Kreation, Poesie
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Ein Waldspaziergang

Kürzlich unternahm ich einen Spaziergang durch den Wald, dessen verbliebene Blätter von den letzten warmen Strahlen eines sonnigen Früh-Novembertages golden durchflutet wurden. Tief fiel das Licht ein und warf lange, harte Schatten auf den Boden, durch dessen Laubmantel sich unzählige kleine, kahle Buchen emporstreckten. In wenigen Wochen werden nur noch die Zweigspitzen wie dürre Finger aus der verharrschten Schneedecke ragen und im Weiss kontrastieren.

Ein langer Wiesengrasstreifen, bepflanzt mit Obstbäumen, schnitt durch den Wald. Sicherlich würde hier am Morgen grau der Nebel hängen, in dessen Schutz Rehe das taufrische Grün äsen. Ich sah rote Beeren vor dunkelgrünen Blättern; als ob sie an ihren Platz dekoriert worden wären. Die helle Felskante der Alb erhob sich aus dem Steilhang wie ein schroffes Kunstwerk eines Steinmetzes. Totholz lag kreuz und quer und dennoch in harmonischem Anteil im Meer aus gold-gelbem Laub. Ein flinkes Eichhörnchen sprang an die zerfurchte Rinde einer Eiche, krallte sich fest und wartete regungslos ab. Bald rannte es in Windeseile den Stamm hinauf, verweilte wieder und klopfte mit dem buschigen Schwanz aufs Holz. Nach dieser Warnung machte es einen Satz auf die dünnen Äste des Nachbarsbaumes und verschwand in den Kronen vorm Himmelsblau in seiner Welt.

Wenn ich durch solche Wälder gehe, erfahre ich deren Schönheit mit allen Sinnen. Ich erblicke überall naturgewachsene Kunstwerke; es ist, als wandle ich durch eine Galerie unter freiem Himmel. Wie alles seinen rechten Platz hat, ohne dass dafür überlegt oder geplant worden wäre… Wie alles zueinander spielt; einen Kreislauf bildet und immer wiederkehrt. Dies zu erfahren erfüllt mich mit Glück und Dankbarkeit; hier fühle ich mich zuhause und geborgen. Ein wichtiger Sinn des Lebens muss wohl sein, Schönheit zu finden und sie zu kultivieren. Motive drängen Schritt auf Schritt in mein Bewusstein; ich sehe mit dem Auge des Fotografen; kneife ab und zu das Linke zusammen um die Tiefenwirkung der Perspektive zu prüfen. Ich habe keine Kamera dabei; einzig das Gedächtnis speichert die Eindrücke scheinbar schemenhaft. Scheinbar deshalb, weil sie bei ruhendem Bewusstsein wieder lebendig werden können und die Träume schmücken.

Als ich auf der schief gewachsenen Eiche saß, deren Stamm dem Verlauf des Bodens folgte, meine Hände über die vermooste, grobe Rinde glitten und wie ich mich festhielt an dieser altehrwürdigen Erscheinung, die am Rande der Bruchkante hoch über dem Tal stand – da empfand ich eine innige Verbindung; vielleicht sogar Kommunikation. Letztes Jahr in Schweden belächelte ich noch etwas die Behauptungen der jungen Frau, sie könne mit Bäumen sprechen; nun glaube ich zu wissen, was sie empfindet.

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