen Falthobo trockenes Holz von größerer Bedeutung ist. Das stetige Nachlegen erfodert viel Fingerspitzengefühl hinsichtlich Menge und Dicke des  Brennmaterials. Mit etwas Geduld und Beharrlichkeit konnte ich letztendlich meine heiße Suppe aus roten Linsen und vorweg getrocknetem Gemüse genießen. Gestärkt trat ich die Rückfahrt an.

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